Kran­kes Herz aus Stahl

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON KIRS­TEN BI­AL­DI­GA UND MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Zehn­tau­sen­de Stahl­be­schäf­tig­te in ganz Deutsch­land de­mons­trie­ren für den Er­halt ih­rer Ar­beits­plät­ze – in ei­nem sel­te­nen Schul­ter­schluss mit ih­ren Chefs, mit Ver­bands­funk­tio­nä­ren und Po­li­ti­kern.

DUIS­BURG Wie oft stan­den sie hier schon, die Stahl­ar­bei­ter, um zu de­mons­trie­ren. Auf die­ser Wie­se in Duis­burg, die ein­ge­rahmt wird von der leicht an­ge­ros­te­ten Fas­sa­de des Duis­bur­ger Stahl­werks auf der ei­nen Sei­te und dem pa­ti­na­grü­nen Ge­bäu­de der Thys­sen­krupp-Steel-Ver­wal­tung auf der an­de­ren. Ein über­le­bens­gro­ßes Pla­kat hängt dort heute. Es zeigt zwei Hän­de, sie hal­ten ein Herz. Ein Herz aus Stahl.

Vor der rie­si­gen Büh­ne sam­meln sich die De­mons­tran­ten an die­sem strah­lend schö­nen Tag. Die Coun­try­band Ma­ve­ricks hat den Song „Rol­lin’ On The Ri­ver“von Cree­de­nce Cle­ar­wa­ter Re­vi­val zu „Duis­burg hat ein Herz aus Stahl“um­ge­dich­tet. Es herrscht Volks­fest­stim­mung – doch der An­lass ist ein erns­ter.

Denn je­des Mal, wenn die Ar­bei­ter auf die­ser Wie­se de­mons­trie­ren, geht es um die Zu­kunft ih­rer Jobs. Je­des Mal hof­fen sie, dass es am En­de doch nicht so schlimm kommt wie be­fürch­tet. So auch heute. 16.000 sind nach An­ga­ben der IG Me­tall nach Duis­burg ge­kom­men, um für den Er­halt ih­rer Ar­beits­plät­ze zu kämp­fen. Und nicht nur nach Duis­burg. Auch im Saar­land und in Thü­rin­gen, in Hes­sen oder vor dem Bun­des­kanz­ler­amt in Ber­lin sind sie an die­sem Stahl­ak­ti­ons­tag zu­sam­men ge­kom­men, rund 45.000 sol­len es bun­des­weit sein.

Zwei The­men sind es, die sie zu Tau­sen­den auf die Stra­ße trei­ben und die Pro­duk­ti­on weit­ge­hend still­ste­hen las­sen: Stahl aus Chi­na, der auf dem Welt­markt teils zu Dum­ping­prei­sen ver­kauft wird. Und die Ver­schär­fung des Han­dels mit CO2- Zer­ti­fi­ka­ten, wie die EU sie zur­zeit plant. Soll­te es da­zu kom­men, wür­den deut­sche Stahl­kon­zer­ne über Ge­bühr be­las­tet, heißt es über­ein­stim­mend bei Stahl­ma­na­gern, Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern, im Ar­beit­ge­ber­la­ger, bei Ge­werk­schaf­tern und Po­li­ti­kern.

Be­wie­sen ist das nicht, ei­ne Stu­die des Fraun­ho­fer-In­sti­tuts et­wa kommt zu dem Er­geb­nis, dass die Stahl­in­dus­trie noch nicht al­le CO2Ein­spar­mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft hat. Auch nicht die, die leicht zu rea­li­sie­ren sind. Der Um­welt­schutz­ver­band BUND rech­net gar vor, dass die Stahl­in­dus­trie mit CO2-Zer­ti­fi­ka­ten bis­her ein ganz gu­tes Ge­schäft ge­macht hat.

Doch in NRW wird im Früh­jahr 2017 ge­wählt, im Bund nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter. Und so ma­chen sich auch NRWMi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) und ihr Par­tei­kol­le­ge, Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el, heute für die Sa­che der Stahl­ar­bei­ter stark.

„Stahl ist Zu­kunft“, ruft Kraft und macht den Ar­bei­tern Mut: „Wir wol­len, dass das Herz aus Stahl wei­ter schlägt.“Die Mi­nis­ter­prä­si­den­tin weiß ge­nau, was hier von ihr er­war­tet wird: „Ihr habt nichts ge­schenkt be­kom­men“, sagt sie und zeigt sich in ih­rem ro­ten Blazer, pas­send zum Lo­go der IG Me­tall, auch rein äu­ßer­lich voll und ganz so­li­da­risch: „Die ef­fi­zi­en­tes­ten An­la­gen müs­sen gra­tis Zer­ti­fi­ka­te be­kom­men.“Da­mit spricht sie aus, wie ein Kom­pro­miss in Brüs­sel aus­se­hen könn­te. Näm­lich die sau­bers­ten Stahl­wer­ke von ei­ner Ver­schär­fung der CO2-Re­geln aus­zu­neh­men.

Vi­ze­kanz­ler Ga­b­ri­el wird noch ein we­nig kon­kre­ter. Die bes­ten zehn Pro­zent der Stahl­wer­ke müss­ten be­vor­zugt wer­den, sagt er, und for­dert zu­gleich, dass die An­ti-Dum­ping­ver­fah­ren in der Eu­ro­päi­schen Uni­on be­schleu­nigt wer­den müss­ten. In den USA daue­re es nur zwei bis drei Mo­na­te, bis Zöl­le ver­hängt wür­den, um die Ein­fuhr des Bil­lig­s­tahls aus Chi­na zu blo­ckie­ren. Die EU hin­ge­gen brau­che da­für ein Jahr. „Da­ran müs­sen wir et­was än­dern“, ruft Ga­b­ri­el un­ter dem Ap­plaus der De­mons­tran­ten.

Auch der Wirt­schafts­mi­nis­ter ver­spricht sei­ne Un­ter­stüt­zung bei al­lem, was da auf die Bran­che noch zu­kom­men mag. Und da­mit meint er auch die jüngs­ten In­for­ma­tio­nen über Ge­sprä­che zur Kon­so­li­die­rung der Stahl­in­dus­trie. „Die Ei­gen­tü­mer müs­sen wis­sen, was wir hier er­hal­ten wol­len“, sagt er, und das sei­en Ta­ri­fe, Mit­be­stim­mung und Ar­beits­be­din­gun­gen. Im­mer­hin ge­he es um 85.000 Ar­beits­plät­ze, die di­rekt be­trof­fen sei­en, und um wei­te­re Hun­dert­tau­sen­de, die vom Stahl ab­hän­gen. Im Ge­spräch ist zur­zeit ein Zu­sam­men­schluss der nie­der­län­di­schen Ta­ta-Wer­ke mit Thys­sen­krupp Steel.

Den De­mons­tran­ten auf der Wie­se ist of­fen­kun­dig klar, wo­rum es künf­tig noch geht – jen­seits von Chi­na und CO2: „Wenn wir wirk­lich mit Ta­ta Steel zu­sam­men­ge­hen, dann rol­len Köp­fe“, meint Ralf Bü­gers, der bei Thys­sen­krupp Steel in der Lo­gis­tik ar­bei­tet. Es dürf­te nicht das letz­te Mal sein, dass die Stahl­ar­bei­ter auf die­ser Wie­se ste­hen.

Je­des Mal, wenn die Ar­bei­ter auf die­ser Wie­se de­mons­trie­ren, geht es um die Zu­kunft

ih­rer Jobs

FO­TO: REICHWEIN

Auf die Stra­ße ge­hen für den Er­halt der ei­ge­nen Jobs: Stahl­ar­bei­ter bei der Pro­test­ak­ti­on in Duis­burg

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