Die Gier in uns

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON DO­RO­THEE KRINGS

Bür­ger ge­ben ihr Geld in du­bio­se Brief­kas­ten­fir­men, um ih­ren Be­sitz zu meh­ren und Steu­ern zu ver­mei­den. Skru­pel ken­nen sie nicht. Ha­ben­wol­len ist ein we­sent­li­cher An­trieb in un­se­rer Ge­sell­schaft – nicht nur bei Fi­nan­zen.

DÜS­SEL­DORF Nun reiht sich der Skan­dal um die „Pa­na­ma-Pa­pie­re“und das Ge­schäft mit Off­s­hore-Fir­men be­reits ein in die lan­ge Ket­te von Ent­hül­lun­gen zu Brief­kas­ten­fir­men, Steu­er­oa­sen, Schwarz­geld­kon­ten. Zu­rück bleibt der Ein­druck, dass der Mensch ewig ge­trie­ben ist vom Stre­ben nach mehr Be­sitz, vom Ha­ben­wol­len um je­den Preis, von der Gier.

Um sein Geld mög­lichst schnell zu ver­meh­ren und mög­lichst we­nig da­von in Form von Steu­ern an die All­ge­mein­heit ab­ge­ben zu müs­sen, neh­men man­che Leu­te ho­he Ri­si­ken in Kauf und las­sen mo­ra­li­sche Über­zeu­gun­gen hin­ter sich. Sie in­ves­tie­ren in du­bio­se Fir­men, ak­zep­tie­ren, wo­mög­lich ver­bre­che­ri­sche Netz­wer­ke zu un­ter­stüt­zen, set­zen ih­ren gu­ten Ruf aufs Spiel. Die­ses Stre­ben hat et­was Trau­ri­ges, be­denkt man die Ver­gäng­lich­keit des Seins und da­mit die be­grenz­te Freu­de an al­lem Ma­te­ri­el­len. „Man nimmt nichts mit“, sagt der Volks­mund. Und doch lässt die Gier den Men­schen nicht los.

Wo­mög­lich hat das mit den ers­ten Er­fah­run­gen zu tun, die ein je­der macht. Als Kind ist der Mensch hilf­los, ein hoch­be­dürf­ti­ges We­sen, das nach Nah­rung und Zu­wen­dung schreit, Schutz be­nö­tigt und be­ach­tet wer­den will. Be­sitz an­zu­häu­fen, kann ei­ne Form sein, als Er­wach­se­ner Be­dürf­nis­se zu stil­len, die man in der Kind­heit stark emp­fun­den hat. Psy­cho­ana­ly­ti­ker spre­chen von Re­gres­si­on, vom Rück­fall in kind­li­che Mus­ter, der zur psy­chi­schen Sta­bi­li­sie­rung des nicht gänz­lich rei­fen Er­wach­se­nen bei­tra­gen kann. „Auch der Hang zur Ri­va­li­tät und die Freu­de am Tri­umph sind in­fan­ti­le Trie­be, die durch das An­häu­fen von Be­sitz be­frie­digt wer­den kön­nen“, sagt der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Til­mann Mo­ser, der ein Buch über die Kor­rum­pier­bar­keit des Ichs ge­schrie­ben hat.

In „Geld, Gier und Be­trug“führt er aus, wie Men­schen in ei­nem „halb­kri- mi­nel­len Ge­sell­schafts­kli­ma“die mo­ra­lisch be­denk­li­chen Fol­gen et­wa bei Fi­nanztrick­se­rei­en ver­drän­gen, weil es ih­nen Be­frie­di­gung ver­schafft, ih­rer Gier nach­zu­ge­ben. Da­heim sind sie acht­ba­re Fa­mi­li­en­vä­ter oder -müt­ter, im abs­trak­ten Geld­ge­schäft aber ver­su­chen sie, mög­lichst viel für sich und ih­re Lie­ben „her­aus­zu­ho­len“. Auch wenn das ge­gen Ge­set­ze und ih­re ei­gent­li­che Moral ver­stößt.

Erst wenn Lei­dens­druck ent­steht, wenn gie­ri­ge Men­schen er­ken­nen, dass sie vom Ge­dan­ken ans Geld be­herrscht wer­den, oder wenn Na­he­ste­hen­de sie dar­auf sto­ßen, su­chen sie manch­mal nach Aus­we­gen. „Oft kommt es dann zu Aus­stei­ger­tum“, sagt Mo­ser. „Leu­te, die sich lan­ge nur um ih­ren Reich­tum ge­küm­mert ha­ben, kau­fen sich plötz­lich ei­ne Fin­ca, pfle­gen Tie­re oder Gär­ten und spü­ren auf ein­mal, dass es ih­nen viel mehr gibt, sich für Na­tur, Mu­sik, Kunst zu be­geis­tern.“

Es scheint dann der al­te Wi­der­spruch auf von Ha­ben oder Sein, den schon Erich Fromm in sei­ner be­rühm­ten Schrift En­de der 70er Jah­re be­schrie­ben hat. Dem Ha­ben­prin­zip zu fol­gen, be­deu­tet nach Fromm, sei­ne Ener­gie und Lei­den­schaft auf den Er­werb und die Ver­meh­rung von Ei­gen­tum zu ver­wen­den. Der Ein­zel­ne kann da­rin sei­ne Frei­heit als In­di­vi­du­um voll aus­le­ben. Doch die Exis­ten­z­wei­se des Ha­bens hat zur Fol­ge, dass Men­schen be­gin­nen, al­les als Ding zu be­trach­ten. Selbst das ei­ge­ne Ich wird zum Ob­jekt des Be­sitz­ge­fühls. Man ist nicht, son­dern man hat – ei­nen Na­men, ei­nen Kör­per, ei­ne Aus­bil­dung. Den­ken und Füh­len krei­sen dar­um, sich neue Din­ge an­zu­schaf­fen – und die lö­sen Freu­de aus, weil sie ei­nen Ge­gen­wert be­sit­zen.

Wer die Exis­ten­z­wei­se des Seins wagt, denkt da­ge­gen nicht an die Ver­meh­rung von Wer­ten, son­dern lebt selbst­ge­nüg­sam in der Ge­gen­wart, ge­nießt Ist-Zu­stän­de, sieht sich nicht als Ob­jekt, son­dern er­lebt sich in le­ben­di­gen Be­zü­gen zu an­de­ren Men­schen. Dem

Til­mann Mo­ser Ha­ben geht es um das Ding, dem Sein um das Er­le­ben. Das setzt Un­ab­hän­gig­keit vor­aus, in­ne­re Rei­fe und Ver­nunft.

Das Ha­ben­prin­zip aber ist heu­te viel ver­brei­te­ter – weil es den öko­no­mi­schen Be­din­gun­gen der Ge­gen­wart ent­spricht. Die be­ru­hen auf dem Prin­zip des Pri­vat­ei­gen­tums; Pro­fit und Macht spie­len ei­ne we­sent­li­che Rol­le. „Er­wer­ben, Be­sit­zen und Ge­winn­ma­chen sind die ge­hei­lig­ten und un­ver­äu­ßer­li­chen Rech­te des In­di­vi­du­ums in der In­dus­trie­ge­sell­schaft“, schreibt Erich Fromm. Das gilt auch noch für die In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, in der Fle­xi­bi­li­tät ge­fragt ist und die so­zia­len Ver­hält­nis­se im­mer flüch­ti­ger wer­den. Doch je pre­kä­rer das Le­bens­ge­fühl und je mehr das In­di­vi­du­um zu ver­ste­hen be­kommt, es sei ganz al­lein ver­ant­wort­lich für das ei­ge­ne Glück, des­to na­he­lie­gen­der ist es, auf das Ha­ben­prin­zip zu set­zen, Be­sitz an­zu­häu­fen, vor­zu­sor­gen – al­so Si­cher­heit zu kau­fen für sich und die Sei­nen. Mög­lichst viel. Not­falls auch mit ei­nem Kon­to in Pa­na­ma.

In Wahr­heit ist al­so nicht die ver­meint­li­che Zu­nah­me an Gier be­un­ru­hi­gend. Es ist die Aus­deh­nung des Ha­ben­prin­zips und da­mit auch der Gier-Lo­gik auf im­mer mehr Le­bens­be­rei­che. Das Ha­ben­wol­len be­herrscht das Den­ken längst nicht mehr nur in Be­zug auf Geld, son­dern et­wa auch in der Lie­be, im Ge­sund­heits­sek­tor, in der Bil­dung. In all die­sen Be­rei­chen geht es viel­fach nicht mehr um das, was ein Mensch ver­in­ner­licht, was ihn formt und rei­fen lässt. Es geht um Nütz­lich­keit, Ver­markt­bar­keit, Ge­gen­wert – und da­mit ten­den­zi­ell auch dar­um, mehr da­von an sich zu rei­ßen als die an­de­ren.

So er­le­ben wir den Kon­kur­renz­kampf um die bes­te Ki­ta, den be­gehr­tes­ten Stu­di­en­platz, das Bett in der Spe­zi­al­kli­nik. Nicht die Gier hat sich ver­mehrt, son­dern die Fel­der, auf de­nen man mit ihr wei­ter­kommt. Gier ist nicht mehr der Sün­den­fall, Gier ist zum Le­bens­prin­zip ge­wor­den. Und das er­scheint im­mer mehr Men­schen na­tur­ge­ge­ben. Ge­gen die Gier hel­fen al­so kei­ne mo­ra­li­schen Ap­pel­le, son­dern vi­el­leicht ei­ne De­bat­te dar­über, was al­les käuf­lich sein soll­te. Und was nicht.

„Wenn Gier zu Lei­dens­druck führt, kommt es oft zu Aus­stei­ger­tum“

Au­tor und Psy­cho­ana­ly­ti­ker

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