Bür­ger­meis­te­rin sorgt für Eklat

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KLEVE - VON PE­TER JANS­SEN

Ver­wal­tungs­che­fin Son­ja Nort­hing hat für Ent­set­zen in der pol­ni­schen Ge­mein­de Kle­ves ge­sorgt. Ei­ne Ein­la­dung zum Ju­bi­lä­um „1050 Jah­re Chris­ten­tum in Po­len“sag­te sie ab.

KLE­VE Die Mit­glie­der der ka­tho­lisch-pol­ni­schen Ge­mein­de Kle­ves sind sprach­los. Sie emp­fin­den das Ver­hal­ten von Kle­ves Bür­ger­meis­te­rin Son­ja Nort­hing als ei­nen Af­front ge­gen­über der seit Jahr­zehn­ten be­ste­hen­den Freund­schaft zwi­schen den pol­ni­schen und deut­schen Bür­gern der Stadt. Grund da­für ist die Re­ak­ti­on der Ver­wal­tungs­che­fin auf die Ein­la­dung zum Ju­bi­lä­um „1050 Jah­re Chris­ten­tum in Po­len“, das in Gne­sen ge­fei­ert wird. Der Stadt, zu der Kle­ve über Jah­re hin­weg in­ten­si­ve Kon­tak­te pflegt. Nort­hing hat­te mit ei­nem Fax ab­ge­sagt, auf dem drei Sät­ze ste­hen. Ih­re Teil­nah­me und die ei­nes Ver­tre­ters zu den fei­er­li­chen An­läs­sen sei lei­der nicht mög­lich, heißt es in der Ant­wort, die von ei­ner Sach­be­ar­bei­te­rin der Ver­wal­tung un­ter­schrie­ben ist.

Wla­dys­law Pis­arek, Vor­sit­zen­der der Ka­tho­li­schen pol­ni­schen Ge­mein­de Kle­ves, war scho­ckiert über die Ab­sa­ge. „Ich bin seit 35 Jah­ren in Kle­ve und set­ze mich für die Freund­schaft zwi­schen den Bür­gern der bei­den Na­tio­nen ein. Frau Nort­hing kann die Be­deu­tung die­ser Ein­la­dung of­fen­bar nicht rich­tig ein­schät­zen.“Dem höchs­ten Geist­li­chen Po­lens, Erz­bi­schof Wo­jciech Polak, war es wich­tig, dass ein Ver­tre­ter der Stadt Kle­ve an den Fei­er­lich­kei­ten teil­nimmt.

Die Kle­ver Ex-Bür­ger­meis­ter Josef Jo­e­ken und Theo Brau­er pfleg­ten die Freund­schaft zu der Stadt Gne­sen und ih­ren Bür­gern in­ten­siv. Bei­de be­such­ten die pol­ni­sche Stadt re­gel­mä­ßig und freu­ten sich über Gäs­te aus dem Nach­bar­land.

Di­ens­tag ist Josef Jo­e­ken pri­vat nach Gne­sen ge­fah­ren. Ihm war es ein An­lie­gen, bei den Fei­er­lich­kei­ten da­bei zu sein. Auch Jo­e­ken kann die Ent­schei­dung von Nort­hing nicht nach­voll­zie­hen. „Ich bin sehr er­staunt dar­über, wie die Stadt Kle­ve mit die­ser Ein­la­dung um­geht“, sagt Jo­e­ken. Er be­wer­tet die Ab­sa­ge auch im Hin­blick auf den Kle­ver Eh­ren­bür­ger Pas­tor Fritz Lei­nung, der im Ju­li des ver­gan­ge­nen Jah­res ver­starb, als gro­ßen Feh­ler. „Er war maß­geb­lich an dem Auf­bau die­ser Freund­schaft be­tei­ligt. So geht man nicht mit dem Ver­mächt­nis ei­nes Man­nes um, der für die Stadt so viel Gu­tes ge­tan hat. Auch die Bür­ger, die sich für den Auf­bau der Be­zie­hun­gen ein­ge­setzt ha­ben, wer­den ent­täuscht sein“, be­tont Jo­e­ken.

Theo Brau­er, für den Po­len so et­was wie ei­ne zwei­te Hei­mat ge­wor­den ist, dürf­te die Ent­schei­dung eben­falls in die Ka­te­go­rie „Un­über­legt­heit“ein­sor­tie­ren. Wie sein Vor­gän­ger er­hielt auch Brau­er die höchs­te Aus­zeich­nung, die die Stadt Gne­sen an Bür­ger mit ei­ner an­de­ren Na­tio­na­li­tät ver­lei­hen kann.

Über­ra­schend ist die Ent­schei­dung von Nort­hing auch im Hin­blick auf die Stel­le in der Ab­sa­ge, wo es heißt: „(...) die Teil­nah­me ei­nes Ver­tre­ters (...) nicht mög­lich“. Mög­lich wä­re sie ge­we­sen. Denn ei­nen Ver­tre­ter hät­te es ge­ge­ben. Joa­chim Schmidt, stell­ver­tre­ten­der Bür­ger­meis­ter, wä­re gern nach Gne­sen ge­reist. „Ich ha­be im Vor­feld er­klärt, dass ich mir den Ter­min frei ge­hal­ten ha­be und als Ver­tre­ter der Stadt die­sen wahr­ge­nom­men hät­te“, sagt er. Die Ein­la­dung, be­tont Schmidt, sei je­doch an die Bür­ger­meis­te­rin ge­gan­gen. Sie ent­schei­de, ob es sich hier um ei­ne An­ge­le­gen­heit der Stadt han­delt und wenn ja, wer sie dort ver­tritt. „Frau Nort­hing hat durch die Ab­sa­ge fest­ge­legt, dass bei dem Er­eig­nis die Stadt nicht ver­tre­ten sein muss“, sagt Schmidt.

Die Rei­se­kos­ten dürf­ten für die Ab­sa­ge nicht aus­schlag­ge­bend ge­we­sen sein. Denn die sind über­schau­bar. Für Flug ab Düs­sel­dorf und zwei Ta­ge Über­nach­tung wä­ren 245,50 Eu­ro an­ge­fal­len. Der Be­trag dürf­te die Stadt­kas­se in kei­ne ex­tre­me Schief­la­ge brin­gen.

Die Ent­schei­dung der Ver­wal­tungs­lei­te­rin wird auch in der Kle­ver Po­li­tik als kei­ne be­son­ders klu­ge an­ge­se­hen. Die Kri­tik von Wolf­gang Ge­bing, CDU-Frak­ti­ons­chef in Kle­ve, an dem Ver­hal­ten der Bür­ger­meis­te­rin, fällt mo­de­rat aus: „Ich hät­te es be­grüßt, wenn ein Re­prä­sen­tant der Stadt Kle­ve an den Fei­er­lich­kei­ten teil­ge­nom­men hät­te.“Der Christ­de­mo­krat hofft, dass trotz der Ab­sa­ge die gu­ten Be­zie­hun­gen zu der pol­ni­schen Ge­mein­de in Kle­ve kei­nen Scha­den neh­men. „Es wä­re fa­tal, wenn in­ner­halb kür­zes­ter Zeit das zu­nich­te ge­macht wird, was in Kle­ve über Jahr­zehn­te auf­ge­baut wur­de“, sagt Ge­bing.

Son­ja Nort­hing er­klär­te, dass sie sich über die Ein­la­dung ge­freut ha­be, die­se aber aus ter­min­li­chen Grün­den nicht an­neh­men konn­te. Zu Be­ginn ih­rer Amts­zeit möch­te sie zu­nächst den Fo­kus auf die Ter­mi­ne vor Ort und da­mit auf die Be­lan­ge der Kle­ver Bür­ger­schaft rich­ten.

Wla­dys­law Pis­arek such­te im Vor­feld der Rei­se nach ei­ner Al­ter­na­ti­ve, um die Eh­re Kle­ves halb­wegs zu ret­ten. Er frag­te bei der Ver­wal­tung an, ob es mög­lich sei, ein Gruß­wort zu schrei­ben. Er wür­de es bei den Fest­akt über­rei­chen. Die Ant­wort lau­te­te: Ja, ein Gruß­wort gibt es, das kön­ne in zwei Ta­gen im Rat­haus ab­ge­holt wer­den. Das Schrei­ben um­fasst sie­ben Sät­ze und zwei sach­li­che Feh­ler. Der größ­te Feh­ler scheint je­doch die Ab­sa­ge zu sein.

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