GERD MÜL­LER (CSU) „Der Streit um Flücht­lin­ge ist ei­ne Schan­de für Eu­ro­pa“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - MICHA­EL BRÖ­CKER UND MARTIN KESSLER FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

Der Ent­wick­lungs­mi­nis­ter warnt vor ei­ner neu­en Mas­sen­flucht aus Afri­ka, wenn der Wes­ten nicht ent­schie­den han­delt.

Beim Mit­tag­es­sen in Düs­sel­dorfs In­dus­trie­club re­det Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) Ma­na­gern und Un­ter­neh­mern ins Ge­wis­sen. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on sagt er, was der Wes­ten in der Flücht­lings­kri­se jetzt tun muss. Ist die Mas­sen­flucht nicht auch ein Auf­stand der Ar­men ge­gen die glo­ba­le Un­gleich­heit? MÜL­LER Das stimmt. Vie­le Men­schen ha­ben kei­ne an­de­re Chan­ce als zu flie­hen, wenn sie über­le­ben wol­len. Ste­hen wir al­so erst am An­fang der gro­ßen Flucht? MÜL­LER Wir müs­sen vor al­lem die Dy­na­mik auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent im Blick ha­ben. Meh­re­re Hun­dert Mil­lio­nen Ju­gend­li­che sind dort oh­ne Job ... ... und wol­len zu uns. MÜL­LER Nein. Die meis­ten wol­len nicht weg aus ih­rer Hei­mat. Aber wenn sie dort kei­ne Chan­ce ha­ben und über ihr Smart­pho­ne er­fah­ren, wie gut wir hier le­ben, ist der An­reiz zur Flucht groß. Wie wol­len Sie die von der Flucht ab­hal­ten? MÜL­LER Wir müs­sen prä­ven­tiv tä­tig wer­den. Das hört sich schön an. Was ist aber, wenn sich Hun­dert­tau­sen­de jetzt auf den Weg ma­chen? MÜL­LER Wir ha­ben in der Ver­gan­gen­heit gro­ße Feh­ler ge­macht. West­li­che Flug­zeu­ge ha­ben et­wa Li­by­en bom­bar­diert, um Gad­da­fi zu stür­zen. Da­nach hat man das Land sich selbst über­las­sen. Jetzt be­dro­hen ma­ro­die­ren­de Tua­reg und der mör­de­ri­sche Is­la­mi­sche Staat die Sta­bi­li­tät gleich in meh­re­ren Län­dern. Man hät­te die Tua­reg ent­waff­nen und staat­li­che Struk­tu­ren auf­bau­en müs­sen. Das ver­ste­he ich un­ter Prä­ven­ti­on. War­um gibt man Mil­li­ar­den für die Flücht­lin­ge hier­zu­lan­de aus, wäh­rend Sie als Ent­wick­lungs­mi­nis­ter um je­den Eu­ro kämp­fen müs­sen? MÜL­LER Ich bin un­se­rem Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le sehr dank­bar, dass er mei­nen Etat in die­sem Jahr um 850 Mil­lio­nen Eu­ro und 2017 um 500 Mil­lio­nen Eu­ro auf­ge­stockt hat. Reicht das? MÜL­LER Wir Deut­schen

leis­ten schon jetzt ei­nen gro­ßen Teil der ak­tu­el­len Hil­fen. Beim World Food Pro­gram­me, der schnel­len Er­näh­rungs­hil­fe, sind es 50 Pro­zent. Aber ich ge­be Ih­nen recht: Wir brau­chen un­be­dingt ei­nen ge­samt­eu­ro­päi­schen Marshall-Plan für die Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se mit ei­nem ei­gen­stän­di­gen EU-Flücht­lings­kom­mis­sar. Ähn­lich dem UN-Flücht­lings­kom­mis­sar? MÜL­LER Ganz ge­nau. Es ist ei­ne Schan­de, dass Eu­ro­pa bei der Be­wäl­ti­gung der Flücht­lings­kri­se nicht bes­ser zu­sam­men­ar­bei­tet. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on soll­te sich ein Bei­spiel an der Uno neh­men. Die UN- Flücht­lings­hil­fe ar­bei­tet sehr ef­fi­zi­ent und hilft. In den Kri­sen­re­gio­nen Afri­kas kommt of­fen­bar je­de Hil­fe zu spät. Auf wel­che neu­en Flücht­lings­strö­me aus die­sem Kon­ti­nent müs­sen wir uns ein­stel­len? MÜL­LER Nach un­se­ren In­for­ma­tio­nen war­ten al­lein in Li­by­en 100.000 bis 200.000 Afri­ka­ner, die aus Staa­ten süd­lich der Sa­ha­ra kom­men, auf ih­re Über­fahrt nach Eu­ro­pa. Die Schlep­per-Ma­fia ist dort schon voll in Ak­ti­on. Und was tun wir? MÜL­LER Wir müs­sen so­fort han­deln. Der deut­sche Au­ßen­mi­nis­ter Fran­kWal­ter St­ein­mei­er küm­mert sich in­ten­siv dar­um, die jet­zi­ge li­by­sche Re­gie­rung zu sta­bi­li­sie­ren. Die Re­gie­rung braucht Au­to­ri­tät, In­sti­tu­tio­nen, Aus­bil­dung von Po­li­zei und den Aus­bau der Küs­ten­wa­che.

FO­TO: ENDERMANN

Gerd Mül­ler (60), ge­bo­ren in Krum­bach in Baye­risch-Schwa­ben, ist seit 2013 Bun­des­mi­nis­ter für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung.

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