Der Traum vom ei­ge­nen Ca­fé

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON LES­LIE BROOK

Vie­le Frau­en lieb­äu­geln da­mit, sich mit dem Ver­kauf ih­rer Ku­chen selbst­stän­dig zu ma­chen. Wir stel­len fünf Grün­de­rin­nen aus NRW vor, die ih­re Ide­en wahr ge­macht ha­ben.

LAN­GEN­FELD Mit 50 war der Ge­dan­ke plötz­lich da: Wenn ich mich ver­än­dern möch­te, dann jetzt. Nach­dem sie drei Kin­der groß­ge­zo­gen und jah­re­lang als Er­zie­he­rin und So­zi­al­ar­bei­te­rin ge­ar­bei­tet hat­te, schien Eri­ka Ters­tesse die Zeit reif, um noch mal et­was ganz an­de­res mit ih­rem (Be­rufs-)Le­ben an­zu­stel­len. Ein klei­nes Ca­fé, in dem sie ih­re Ku­chen ser­vie­ren kann, wä­re ge­nau das Rich­ti­ge, be­fand die Lan­gen­fel­de­rin und be­gann, sich nach ei­nem ge­eig­ne­ten La­den­lo­kal um­zu­se­hen – nicht zu teu­er soll­te die Mie­te sein, „man will sich ja nicht ver­schul­den“, sagt Ters­tesse. Am Ran­de Lan­gen­felds, in Lang­fort, fand sie ei­nen leer­ste­hen­den La­den, nicht ge­ra­de 1a-Lage, aber er­schwing­lich, und sie konn­te sich vor­stel­len, dass er

„Zwei bis drei Jah­re muss man durch­hal­ten – und viel Zeit und auch

Geld in­ves­tie­ren“

Eri­ka Ters­tesse ein hüb­sches Ca­fé be­her­ber­gen könn­te. Das war vor sie­ben Jah­ren. Seit No­vem­ber be­treibt Eri­ka Ters­tesse ein fast dop­pelt so gro­ßes Ca­fé in der Lan­gen­fel­der In­nen­stadt, ge­gen­über dem Rat­haus. Auch das sei ein Wag­nis ge­we­sen, das klei­ne, be­lieb­te Ca­fé zu schlie­ßen und noch mal neu an­zu­fan­gen, ei­nen Schle­cker-La­den um­zu­bau­en – das sich aber ge­lohnt ha­be. Auch die neue „Kaf­fee­zeit“lau­fe sehr gut.

„Ir­gend­wann ma­che ich ein Ca­fé auf“– die­sen Satz sa­gen Frau­en gern, wenn der Job nervt und sie sich ger­ne mit et­was ganz an­de­rem ver­wirk­li­chen wür­den. Die we­nigs­ten aber ma­chen ih­ren Plan B wahr, wol­len die Si­cher­heit ei­ner fes­ten Stel­le nicht für ei­ne ungewisse Selbst­stän­dig­keit auf­ge­ben. Dass sich der Traum vom ei­ge­nen Ca­fé durch­aus rea­li­sie­ren lässt – und zwar mit Er­folg – er­zäh­len auch 20 Frau­en in dem neu­en Buch „Su­gar Girls“. Sie wa­ren frü­her Be­am­tin­nen, Leh­re­rin­nen, Ste­war­des­sen oder Sach­be­ar­bei­te­rin­nen und ha­ben den Schritt ge­wagt, et­was Neu­es zu ma­chen, mu­tig zu sein, ob­wohl man am An­fang nicht weiß, wie es aus­geht, ob Kun­den kom­men – oder ob man viel in­ves­tiert und am En­de wie­der auf­ge­ben muss.

Dass man nicht ein­fach ein La­den­lo­kal an­mie­tet, ein paar Ku­chen backt und dann läuft es rund, zei­gen al­le Bei­spie­le. Am An­fang ste­hen Bu­si­ness­plä­ne und Kal­ku­la­tio­nen, Schu­lun­gen und Hy­gie­ne­vor­schrif­ten, ein Kon­zept und Wer­bung. „Auch ich ha­be ei­nen Ge­schäfts­plan er­stellt, um dann fest­zu­stel­len, dass man ei­gent­lich gar nichts ver­dient, am An­fang klaff­te da so­gar ein Mi­nus­be­trag“, sagt Ters­tesse. „Zwei bis drei Jah­re muss man durch­hal­ten – und viel Zeit und auch Geld in­ves­tie­ren.“Wor­auf man ach­ten soll­te und wel­che Feh­ler man ver­hin­dern kann, er­klä­ren auch die 20 „Su­gar Girls“. Am En­de zah­len sich ih­re Hart­nä­ckig­keit und die gu­ten Ide­en aber aus. Ent­stan­den sind wun­der­schö­ne und sehr in­di­vi­du­el­le Ca­fés, in die man sich ger­ne set­zen wür­de, um dort Pump­kin Spice Cup­ca­kes oder Oran­genRos­ma­rin-Ku­chen zu es­sen.

Ei­nen ge­müt­li­chen Rück­zugs­ort hat Ca­ro­la Bühn mit­ten in der Es­se- ner In­nen­stadt ge­schaf­fen. In ih­rem „Ca­fé Li­v­res“wim­melt es – wie der Na­me schon sagt – vor Bü­chern. Hun­der­te Ro­ma­ne, Koch­bü­cher und Rat­ge­ber sta­peln sich in den Re­ga­len, die aus Wein­kis­ten ge­zim­mert wur­den. Man sitzt in Ses­seln aus den 50ern und an gro­ben Holz­ti­schen, trinkt Kaf­fee, liest, was ei­nem ge­ra­de in die Hand (und hof­fent­lich nicht auf den Kopf) fällt. Die 36-Jäh­ri­ge, die ei­gent­lich aus­ge­bil­de­te Re­gis­seu­rin ist, hat den La­den, der frü­her ein Rei­se­bü­ro war, mit fran­zö­si­schem Flair be­lebt. „Man brauch­te schon Fan­ta­sie, um sich vor­stel­len zu kön­nen, dass dar­aus ein ge­müt­li­ches Ca­fé wer­den könn­te“, sagt Bühn. Doch der Raum ha­be ihr in ge­wis­sem Sin­ne vor­ge­ge­ben, wie man ihn ge­stal­ten kön­ne. Vor­ne vor den Pan­ora­ma-Fens­tern ein gro­ßer Tre­sen, hin­ten ei­ne So­fa­ecke. Im Som­mer sitzt man drau­ßen auf re­stau­rier­ten Kir­chen­bän­ken. In ih­rem Ca­fé tre­ten Künst­ler auf, und wer ein­fach ein Stück Ku­chen es­sen will, ist im Bü­cher­ca­fé auch gut auf­ge­ho­ben. An ei­ner Wä­sche­lei­ne hän­gen Holz­tä­fel­chen mit den Na­men al­ler Ku­chen, die sie im An­ge­bot hat. „Es ist ein Ort zum Auf-dieB­rem­se-Tre­ten“, sagt die 36-Jäh­ri­ge. Ihr Tipp: Das Ca­fé soll­te die Per­sön­lich­keit und die Vor­lie­ben des Be­sit­zers wi­der­spie­geln.

Auf­ge­räumt und mo­dern wirkt da­ge­gen die „roest­bar“in Müns­ter. So hat Sandra Göt­ting ihr Ca­fé ge­nannt und da­mit das in den Fo­kus ge­rückt, wo­rum es ihr vor al­lem geht: rich­tig gu­ten Kaf­fee. Ei­ne Rös­te­rei ha­be es in Müns­ter noch nicht ge­ge­ben, als die Au­gen­op­ti­ke­rin vor rund zehn Jah­ren be­schloss, ei­nen ei­ge­nen La­den auf­zu­ma­chen, in dem die Kun­den den von ihr ge­rös­te­ten Kaf­fee nicht nur kau­fen, son­dern auch trin­ken kön­nen. An­fangs­schwie­rig­kei­ten hat es of­fen­bar nicht ge­ge­ben. Der La­den sei gleich rap­pel­voll ge­we­sen – in­zwi­schen be­treibt die 47-Jäh­ri­ge vier Kaf­fe­bars in der Stu­den­ten­stadt. Ihr Tipp: Auf kei­nen Fall zu schnell auf­ge­ben.

Das Ca­fé „kiez­tört­chen“wür­de man wohl eher in Ham­burg oder Ber­lin ver­mu­ten, tat­säch­lich aber be­fin­det es sich in Dort­mund, ge­nau­er ge­sagt im Kreuz­vier­tel. Vio­let­ta Di­no­va hat lan­ge Jah­re ge­kell­nert, die Vor­stel­lung vom ei­ge­nen Ca­fé gab es bei ihr schon früh. Doch zu­nächst ent­schied sie sich für ei­ne Aus­bil­dung zur Schau­wer­be­ge­stal­te­rin. Als sie dann auf ein leer­ste­hen­des La­den­lo­kal auf­merk­sam wur­de, ent­schied sie sich da­für. Weil das Geld knapp und das Um­ge­stal­ten teu­er war, mach­te sie das Meis­te in Ei­gen­leis­tung und kauf­te Tei­le der Ein­rich­tung auf dem Floh­markt. Ein Ca­fé zu füh­ren, sei ei­ne Her­aus­for­de­rung, sagt die 32-Jäh­ri­ge, aber sie „zieht das durch“. Ihr Tipp: Wer ein Ca­fé auf­ma­chen will, soll­te vor­her in der Gas­tro­no­mie ge­ar­bei­tet ha­ben, um her­aus­zu­fin­den, ob ihm die Art des Jobs wirk­lich liegt.

Ei­ne kon­kre­te Ziel­grup­pe hat­te Chris­tin Rö­mer von An­fang an im Blick. Ihr Ca­fé „ap­fel­kind“rich­tet sich an Fa­mi­li­en. An­fangs stieß ih­re Idee un­ter den An­woh­nern auf Skep­sis. Vie­le Kin­der­wa­gen auf dem Bür­ger­steig war ei­ne Vor­stel­lung, mit der sich vie­le nicht an­freun­den woll­ten. Und auch mit dem Welt­kon­zern App­le leg­te sich die Bon­ne­rin an, denn die be­an­stan­de­ten ihr Ap­fel­lo­go. Die Wi­der­stän­de sind über­wun­den. Und die Ziel­grup­pe liebt es: Kin­der kom­men zum Waf­fel­es­sen, Fa­mi­li­en zum Brunch.

Auch Eri­ka Ters­tesse hat ihr An­ge­bot er­wei­tert: In der obe­ren Eta­ge fin­den in der Re­gel Fa­mi­li­en­fei­ern statt. Fürs Ba­cken ist sie selbst kaum noch zu­stän­dig, dass über­neh­men ein Kon­di­tor­meis­ter und zwei Lehr­lin­ge – „aber sie ba­cken größ­ten­teils nach mei­nen Re­zep­ten“, sagt Ters­tesse. Sie selbst ist mit Or­ga­ni­sie­ren aus­ge­las­tet. Ei­nen Ru­he­tag gibt es in der „Kaf­fee­zeit“nicht, 20 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt sie. Das Ca­fé sei noch im­mer ihr wahr­ge­wor­de­ner Traum, doch dür­fe man sich kei­ner Il­lu­si­on hin­ge­ben: „Das ist har­te Ar­beit. Frei hat man kaum, teils ist man 80 St­un­den pro Wo­che im Ein­satz.“Ihr größ­tes Glück: Ih­re frü­he­ren Stamm­kun­den kom­men in das neue Ca­fé – und die Wohn­zim­mer­at­mo­sphä­re fin­den sie dort noch im­mer wie­der. „Su­gar Girls“, Ja­na Hen­schel, Mei­ke Werk­meis­ter, Ul­ri­ke Schacht, Call­w­ey. 192 S., ge­bun­den, 29,95 Eu­ro

FO­TO: MATZERATH

Eri­ka Ters­tesse (57) hat in Lan­gen­feld vor sie­ben Jah­ren ihr ers­tes Ca­fé be­zo­gen – in­zwi­schen ist die frü­he­re So­zi­al­ar­bei­te­rin in ein zwei­ge­schos­si­ges neu­es Lo­kal ge­zo­gen und bie­tet dort selbst­ge­ba­cke­ne Ku­chen und Tor­ten an.

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