Wie vier Se­kun­den Le­ben ver­än­dern

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON JÖRG ISRINGHAUS

Als Zwei­jäh­ri­ger wur­de Re­né Hei­nen von ei­nem Mo­tor­rad an­ge­fah­ren und le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Für ihn und sei­ne Fa­mi­lie än­der­te sich der All­tag dra­ma­tisch. Es war ein lan­ger Kampf, sich ein Stück Nor­ma­li­tät zu­rück­zu­er­obern.

DÜS­SEL­DORF Vier Se­kun­den an ei­nem Tag vor 35 Jah­ren krem­pel­ten das Le­ben ei­ner Le­ver­ku­se­ner Fa­mi­lie kom­plett um. Ein Mo­tor­rad­fah­rer er­wisch­te den da­mals zwei­jäh­ri­gen Re­né Hei­nen mit dem Stie­fel, der Jun­ge wur­de durch die Luft ge­schleu­dert, er­litt schwers­te Ver­let­zun­gen. „Seit­her ti­cken die Uh­ren für mich an­ders“, sagt Re­nés Mut­ter Ur­su­la Hei­nen. Ihr Sohn war ta­ge­lang be­wusst­los, sein Hirn be­schä­digt, die Ärz­te muss­ten ihn mehr­fach an der Luft­röh­re ope­rie­ren. Sein Weg zu­rück ins nor­ma­le Le­ben war so müh­se­lig wie lang­wie­rig. Heute ist es das An­lie­gen der Hei­nens, Men­schen zu sen­si­bi­li­sie­ren, vor­sich­ti­ger zu fah­ren. Sie wol­len

Re­né Hei­nen hel­fen, ähn­lich fol­gen­schwe­re Un­fäl­le zu ver­hin­dern. Ge­mein­sam mit In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) war­ben Mut­ter und Sohn ges­tern für den nächs­ten Blitz­ma­ra­thon am 21. April. Jä­ger: „Un­fäl­le ver­stüm­meln Men­schen – auch see­lisch.“

Auch für die Hei­nens war es ein lan­ger, jah­re­lan­ger Kampf, sich ein Stück Nor­ma­li­tät zu­rück­zu­er­obern. Rund 50 Ope­ra­tio­nen muss­te Re­né über sich er­ge­hen las­sen und we­gen des Luft­röh­ren­schnitts das Spre­chen erst wie­der neu ler­nen. Für die Mut­ter, die noch ei­nen wei­te­ren Sohn hat, ei­ne gro­ße Be­las­tung. „Ich ha­be nur ver­sucht, je­den Tag rum­zu­be­kom­men“, er­zählt die 68-Jäh­ri­ge. Am An­fang hät­ten noch Freun­de aus­ge­hol­fen, spä­ter de­zi­mier­te sich die Zahl der Un­ter­stüt­zer. Schon bald ha­be die Fa­mi­lie al­lei­ne da­ge­stan­den mit ih­ren Pro­ble­men. Schu­le, Aus­bil­dung, ärzt­li­che Be­hand­lung, al­les muss­te auf Re­nés Be­dürf­nis­se und Mög­lich­kei­ten ab­ge­stimmt wer­den. Sie ha­be ein­mal die St­un­den über­schla­gen, die sie auf­ge­wandt ha­be, um Re­né ein ver­nünf­ti­ges Le­ben zu er­mög­li­chen und sei auf die Zahl 28.000 ge­kom­men. „Bis heute ha­ben mich die Ge­dan­ken an mei­nen Sohn nicht los­ge­las­sen“, sagt sie. „Vor al­lem, wenn ich mir vor­stel­le, dass er oh­ne den Un­fall heute Rechts­an­walt oder Zahn­arzt sein könn­te.“

Rund zehn Pro­zent der Op­fer ei­ner Schä­del­hirn­ver­let­zung la­bo­rie­ren le­bens­lang an den Fol­gen, er­läu­tert Hel­ga Lün­gen, Ge­schäfts­füh­re­rin der „ZNS – Han­ne­lo­re Kohl Stif­tung für Ver­letz­te mit Schä­den des Zen­tra­len Ner­ven­sys­tems“. Rund 270.000 Men­schen er­lei­den je­des Jahr ein sol­ches Schick­sal, da­von et­wa 70.000 durch Un­fäl­le im Stra­ßen­ver­kehr. Rech­net man die Men­schen hin­zu, die in­di­rekt in­vol­viert sind, al­so die An­ge­hö­ri­gen, kommt man auf 2,5 Mil­lio­nen Be­trof­fe­ne. „Und vie­le da­von rut­schen in die so­zia­le Iso­la­ti­on“, sagt Lün­gen. Was auch da­ran lie­ge, dass der Staat den Op­fern zu we­nig Auf­merk­sam­keit schen­ke. Das kri­ti­siert auch Wil­fried Echt­er­hoff, Vor­sit­zen­der der Ver­kehrs­un­fall-Opferhilfe Deutsch­land. Ge­ra­de im Um­gang mit Ver­si­che­run­gen sei der Ein­zel­ne oft über­for­dert, zu­mal die Be­trof­fe­nen nach­wei­sen müss­ten, dass ih­re Be­ein­träch­ti­gun­gen vom Un­fall her- rüh­ren. Echt­er­hoff for­dert da­her, dass der Staat die Op­fer in dem un­glei­chen Kampf mit den Ver­si­che­run­gen ent­las­ten sol­le. Auch dürf­ten Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen nicht, wie es oft ge­sche­he, über Jah­re ver­schleppt wer­den.

In­nen­mi­nis­ter Jä­ger sieht den bes­ten Op­fer­schutz dar­in, Un­fäl­le zu ver­mei­den. Im ver­gan­ge­nen Jahr sei­en auf den Stra­ßen in NRW 524 Men­schen ge­stor­ben, 13.100 wur­den schwer und rund 63.000 leicht ver­letzt. Den­noch wür­den vie­le Men­schen das The­ma ver­drän­gen. „Da­bei kann je­der von uns Op­fer ei­nes Un­falls wer­den“, sagt Jä­ger. Mit dem neu­er­li­chen Blitz­ma­ra­thon, an dem sich meh­re­re Bun­des­län­der und mehr als 20 eu­ro­päi­sche Staa­ten be­tei­li­gen, steht da­her die häu­figs­te Un­fall­ur­sa­che im Fo­kus: über­höh­te Ge­schwin­dig­keit. Als Neue­rung wird laut Jä­ger jetzt kon­zen­triert zwi­schen 6 und 22 Uhr ge­mes­sen. Nach ei­ner Un­ter­su­chung der RWTH Aa­chen zum Blitz­ma­ra­thon vom ver­gan­ge­nen Jahr sind die Tem­po­mes­sun­gen in die­ser Zeit­span­ne am ef­fek­tivs­ten.

Re­né Hei­nen ist schon seit lan­gem selbst mit dem Au­to un­ter­wegs. Angst, sagt er, emp­fin­de er da­bei kei­ne. Über­haupt geht der 37-Jäh­ri­ge recht sou­ve­rän mit sei­nem klei­nen Han­di­cap um. Er selbst re­gis­trie­re nicht die Fol­gen des Un­falls. „Ich mer­ke nichts, nur das Um­feld merkt sie“, sagt er lang­sam und mit lei­ser Stim­me, auch das ei­ne Fol­ge der Ver­let­zun­gen. Dank der Hil­fe der Han­ne­lo­re-Kohl-Stif­tung darf die ge­lern­te Bü­ro­kraft sich be­ruf­lich neu ori­en­tie­ren. Auch den Weg in den Sport hat Re­né Hei­nen durch die Stif­tung ge­fun­den. So stand er für die Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft des Deut­schen Be­hin­der­ten­sport­ver­ban­des bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2014 in Por­tu­gal im Tor. Auf der Tri­bü­ne saß sei­ne Mut­ter – und war be­geis­tert. „Als ich ihn auf dem Platz sah, wa­ren al­le Mü­hen ver­ges­sen“, er­zählt sie. „Ich war ge­rührt und stolz auf mei­nen Sohn.“

„Ich mer­ke nichts von den Fol­gen des Un­falls – nur mein Um­feld

merkt sie“

Un­fall­op­fer

Re­né Hei­nen (37) wur­de als Zwei­jäh­ri­ger von ei­nem Mo­tor­rad an­ge­fah­ren. Die Fol­gen für ihn wa­ren weit­rei­chend.

FO­TOS: ANDRE­AS BRETZ

Ur­su­la Hei­nen (68) hat jah­re­lang da­für ge­kämpft, dass ihr Sohn ein nor­ma­les Le­ben füh­ren kann.

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