Frau­en wäh­len an­ders

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON FRANK VOLL­MER

Im Wahl­ver­hal­ten un­ter­schei­den sich die Ge­schlech­ter – im­mer schon. Wis­sen­schaft­ler be­grün­den das mit so­zia­len Struk­tu­ren, Er­werbs­tä­tig­keits­quo­ten und ge­sell­schaft­li­chen Pro­zes­sen. Aber es bleibt ein un­auf­ge­klär­ter Rest.

DÜS­SEL­DORF Män­ner und Frau­en pas­sen ein­fach nicht zu­sam­men. Die­se Be­haup­tung ist un­ter Deut­schen seit Lo­ri­ot ein ge­flü­gel­tes Wort. Sie ist in ers­ter Li­nie hö­he­rer Un­sinn – aber eben nicht nur. Wer ei­nen Blick auf bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Wah­l­er­geb­nis­se wirft, der be­merkt schnell, dass der sprich­wört­li­che klei­ne Un­ter­schied an der Wahl­ur­ne bis­wei­len mas­siv aus­fällt.

Bei­spiel 1: Bun­des­tags­wahl 2013. Die Uni­on schramm­te da­mals knapp an der ab­so­lu­ten Mehr­heit der Sit­ze vor­bei – weil FDP und AfD knapp an der Fün­fPro­zent-Hür­de schei­ter­ten, hät­ten schon die 41,5 Pro­zent von CDU und CSU fast für 50 Pro­zent der Man­da­te ge­reicht. Hät­ten 2013 nur Frau­en wäh­len dür­fen oder wol­len, hät­te es al­ler­dings die drit­te gro­ße Ko­ali­ti­on nie ge­ge­ben: In ei­nem aus­schließ­lich von Frau­en ge­wähl­ten Par­la­ment hät­te die Uni­on die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­holt. Hät­ten da­ge­gen nur Män­ner ab­ge­stimmt, sä­ße die AfD schon längst im Bun­des­tag.

Bei­spiel 2: Sach­sen-An­halt 2016. Die Män­ner al­lein hät­ten, wenn man sie ge­las­sen hät­te, das Land in die Un­re­gier­bar­keit ge­wählt. Bei ih­nen wur­de die AfD mit fast 30 Pro­zent deut­lich stärks­te Kraft, gut vier Punk­te vor der CDU. Im vir­tu­el­len Män­ner-Land­tag von Sach­sen-An­halt hät­ten die mit­ein­an­der ko­ali­ti­ons­un­fä­hi­gen Par­tei­en AfD und Lin­ke ei­ne kom­for­ta­ble Mehr­heit. Auch wei­te­re Bünd­nis­se wä­ren nur theo­re­tisch mög­lich: CDU mit Lin­ken oder CDU mit AfD – dann aber ge­mäß den Usan­cen un­ter ei­nem AfD-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Un­vor­stell­bar. Hät­ten al­lein Frau­en das Er­geb­nis be­stimmt, wä­re da­ge­gen Schwarz-Rot-Grün eben­so drin wie Schwarz-Rot-Gelb, denn dann sä­ße auch die FDP im Land­tag.

Grund­sätz­lich nei­gen Frau­en eher zu SPD, Uni­on und be­son­ders Grün, wäh­rend Män­nern FDP, Lin­ke, Pi­ra­ten und vor al­lem AfD lie­ber sind. Bei den letz­ten 16 Land­tags­wah­len und der Bun- des­tags­wahl 2013 ha­ben et­wa die Grü­nen bei Frau­en im Schnitt 2,6 Pro­zent­punk­te mehr er­zielt als bei Män­nern, in Bre­men 2015 und in Ba­den-Würt­tem­berg im März 2016 so­gar fünf Punk­te. Die AfD schnitt bei Män­nern da­ge­gen um die Hälf­te bes­ser ab als bei Frau­en: fast fünf Punk­te mehr. Sach­sen-An­halt 2016 mit ei­nem Plus von 10,5 Pro­zent­punk­ten bei Män­nern ge­gen­über Frau­en mar­kiert den bis­he­ri­gen Re­kord.

Das al­les sind mehr als nur klei­ne Un­ter­schie­de. Frau­en wäh­len an­ders, und nicht erst seit fünf Jah­ren. Die ak­tu­el­len Dis­kre­pan­zen an der Ur­ne sind tat­säch­lich nur die Mi­nia­tur­aus­ga­be al­ter de­mo­sko­pi­scher Grä­ben zwi­schen den Ge­schlech­tern. Bei der Bun­des­tags­wahl 1969 zum Bei­spiel be­kam die Uni­on bei den Frau­en zehn Pro­zent­punk­te mehr als bei den Män­nern – Wil­ly Brandt war, zu­min­dest noch die­ses Mal, bei den Frau­en oh­ne Chan­ce.

„In den 50er und 60er Jah­ren ha­ben Frau­en bei Bun­des­tags­wah­len noch deut­lich stär­ker christ­lich-kon­ser­va­tiv ge­wählt“, sagt die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Stefanie Haas von der Uni Frei­burg. „Die Ni­vel­lie­rung be­ginnt erst 1972, und die­ser Trend hält bis heu­te an.“Grund sei­en so­zia­le Struk­tu­ren: Frau­en sei­en stär­ker kirch­lich ge­bun­den und sel­te­ner be­rufs­tä­tig ge­we­sen. „Das än­dert sich ab den 70er Jah­ren – Bil­dungs­ni­veau und Er­werbs­tä­tig­keits­quo­te stei­gen. Das führt da­zu, dass sich die Un­ter­schie­de ver­rin­gern.“

Die Dif­fe­ren­zen schrump­fen, aber sie ver­schwin­den nicht. Zwi­schen 2011 und 2016 fuhr die Uni­on im Schnitt bei Frau­en gut zwei Pro­zent­punk­te mehr ein als bei Män­nern. Die SPD al­ler­dings auch. Wie das? Das Ge­schlecht der Spit­zen­kan­di­da­ten sei sta­tis­tisch nicht ent­schei­dend, sagt Haas. Ih­re Kol­le­gin Eve­lyn Bytzek von der Uni Ko­blenz-Lan­dau ar­gu­men­tiert auch hier mit Struk­tu­ren. Sie un­ter­schei­det zwei „Ge­schlech­ter­lü­cken“, eng­lisch „Gen­der Gap“: „Vor 1970 gab es ei­nen tra­di­tio­nel­len Gen­der Gap – Frau­en wähl­ten eher kon­ser­va­tiv

Stefanie Haas als Män­ner. In den 70er Jah­ren glich sich das Wahl­ver­hal­ten dann an und ging in den mo­der­nen Gen­der Gap über: Frau­en wäh­len nun eher links­ge­rich­te­te Par­tei­en als Män­ner.“

Mög­li­che Grün­de nennt Bytzek auch: Frau­en ar­bei­te­ten mehr in ge­ring be­zahl­ten Jobs; Ve­rän­de­run­gen wie die hö­he­re Schei­dungs­ra­te könn­ten vor al­lem Frau­en in so­zia­le Pro­ble­me brin­gen; „und schließ­lich der ge­ne­rel­le Ein­stel­lungs­wan­del weg von ma­te­ri­el­len hin zu post­ma­te­ri­el­len Wer­ten wie Selbst­ver­wirk­li­chung, die ins­be­son­de­re Frau­en an­spre­chen“. So­zia­les und Fa­mi­lie sei­en eher Frau­en wich­tig, sagt auch Haas, „Män­ner da­ge­gen wer­den eher von Wirt­schafts- und Fi­nanz­the­men an­ge­spro­chen. Frau­en set­zen of­fen­sicht­lich an­de­re Schwer­punk­te.“

So­zi­al­psy­cho­lo­gie und So­zi­al­struk­tur mö­gen ei­nen Gut­teil der Un­ter­schie­de er­klä­ren. Bei rech­ten Par­tei­en je­doch wird es schwie­rig. „Bei der AfD be­mer­ken wir die star­ke Dis­kre­panz erst seit dem Rechts­ruck un­ter Frau­ke Pe­try“, sagt Haas: „Ra­di­ka­le Rhe­to­rik scheint Frau­en eher ab­zu­schre­cken. Des­halb gilt auch: je wei­ter rechts, des­to männ­li­cher.“Haas ver­mu­tet das Ge­fühl so­zia­ler Be­dro­hung et­wa durch Zu­wan­de­rung als Grund für das Ab­drif­ten der Män­ner nach rechts, „wäh­rend es Frau­en dann Rich­tung Mit­te-links zieht, zu den Par­tei­en des So­zi­al­staats“.

Ob das nun al­les ist – da­zu schweigt die Wis­sen­schaft lie­ber. Ti­cken Frau­en grund­sätz­lich an­ders als Män­ner, weil sie Frau­en sind, un­ab­hän­gig vom So­zia­len? „Zu ge­ne­ti­schen oder an­thro­po­lo­gi­schen Un­ter­schie­den kann die em­pi­ri­sche Wahl­for­schung we­nig sa­gen“, räumt Haas ein. Mit dem Pro­blem wur­de be­reits An­fang des Jah­res Micha­el Ku­nert kon­fron­tiert, Ge­schäfts­füh­rer des In­sti­tuts In­fra­test Di­map, das die ARD be­lie­fert. Er wis­se nicht, sag­te Ku­nert da­mals, „ob man bis in die Evo­lu­ti­on zu­rück­ge­hen muss“, um zu er­klä­ren, „dass die Män­ner et­was ri­si­ko­freu­di­ger sind“. Nicht nur Un­ter­schie­de an der Ur­ne blei­ben al­so – son­dern auch ein un­auf­ge­klär­ter, wis­sen­schaft­lich wo­mög­lich un­auf­klär­ba­rer Rest.

Vi­el­leicht hat Lo­ri­ot ja doch recht.

„Ra­di­ka­le Rhe­to­rik scheint Frau­en eher

ab­zu­schre­cken“

Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin

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