Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ich stöhn­te auf. So die Tat­sa­chen durch­ein­an­der­wer­fen konn­te auch nur ei­ne Frau, die zeit mei­nes Le­bens hin­ter ih­rer Gar­di­ne ge­stan­den und die Nach­bar­schaft aus­spio­niert hat­te.

Sie hat­te mei­ner Mut­ter mal ge­petzt, dass sie mich mit ei­nem Freund im Gar­ten ge­se­hen ha­be. Aus ei­nem harm­lo­sen Kuss war ei­ne wil­de Knut­sche­rei ge­wor­den. Zu al­lem Übel hat­te Frau Kroh noch be­haup­tet, wir hät­ten „wie die Schlo­te ge­raucht“. Als sie mei­ner Mut­ter all das er­zähl­te, hat­te sie gie­rig an ei­ner Zi­ga­ret­te ge­so­gen.

„Pa­pa hat für mei­ne Pa­ti­en­tin Frau Bau­mann da an­ge­ru­fen, für die, die ih­re Schwes­ter sucht. Das hab ich dir doch er­zählt. Völ­lig harm­los. Die Schwes­ter ist mehr als zehn Jah­re äl­ter als Pa­pa. Über­haupt kei­ne Kon­kur­renz, okay?“Ich woll­te ein­fach nur, dass sie sich ab­reg­te. An­de­rer­seits hat­te ich kurz ge­zö­gert, ob ich sie nicht ein we­nig zap­peln las­sen soll­te. Nach dem, was sie sich in letz­ter Zeit ge­leis­tet hat­te, hat­te sie ja wohl ein we­nig Un­ge­wiss­heit ver­dient. So herz­los war ich dann aber doch nicht.

Mei­ne Mut­ter wur­de ur­plötz­lich nach­denk­lich. „Stimmt das, Char­lot­te?“

„Ja, sonst wür­de ich es ja wohl kaum sa­gen. Hast du über­haupt mal Pa­pa sel­ber ge­fragt?“

Mei­ne Mut­ter wur­de noch stil­ler, was be­wies, dass sie mal wie­der den Um­weg über die Öf­fent­lich­keit ge­gan­gen war, an­statt dem Ver­däch­ti­gen die Mög­lich­keit zu ge­ben, sich zu ver­tei­di­gen. Ich konn­te nur hof­fen, dass Frau Kroh noch nicht der ge­sam­ten Stra­ße von den Neu­ig­kei­ten rund um mei­nen weibs­lüs­ter­nen Va­ter er­zählt hat­te. Die tau­be Nuss.

„Der ist gar nicht mehr an­sprech­bar!“, sag­te mei­ne Mut­ter klein­laut. „Er ver­schanzt sich in sei­nem Ar­beits­zim­mer. Des­we­gen dach­te ich, er wür­de am Com­pu­ter mit die­ser Frau schrei­ben.“

Ich prus­te­te kurz los. Dann stock­te ich. Na klar, wer mit WhatsApp um­ge­hen konn­te, kam auch mit Sky­pe zu­recht . . . Trotz­dem.

„Ge­ra­de sitzt er mit dem Nach­bars­jun­gen und die­sem Po­li­zis­ten­nach­barn dei­ner Freun­din in dei­nem al­ten Ju­gend­zim­mer und baut ir­gend­was im In­ter­net“, gab mei­ne Mut­ter be­lei­digt Aus­kunft.

„Mit weeem?“Wie­so war Ines’ Nach­bar bei mei­nem Va­ter? „Was bau­en die denn da?“

„An­geb­lich ir­gend so ein In­ter­net­prä­sent!“

„Was, die kau­fen online Ge­schen­ke?“Das war al­les zu viel für mich. Der Streit mit Kai, die Bahn­hofs­mis­si­on, Ines in dem ro­ten Kleid, Mat­ti, der mich ent­geis­tert an­starr­te, und jetzt mei­ne Mut­ter, die mei­nen Va­ter des Fremd­ge­hens be­schul­dig­te, wäh­rend der sich im World Wi­de Web ver­irr­te.

„Nein, ich mei­ne so ei­ne In­ter­net­prä­senz!“Mei­ne Mut­ter sprach das Wort aus wie die ach­te Tod­sün­de.

„Ma­ma, gib mir mal bit­te so­fort Pa­pa!“

Er ließ aus­rich­ten, er wür­de mich zu­rück­ru­fen. Am Ton­fall mei­ner Mut­ter merk­te ich, wie we­nig es ihr pass­te, die Se­kre­tä­rin für ih­ren Mann zu spie­len, der sich ne­ben­an mit sei­nen neu­en Kum­pels im In­ter­net her­um­trieb.

„Wollt ihr denn am Sonn­tag vi­el­leicht mal zum Kaf­fee kom­men?“

Be­vor ich in die Luft ging, muss­te ich zu­min­dest an­er­ken­nen, dass mei­ne Mut­ter ei­nen zu­rück­hal­ten­den Ton­fall hat­te. Ob sie sich wo­mög­lich ein paar Ge­dan­ken ge- macht hat­te? Das Wort „vi­el­leicht“war schon ein gro­ßer Schritt für sie. Nor­ma­ler­wei­se hät­te so ein Satz eher wie ei­ne An­wei­sung ge­klun­gen, zu der man die Ha­cken an­ein­an­der­schlug und sich den rech­ten Zei­ge­fin­ger an die Stirn tipp­te.

Mei­ne Mut­ter war auch so ein­ge­fah­ren in ih­rem Le­ben, dass es für sie ab­seits des Sonn­tag-Nach­mit­tag-Kaf­fees kei­ne Ter­min-Al­ter­na­ti­ve gab. Hät­te ich bei­spiels­wei­se vor­ge­schla­gen, ob wir uns an ei­nem stink­nor­ma­len Di­ens­tag in ei­nem Ca­fé in der Stadt zum Brunch tref­fen, hät­te sie selbst­ver­ständ­lich na­se­rümp­fend ab­ge­sagt. „Das ist doch viel zu teu­er!“, sag­te sie stets.

Mei­ne Mut­ter war die größ­te Schnäpp­chen­jä­ge­rin. Wenn sie wüss­te, was der In­halt mei­nes Klei­der­schranks wert war, wür­de sie tot um­fal­len. Kai gab bei ei­nem Markt­be­such zehn­mal so viel aus wie mei­ne El­tern beim mo­nat­li­chen Su­per­markt-Ein­kauf.

Wäh­rend der Olym­pi­schen Spie­le war sie rund um die Uhr in Deutsch­land un­ter­wegs ge­we­sen, weil die Bahn für je­de deut­sche Gold­me­dail­le die Be­sit­zer der Gold-Card um­sonst Zug fah­ren ließ. Sie hät­te sich auch mit vier­zig Grad Fie­ber zum Bahn­hof ge­schleppt; kei­nen Ki­lo­me­ter hät­te sie ver­schwen­det. Selbst Nie­der­geck­ler und Gro­thu­sen­koog hat­te sie nicht aus­ge­las­sen. Und auch bei ei­nem Schwipp­sch­wa­ger ei­nes ent­fern­ten Ver­wand­ten drit­ten Gra­des im Schwarz­wald war sie auf­ge­lau­fen. Die hat­ten vor­her noch nicht ein­mal von ih­rer Exis­tenz ge­wusst.

„Nein, Ma­ma, wir kom­men nicht am Sonn­tag.“

„Ist was mit Kai?“, presch­te sie so­fort da­zwi­schen. Auf die Idee, dass es auch an ihr lie­gen könn­te, kam sie nicht.

„Ich ha­be doch ge­sagt, dass ich erst mal mei­ne Ru­he brau­che.“Sehr gut, Char­ly, lass dich nicht klein­krie­gen, bleib stark.

„Aber jetzt ist doch al­les an­ders. Ich dach­te, da wür­dest du mal wie­der vor­bei­kom­men?“

„Wie meinst du das?“, er­kun­dig­te ich mich ru­hig.

„Na ja, ich hät­te ge­dacht, wir hal­ten zu­sam­men, jetzt wo Pa­pa fremd­geht.“Un­lo­gik, du Schwes­ter mei­ner Mut­ter. „Aber das stimmt doch gar nicht.“„Ich ha­be es aber ge­dacht!“, gab sie zu­rück. Na klar. Sie hoff­te auf mein Mit­leid.

„Tschüs, Ma­ma.“Ich leg­te auf. Wie­der hat­te ich es ge­schafft, mich nicht weich­klop­fen zu las­sen.

Als ich spä­ter Mat­ti ins Bett brach­te, frag­te ich mich, wie sie das mit der ge­rech­ten Stra­fe ge­meint hat­te.

Ich be­lohn­te mich mit ei­ner Tü­te Salz­bre­zeln, die ich in der Kü­che ge­fun­den hat­te, und mach­te es mir auf dem So­fa be­quem. Ich wür­de die Nacht mit ihm ver­brin­gen, mit dem ei­nen, der so zu­ver­läs­sig war. Im­mer zur Stel­le, wenn man ihn brauch­te. Auf Knopf­druck.

Ich schal­te­te den Fern­se­her ein, steck­te mir ge­nüss­lich ei­ne Bre­zel in den Mund und streck­te mich un­ter der De­cke aus. Die hat­te ich, wie von Ines an­ge­kün­digt, im Schlaf­zim­mer ge­fun­den. Be­wun­dernd war mein Blick über ihr Klei­der­sor­ti­ment ge­fal­len. Da wa­ren so schi­cke Tei­le da­bei. Ich hat­te kurz über­legt, ob ich das nacht­blaue Kleid mit dem VAus­schnitt an­pro­bie­ren soll­te. Das ge­fiel mir be­son­ders gut, weil die Far­be der mei­ner Au­gen äh­nel­te. Im letz­ten Mo­ment hat­te ich mich zu­rück­ge­hal­ten.

(Fort­set­zung folgt)

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