Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Die Lob­hu­de­lei konn­te Pa­pa gleich auf sei­ne neue Web­site stel­len: „Frau Bau­mann aus Ham­burg hat er neu­en Le­bens­mut ge­ge­ben. Nut­zen auch Sie die ›Such­ma­schi­ne‹. Jetzt! Es ist nie­mals zu spät.“

Ganz un­er­war­tet tropf­te Frau Bau­mann ei­ne Trä­ne aus dem rech­ten Au­ge.

„Die Chan­ce, dass sie sich mel­det, ist nach all den Jah­ren sehr ge­ring. Wie auch im­mer, Sie glau­ben ja gar nicht, wie Ihr Va­ter mir mit sei­nem Ein­satz wie­der neu­en Le­bens­mut ge­ge­ben hat.“Das sah ich. Sie war wirk­lich wie­der viel bes­ser auf den Bei­nen. Manch­mal be­wirk­ten klei­ne Din­ge Wun­der, hat­ten wir schon in der Phy­sio-Aus­bil­dung ge­lernt. Ei­ne net­te Ges­te, ein freund­li­ches Wort konn­ten oft viel mehr aus­ma­chen als zehn Ver­bän­de, Mas­sa­gen oder Be­hand­lun­gen. Ge­ne­sung war in man­chen Fäl­len rei­ne Kopf­sa­che.

„Ich glau­be, ich wer­de Ih­ren Va­ter zur Fei­er ein­la­den. Dann kom­men auch noch ein paar mehr Leu­te. Ich wür­de mich freu­en, wenn Sie auch kä­men, Lie­bes.“Frau Bau­mann hat­te mich doch noch nicht ver­ges­sen.

„Ich kom­me ger­ne!“, sag­te ich herz­lich, weil das ja auch stimm­te.

„Sie kön­nen auch Ih­ren Freund mit­brin­gen!“Ich nick­te und lief rot an. Wie gut, dass sie nicht nach sei­nem Na­men ge­fragt hat­te. Mo­men­tan war al­les mög­lich. Dass ich mit mei­nem Zug­be­glei­ter kam, mit Kai, mit bei­den, oder ganz al­lein.

„Sie ha­ben ja noch Zeit zu über­le­gen, ob je­mand mit­kom­men soll, und wenn ja, wer!“War ich so leicht zu durch­schau­en, konn­te man mir an der Na­sen­spit­ze ab­le­sen, dass das The­ma Be­glei­tung zur­zeit et­was kom­pli­ziert war? Ich hat­te ihr ja neu­lich ein we­nig von Kai er­zählt, und viel­leicht hat­te Pa­pa auch et­was er­wähnt. Sie be­saß ein­fach ei­nen sieb­ten Sinn.

„Wo soll die Fei­er denn jetzt statt­fin­den?“, frag­te ich.

„Ich fin­de das ,Schwa­nen­ca­fé’ so schön.“Frau Bau­mann hing da­ran, weil sie frü­her mit ih­rer Fa­mi­lie oft dort ge­we­sen war.

„Das kann ich ver­ste­hen“, ver­such­te ich sie vor­sich­tig zu be­ein­flus­sen. „Aber ich fand nicht ge­ra­de, dass sie dort nett wa­ren.“Ich woll­te ihr nicht knall­hart an den Kopf wer­fen, dass der schnö­se­li­ge Ober ihr in­di­rekt ja schon ei­ne Ab­sa­ge ver­passt hat­te.

„Wis­sen Sie was Bes­se­res?“, frag­te sie. Ich grü­bel­te. Da rann­te man sein Le­ben lang an je­der Men­ge Lo­ca­ti­ons vor­bei zwi­schen Steh­ca­fé, No­bel­re­stau­rant und Af­ter-Wor­kLounge, um im ent­schei­den­den Mo­ment ei­ne gäh­nen­de Lee­re im Kopf vor­zu­fin­den.

Es klopf­te. Ma­ren kam her­ein und grins­te mich an.

„Dein Lieb­lings­pa­ti­ent früh.“

Jo trat hin­ter ihr in die klei­ne Be­hand­lungs­ka­bi­ne. Soll­ten noch Men­schen hin­zu­kom­men und die Tem­pe­ra­tur durch en­gen Kör­per­kon­takt wei­ter in die Hö­he trei­ben, könn­ten wir in we­ni­gen Mi­nu­ten schon ei­nen Sau­na­be­such an­bie­ten.

„Ent­schul­di­ge, Char­ly. Bé­né­dic­te und ich ha­ben nach­her ei­nen Be­sich­ti­gungs­ter­min für ei­ne Woh­nung. Des­we­gen woll­te ich fra­gen, ob ich jetzt schon dran kann?“Er blick­te al­le im Raum mit die­sem „Mir kann eh kei­ner bö­se sein“Blick an. Dann zück­te er ei­nen klei­nen Blu­men­strauß mit Son­nen­blu­me.

Ich sah ihn fra­gend an. Wo­für war der jetzt? Ei­gent­lich für sei­ne Bé­né­dic­te, und ich soll­te nur mal hal­ten?

ist zu

„Is für dich. Wenn’s jetzt nicht passt, geh ich auch wie­der. Ist ja mei­ne Schuld“, bot er an, wohl wis­send, dass ich ihn so­wie­so nicht un­ver­rich­te­ter Din­ge wür­de zie­hen las­sen. Vor al­lem nicht nach dem Be­ste­chungs­strauß. Spon­tan fiel mir ei­ne Wer­be­kam­pa­gne zum Va­len­tins­tag in Pa­ris ein. Auf Rie­sen­wer­be­pla­ka­ten hat­te an den Stra­ßen fol­gen­der Spruch ge­prangt: Die Pa­ri­ser Flo­ris­ten of­fe­rie­ren Ih­nen fünf­zig Pro­zent Nach­lass auf den Kauf des zwei­ten Bou­quets. Den­ken Sie auch an Ih­re Ge­lieb­te! Das fand ich wahn­sin­nig ko­misch. Ich woll­te Ines vor­schla­gen, die Kam­pa­gne für ih­ren Blu­men­la­den zu über­neh­men. Si­cher­lich wür­de ihr das je­de Men­ge Auf­merk­sam­keit ein­brin­gen. Ich fand so­gar, man könn­te noch ei­nen Schritt wei­ter­ge­hen. An­stel­le des letz­ten Sat­zes mit der Ge­lieb­ten könn­te es doch auch hei­ßen: Den­ken Sie auch an Ih­re Frau. Ich grins­te bei der Vor­stel­lung, dass Ines so ein re­vo­lu­tio­nä­res Pla­kat bei sich im La­den hän­gen hät­te. Es wä­re in­ter­es­sant zu wis­sen, wer sich dann noch her­ein­trau­en wür­de.

„Bleib ru­hig hier“, sag­te ich zu Jo. „Bei sol­chen Blu­men kann man ja nicht Nein sa­gen. Wie kom­me ich zu der Eh­re?“

Jo strahl­te. Of­fen­bar schien ihm mein klei­ner Schubs gut­ge­tan zu ha­ben.

„Dann bleibt sie al­so in Ham­burg?“, frag­te ich wis­send.

Er nick­te und klopf­te mir auf die Schul­ter. „Char­ly sei Dank. Du bist wirk­lich un­se­re Ret­te­rin. Bé­né­dic­te ist schnur­stracks in die­ses Ca­fé ge­lau­fen und so­fort ge­nom­men wor­den.“

War­um wuss­te ich nichts da­von? „Tat­säch­lich?“

„Ja!“, nick­te Jo. „Sie hat­te ges­tern ih­ren ers­ten Tag. Es lief pri­ma. Die Che­fin hat ge­sagt, wie heißt die noch mal?“

„Ri­ta“, half ich ihm auf die Sprün­ge.

„Stimmt. Die ist to­tal nett. Und weißt du, wie­so sie sie ge­nom­men hat?“Es war ei­ne rhe­to­ri­sche Fra­ge. Er be­ant­wor­te­te sie so­fort selbst und platz­te bei­na­he vor Stolz. „Weil, so hat Ri­ta es wort­wört­lich ge­sagt, Bé­né­dic­te dem Ca­fé das rich­ti­ge Flair ver­passt, weil sie end­lich recht­fer­tigt, dass das Ca­fé über­haupt ei­nen fran­zö­si­schen Na­men hat.“

Das klang fan­tas­tisch. Jo gönn­te sei­ner Freun­din den Er­folg be­stimmt mehr als sich selbst zehn To­re in ei­ner Halb­zeit. Trotz­dem stopp­te ich den Re­de­schwall mit ei­nem Blick auf Frau Bau­mann. Sie saß im­mer noch ge­dul­dig auf der Be­hand­lungs­lie­ge, wäh­rend Jo spru­del­te und spru­del­te.

„Na, Ih­re Freun­din muss ja sehr char­mant sein“, mel­de­te sie sich zu Wort.

„Sie ist gé­ni­al. Ge­nau wie ih­re Quiches“, er­zähl­te Jo la­chend.

Frau Bau­mann er­hob sich äch­zend. „Ich lie­be Quiches. Frü­her wa­ren wir oft im Ur­laub in Frank­reich. In der Pro­vence. Ein ganz hüb­scher Ort war das. Der Na­me fällt mir nicht mehr ein. Mei­ne Gü­te, ist das al­les lang her.“

In dem Mo­ment ging die Tür auf, und Bé­né­dic­te schob sich in den klei­nen Raum. Sie ver­hielt sich fi­gur­tech­nisch zwar im Ver­gleich zu uns deut­schen Frau­en wie ein Streich­holz ne­ben ei­nem La­ger­feu­er, trotz­dem pass­te hier nun ga­ran­tiert nicht mal mehr ein Zwerg wie Mat­ti rein.

(Fort­set­zung folgt)

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