„Br­ex­it“soll Bri­ten Angst ma­chen

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON JO­CHEN WITT­MANN

Um­fra­gen lie­gen die Be­für­wor­ter und Geg­ner ei­nes bri­ti­schen EU-Aus­tritts gleich­auf. Letz­te­re schü­ren jetzt die Sor­ge vor den ne­ga­ti­ven wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen ei­nes „Br­ex­it“.

LONDON Es fin­det zwar erst am 23. Ju­ni statt, aber schon jetzt do­mi­niert nur noch ein ein­zi­ges The­ma die po­li­ti­schen De­bat­ten in Groß­bri­tan­ni­en: das Re­fe­ren­dum über den „Br­ex­it“, den mög­li­chen Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Die Bri­ten sind ge­spal­ten. In ei­ner ges­tern ver­öf­fent­lich­ten Um­fra­ge spra­chen sich je­weils 39 Pro­zent für und ge­gen den Br­ex­it aus, was ei­nen leich­ten Zu­ge­winn der Aus­tritts­be­für­wor­ter be­deu­tet. Fünf Pro­zent wol­len sich nicht an der Volks­be­fra­gung be­tei­li­gen, und 17 Pro­zent sind noch un­ent­schie­den. Um ih­re Stim­men tobt die Mei­nungs­schlacht.

Kaum ein Tag ver­geht, oh­ne dass das Für und Wi­der, der Nut­zen ei­nes Ver­bleibs oder die Fol­gen ei­nes Ab­schieds er­ör­tert wer­den. Und da­bei rückt der öko­no­mi­sche Aspekt im­mer mehr in den Vor­der­grund. Man nennt es das „Pro­jekt Angst“. Es ist das stärks­te Ar­gu­ment der­je­ni­gen, die Groß­bri­tan­ni­en in der EU hal­ten wol­len. „Eu­ro­pa zu ver­las­sen“, sagt Sir Stuart Ro­se, der Chef der Kam­pa­gne „Bri­tain stron­ger in Eu­ro­pe“, „wä­re ein Sprung ins Un­ge­wis­se. Es ist ein­fach nicht das Ri­si­ko wert.“

Auch Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron warnt im­mer wie­der, „au­ßen vor und ganz al­lein“zu sein. Das Pro­jekt Angst soll den Bri­ten den Aus­tritt ver­lei­den, in­dem man die Ge­fah­ren ei­nes Al­lein­gangs un­ter­streicht. Die „Ou­ters“, so Ro­se, könn­ten nicht er­klä­ren, wie man wei­ter­hin Zu­gang zum Bin­nen­markt be­kä­me oder wie güns­ti­ge­re Frei­han­dels­ab­kom­men mit dem Rest der Welt aus­ge­han­delt wer­den kön­nen: „Sie kön­nen nicht ga­ran­tie­ren, dass un­se­re Jobs si­cher sind und dass die Prei­se nicht stei­gen wür­den. Sie kön­nen nicht sa­gen, wie sich un­ser ver­min­der­ter Sta­tus auf das Ver­hält­nis mit den USA oder Chi­na aus­wir­ken wird.“

Auch die Wirt­schaft macht mo­bil, und die Pro­gno­sen sind düs­ter. Soll­ten die Bri­ten für den Aus­tritt stim­men, könn­te sie das volks­wirt­schaft­lich teuer zu ste­hen kom­men, warnt die „Con­fe­de­ra­ti­on of Bri­tish In­dus­try“(CBI). Der bri­ti­sche In­dus­trie­ver­band hat in ei­ner Stu­die die Fol­gen ei­nes „Br­ex­it“ana­ly­siert. Die Wirt­schaft hät­te mit jah­re­lan­ger Un­si­cher­heit zu kämp­fen, wenn sie vom Bin­nen­markt aus­ge­schlos­sen wür­de. Das bri­ti­sche Wirt­schafts­wachs­tum, so die Stu­die, könn­te bis 2020 um 5,5 Pro­zent ein­bre­chen, das ent­spricht Kos­ten von um­ge­rech­net 128 Mil­li­ar­den Eu­ro. Gleich­zei­tig stie­ge die Ar­beits­lo­sen­quo­te von jetzt 5,1 Pro­zent um bis zu drei Pro­zent, was rund ei­ne Mil­li­on zu­sätz­li­che Ar­beits­lo­se be­deu­ten wür­de. Das Ein­kom­men des durch­schnitt­li­chen Pri­vat­haus­hal­tes könn­te um um­ge­rech­net 4800 Eu­ro fal­len.

Die Stu­die des CBI steht nicht al­lein. Auch die „Bank of En­g­land“hat durch­ge­spielt, wel­che Fol­gen ein „Br­ex­it“ha­ben könn­te. In die­sem Sze­na­rio der Zen­tral­bank kä­me auf das Kö­nig­reich „ein schar­fer Rück­gang der öko­no­mi­schen Ak­ti­vi­tät“, ei­ne „schar­fe Ab­wer­tung des Pfunds“, ei­ne „schar­fe Er­hö­hung“der In­fla­ti­on so­wie ein „stei­ler An­stieg“der Ar­beits­lo­sen­ra­te zu. Rund vier Mil­lio­nen Bri­ten könn­ten ih­ren Job ver­lie­ren, die Im­mo­bi­li­en­prei­se wür­den um 35 Pro­zent fal­len. Der No­ten­bank­chef Mark Car­ney be­fürch­tet ei­ne Ab­wan­de­rung von Fi­nanz­in­sti­tu­ten aus der Lon­do­ner Ci­ty. Um ei­ner Pf­und­ab­wer­tung zu be­geg­nen – im­mer­hin pro­gnos­ti­ziert Goldmann Sachs ei­nen Ab­sturz von bis zu 20 Pro­zent – hat Car­ney die Kriegs­kas­se der Zen­tral­bank auf 98 Mil­li­ar­den Dol­lar auf­sto­cken las­sen, um im Fal­le ei­nes Br­ex­it die Lan­des­wäh­rung zu stüt­zen.

Wenn es an den Wirt­schafts­füh­rern lä­ge, wä­re der bri­ti­sche Ver­bleib in der EU ei­ne aus­ge­mach­te Sa­che. 80 Pro­zent der Mit­glie­der beim CBI spre­chen sich da­für aus, 63 Pro­zent bei der bri­ti­schen Han­dels­kam­mer BCC, 61 Pro­zent beim Ver­band des her­stel­len­den Ge­wer­bes EEF, 60 Pro­zent beim Un­ter­neh­mer­ver­band „In­sti­tu­te of Di­rec­tors“und auch

Stuart Ro­se bei den Klein­un­ter­neh­mern von der „Fe­de­ra­ti­on of Small Bu­si­ness“, die tra­di­tio­nell eher skep­tisch ein­ge­stellt sind, sind es im­mer­hin noch 47 Pro­zent, die ge­gen ei­nen Aus­tritt sind. „Die Be­weis­la­ge ist ab­so­lut klar“, sag­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Sa­jid Ja­vid, „ei­ne kla­re Mehr­heit von Un­ter­neh­men will in der EU blei­ben und den Zu­gang zu ei­nem ge­mein­sa­men Markt von 500 Mil­lio­nen Kon­su­men­ten be­hal­ten.“

Das „Pro­jekt Angst“be­schränkt sich nicht nur auf die wirt­schaft­li­chen Kon­se­quen­zen. Mit ei­nem Ab­schied von Eu­ro­pa wä­re auch die Si­cher­heit ge­fähr­det, ar­gu­men­tie­ren Po­li­ti­ker. In­nen­mi­nis­te­rin The­re­sa May warn­te vor den Ge­fah­ren ei­nes Aus­tritts: „Wir müs­sen mit an­de­ren zu­sam­men­ar­bei­ten im Kampf ge­gen Kri­mi­nel­le und Ter­ro­ris­ten“. Ih­re Wor­te ge­wan­nen noch mehr an Ge­wicht nach den An­schlä­gen von Brüs­sel. Der Au­ßen­mi­nis­ter Phi­lip Ham­mond un­ter­strich am Os­ter­sonn­tag in ei­nem Ar­ti­kel in der „Sun­day Ti­mes“die Be­deu­tung der eu­ro­päi­schen Ko­ope­ra­ti­on für die na­tio­na­le Ge­fah­ren­ab­wehr, und der Chef des Nach­rich­ten­diens­tes GCHQ, Sir Da­vid Omand, stell­te klar: „Groß­bri­tan­ni­en wä­re in Sa­chen Si­cher­heit bei ei­nem „Br­ex­it“der Ver­lie­rer, nicht der Ge­win­ner.“

Der Aus­gang des Re­fe­ren­dums steht in den Ster­nen. Selbst die De­mo­sko­pen mah­nen zu vor­sich­ti­ger In­ter­pre­ta­ti­on ih­rer Um­fra­gen. Pe­ter Kell­ner vom In­sti­tut YouGov wies dar­auf hin, dass man­che Wäh­ler mit dem Br­ex­it lieb­äu­gel­ten wie „mit ei­nem Sei­ten­sprung in ei­ner wack­li­gen Ehe. Wenn es zum Re­fe­ren­dum kommt, geht es al­ler­dings um ei­ne viel schwie­ri­ge­re Wahl: ob man wirk­lich die Schei­dung will.“Das deu­tet dar­auf hin, dass die Ver­blei­ber gu­te Aus­sich­ten ha­ben. Be­stä­tigt wird das da­durch, dass bei Um­fra­gen, die te­le­fo­nisch durch­ge­führt wer­den, das La­ger der EU-Freun­de we­sent­lich grö­ßer ist als bei On­li­ne-Um­fra­gen. Das liegt dar­an, dass die Leu­te bei der te­le­fo­ni­schen Nach­fra­ge zu ei­ner Ent­schei­dung ge­zwun­gen wer­den. Und dann schei­nen die Be­den­ken vor den Kon­se­quen­zen den „Br­ex­it“viel un­at­trak­ti­ver zu ma­chen.

„Eu­ro­pa zu ver­las­sen, wä­re ein Sprung ins Un­ge­wis­se.“

Lei­ter der Pro-EU-Kam­pa­gne

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