Die Trä­nen des Bor­dell­chefs

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KLEVE - VON PE­TER JANS­SEN

Im Ver­fah­ren ge­gen ei­nen Kal­ka­rer Sex­club-Be­sit­zer sag­ten ges­tern Frau­en aus, die in dem Eta­blis­se­ment ar­bei­te­ten.

KLE­VE/KALKAR Nach fünf St­un­den Ver­hand­lung zeig­te Bor­dell­be­sit­zer Jür­gen R. Ge­füh­le. Der 70-Jäh­ri­ge, dem vor­ge­wor­fen wird knapp 620.000 Eu­ro Ab­ga­ben hin­ter­zo­gen zu ha­ben, brach in Trä­nen aus. Er nahm sei­ne Bril­le ab und trock­ne­te sei­ne Au­gen. Der Ge­müts­zu­stand des Man­nes, der in Kalkar ei­nen „Ero­tik Club“führt, än­der­te sich, als über sei­ne Frau ge­spro­chen wur­de. Sein An­walt er­klär­te, dass sich sein Man­dant der­zeit in ei­ner be­son­ders schwie­ri­gen Si­tua­ti­on be­fän­de. Ne­ben der dro­hen­den Haft­stra­fe ist of­fen­bar die Frau des Sex­club-Be­sit­zers schwer er­krankt. Ih­re Le­bens­er­war­tung sei nur noch ge­ring, so der An­walt.

Vor dem Ge­fühls­aus­bruch stan­den die Pro­sti­tu­ier­ten im Mit­tel­punkt des zwei­ten Ver­hand­lungs­tags. Sechs Da­men, die in dem Bor­dell „Haus Ma­nier“ge­ar­bei­tet hat­ten oder im­mer noch ih­re Di­ens­te an­bie­ten, wa­ren als Zeu­gin­nen ge­la­den. Zwei von ih­nen wa­ren schließ­lich auf der Schwa­nen­burg er­schie­nen. Dar­un­ter war ei­ne 31-jäh­ri­ge Po­lin, die seit ei­ni­gen Jah­ren nicht mehr in dem Be­trieb ar­bei­tet. Sie war aus Lon­don an­ge­reist, wo sie jetzt als Putz­frau in ei­nem Kran­ken­haus tä­tig ist. Die Frau schil­der­te un­ter an­de­rem, wie das Le­ben in dem Freu­den­haus ab­lief. „Wir muss­ten an der The­ke war­ten, der Kun­de kam und hat sich ei­ne aus­ge­sucht“, sagt die 31-Jäh­ri­ge. Die fi- nan­zi­el­le Si­tua­ti­on war of­fen­bar zu­min­dest vor ei­ni­gen Jah­ren ei­ne aus­kömm­li­che. So er­klär­te die Po­lin, dass sie im Mo­nat 3000 Eu­ro ver­dient hät­te. Spä­ter sei­en es 2000 Eu­ro ge­we­sen. Da Steu­ern in die­sem Ge­schäfts­mo­dell nicht vor­ge­se­hen wa­ren, han­delt es sich um Net­to­be­trä­ge. Al­les, was die Frau­en ne­ben dem „nor­ma­len Ser­vice“an zu­sätz­li­chen Leis­tun­gen lie­fer­ten, wur­de ex­tra ab­ge­rech­net. Die­ses Geld durf­ten die Pro­sti­tu­ier­ten be­hal­ten.

Von Be­deu­tung für die An­kla­ge war un­ter an­de­rem, ob die Da­men des Hau­ses selbst die Prei­se fest­le­gen konn­ten. „Nein, die hat al­lein der Chef be­stimmt. Ei­ne St­un­de kos­te­te 150 Eu­ro“, sagt die 31-Jäh­ri­ge. Dies er­klär­ten über­ein­stim­mend auch an­de­re An­ge­stell­te. Dem­nach wä­re der An­ge­klag­te als Ar­beit­ge­ber ein­zu­stu­fen. Er hät­te, so der Vor­wurf der Staats­an­walt­schaft, die Ab­ga­ben ent­rich­ten müs­sen. Auf die Fra­ge von Rich­ter Chris­ti­an Henckel, war­um die Po­lin das Eta­blis­se­ment denn ver­las­sen hät­te, ant­wor­tet die­se: „Ich hat­te mich ver­liebt.“

Die zwei­te Frau, die ges­tern vor der gro­ßen Straf­kam­mer aus­sag­te, ar­bei­tet ak­tu­ell noch in dem Bor­dell. Sie ist 36 Jah­re alt und kommt aus Ri­ga. Seit 2011 ar­bei­tet sie für Jür­gen R. und hat­te zu­vor reich­lich Er­fah­run­gen im Rot­licht­mi­lieu ge­sam­melt. Über den Kal­ka­rer Ero­tik­club sagt sie: „Ich ha­be für ver­schie­de­ne Chefs ge­ar­bei­tet. Für mich ist das ’Haus Ma­nier’ die bes­te Ar­beits­stel­le. Die At­mo­sphä­re ist gut, und hier gibt es nicht so viel Kon­kur­renz wie in an­de­ren Clubs. Al­le Mäd­chen kom­men im­mer wie­der zu­rück, weil das Be­triebs­kli­ma stimmt.“Die Prei­se sei­en eben­falls in Ord­nung. „In an­de­ren Häu­sern ha­be ich we­ni­ger ver­dient“, so die Let­tin. Pro­ble­me hat­te sie, ih­ren mo­nat­li­chen Ver­dienst zu nen­nen. Der sei in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­sun­ken. Ein Grund da­für ist, dass im­mer mehr Frau­en in dem Ge­wer­be tä­tig sind und so­mit der Ver­tei­lungs­kampf zu­ge­nom­men hat.

Nach den Zeu­gen­ver­neh­mun­gen wur­de noch ab­ge­rech­net. Es ging um die Sum­men, die Jür­gen R. hin­ter­zo­gen ha­ben soll. Nach An­sicht des Kle­ver Staats­an­walts Hen­drik Tim­mer liegt der von ihm ver­ur­sach­te Ge­samt­scha­den bei 619.897 Eu­ro. Rich­ter Hen­kel kam bei sei­ner Rech­nung auf et­wa 540.000 Eu­ro an hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern und feh­len­den So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen. Ab ei­ner hal­ben Mil­li­on Eu­ro nicht ge­zahl­ter Ab­ga­ben kommt man nach den Grund­sät­zen des Bun­des­ge­richts­hofs nur schwer an ei­ne be­wäh­rungs­fä­hi­ge Stra­fe vor­bei.

Der An­walt von Jür­gen R. hat­te be­reits am ers­ten Ver­hand­lungs­tag er­klärt, dass sein Man­dant der An­kla­ge nicht ent­ge­gen­ste­he. Auf der Su­che, wie der 70-Jäh­ri­ge zu­min­dest ei­nen Teil der im Raum ste­hen­den Sum­men be­glei­chen könn­te, brach­te Hen­kel das Grund­stück mit dem dar­auf ste­hen­den Bor­dell ins Spiel und be­merk­te: „Sie ha­ben da ja ein wahn­sin­nig wert­vol­les Grund­stück.“Denn be­las­tet ist die Flä­che an der Bun­des­stra­ße 57 mit 125.000 durch die Ehe­frau, 130.000 Eu­ro stam­men von der Staats­an­walt­schaft so­wie 890.340 Eu­ro von der Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se. Wei­te­re Ein­tra­gun­gen in nicht un­er­heb­li­cher Hö­he hat die Fi­nanz­ver­wal­tung vor­neh­men las­sen. Der An­ge­klag­te schätzt den Wert sei­nes Ob­jekts auf 200.000 bis 250.000 Eu­ro.

Der­zeit läuft der Be­trieb im „Haus Ma­nier“noch. „Im Mo­ment ist es für mich schwie­rig auf­zu­hö­ren. Ich muss Hei­zung, Licht und Wasser be­zah­len“, sagt der 70-Jäh­ri­ge, kurz be­vor wird die Si­tua­ti­on sei­ner Frau ge­schil­dert. Er weint. Am En­de der Ver­hand­lung wird das bittere Schick­sal des Man­nes of­fen­bar. Ein Schick­sal, von de­nen es et­li­che in sei­nem Eta­blis­se­ment gab und gibt.

RP-AR­CHIV­FO­TO: G. EVERS

Ab 11 Uhr ge­öff­net, wie die Au­ßen­wer­bung zeigt: Das „Haus Ma­nier“an der Bun­des­stra­ße 57.

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