Re­ker-At­ten­tä­ter: Ich bin kein Na­zi

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON DETLEV HÜWEL

Vor dem Düs­sel­dor­fer Ober­lan­des­ge­richt be­gann der Pro­zess ge­gen Frank S., der die da­ma­li­ge Köl­ner OB-Kan­di­da­tin le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­te. Er war Mit­glied der rech­ten Sze­ne in Bonn, woll­te aber in Köln ei­nen Neu­an­fang wa­gen.

DÜS­SEL­DORF Bri­git­te Hav­liza kann so leicht nichts aus der Ru­he brin­gen, auch wenn es an die­sem Ver­hand­lungs­tag für die Düs­sel­dor­fer Rich­te­rin mehr­fach An­lass ge­ben soll­te, aus der Haut zu fah­ren, weil sie es mit ei­nem aal­glat­ten An­ge­klag­ten zu tun hat.

Es ist der Auf­takt des Straf­pro­zes­ses ge­gen Frank S., der im vo­ri­gen Jahr die da­ma­li­ge Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker nie­der­ge­sto­chen hat. Der 44Jäh­ri­ge ver­birgt sein Ge­sicht hin­ter ei­nem Ak­ten­ord­ner, wäh­rend die Fo­to­gra­fen ih­re Ob­jek­ti­ve auf ihn rich­ten. So­bald sie den Saal im Düs­sel­dor­fer Hoch­si­cher­heits­trakt ver­las­sen ha­ben, nimmt er zwi­schen sei­nen An­wäl­ten auf der An­kla­ge­bank Platz. Frank S. trägt ein schwarz-weiß ka­rier­tes Hemd, Je­ans und Turn­schu­he. Sein Schä­del ist kahl­ra­siert.

Die Bun­des­an­walt­schaft hat ihn we­gen ver­such­ten Mor­des und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung an­ge­klagt. S. ha­be Re­ker heim­tü­ckisch das Mes­ser in den Hals ge­sto­ßen. Spä­ter wird es hei­ßen, dass auch ver­such­ter Mord mit ei­ner le­bens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ge­ahn­det wer­den kann.

Be­vor sich die Rich­te­rin dem An­ge­klag­ten zu­wen­det, ver­liest des­sen An­walt Chris­tof Mi­se­ré ei­ne Er­klä­rung, die un­ter den Pro­zess­be­ob­ach­tern im Saal Über­ra­schung aus­löst. Da­rin wird in­di­rekt be­klagt, dass man es mit ei­nem „po­li­ti­schen Pro­zess“zu tun ha­be. Wört­lich sag­te der An­walt: „Wür­de es sich hier bei der Ge­schä­dig­ten nicht um ei­ne Po­li­ti­ke­rin in ge­ho­be­ner Po­si­ti­on han­deln, so hät­te ich kei­nen Zwei­fel dar­an, dass der dann vor ei­ner Kam­mer des je­weils zu­stän­di­gen Land­ge­richts zu ver­tei­di­gen­de An­ge­klag­te letzt­end­lich we­gen ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung ver­ur­teilt wür­de.“Von „Mord­merk­ma­len“wä­re dann bei der Vor­be­rei­tung der Haupt­ver­hand­lung kei­ne Re­de.

„Dar­auf muss ich re­agie­ren“, ent­geg­net die Rich­te­rin kühl, und sie wi­der­spricht ru­hig und ge­las­sen. Dar­über müs­se sich der An­walt „kei­ne Ge­dan­ken ma­chen“: es hand­le sich nicht um ei­nen po­li­ti­schen Pro­zess. „Es wird ein Pro­zess wie je­der an­de­re.“

Hav­liza be­lehrt den An­ge­klag­ten, dass er die Aus­sa­ge ver­wei­gern kann. Doch Frank S. will aus­sa­gen. Al­ler­dings win­det und wen­det er sich wäh­rend der mehr­stün­di­gen Be­fra­gung zur Person. „War­um fra­gen Sie? Sie wis­sen doch schon al­les“, ruft er der Rich­te­rin zu. Mit Charme, ei­ner Pri­se Hu­mor und vor al­lem En­gels­ge­duld hakt Bar­ba­ra Hav­liza je­doch im­mer wie­der nach.

Frank S. wur­de 1971 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren; seit sei­nem fünf­ten Le­bens­jahr wuchs er in Bonn bei Pfle­ge­el­tern auf. War­um, bleibt un­klar. Sei­nen leib­li­chen Va­ter hat er nicht ken­nen­ge­lernt, sei­ne Mut­ter nur va­ge in Er­in­ne­rung. Er glau­be, dass sie noch le­be, sagt Frank. Er schaff­te den Haupt­schul­ab­schluss und be­gann ei­ne Leh­re als Ma­ler und La­ckie­rer. Die Leh­re schei­ter­te an ei­ner Ma­the­prü­fung. Dar­auf die Rich­te­rin ver­ständ­nis­voll: „Auch ich war nicht gut in Ma­the.“

Als Frank 18 wur­de, setz­ten ihn die Pfle­ge­el­tern vor die Tür. Er nahm Ge­le­gen­heits­jobs an, tauch­te in die rech­te Sze­ne ein. Ein Na­zi sei er nicht, be­teu­ert S.. Die­ses Eti­kett wer­de ei­nem doch schon an­ge­hef­tet, wenn man sich kri­tisch – et­wa zum Eu­ro – äu­ße­re. Die Rich­te­rin wi­der­spricht. Doch S. ge­rät in Ra­ge. Man wis­se doch, dass al­les über­wacht wer­de. Noch mehr­fach be­klagt sich der An­ge­klag­te an die­sem Tag über die „To­tal­über­wa­chung“durch den US-Ge­heim­dienst NSA. „Es wird al­les ge­spei­chert.“Wohl schon lan­ge Zeit vor dem Mes­ser­an­schlag fühl­te er sich durch­leuch­tet und in sei­ner Frei­heit be­droht. Man denkt an Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und Ver­fol­gungs­wahn.

In der Bon­ner rech­ten Sze­ne ge­hör­te er der Cli­que mit Na­men „Ber­ser­ker“an. Tat­säch­lich muss es dort bru­tal zu­ge­gan­gen sein. Im­mer wie­der kam es zu Schlä­ge­rei­en mit Ge­gen­grup­pen. „Wenn ich se­he, dass Leu­te be­drängt oder zu­sam­men­ge­schla­gen wer­den, dann schal­te ich mich ein“, sagt er jetzt vor Ge­richt. Am En­de saß er 30 Mo­na­te – von 1998 bis 2000 – im Ge­fäng­nis we­gen Kör­per­ver­let­zung. Da­nach, so sagt er, woll­te er ei­nen Neu­an­fang und zog nach Köln um. Dort­hin, wo Hen­ri­et­te Re­ker spä­ter So­zi­al­de­zer­nen­tin wer­den und in die­ser Funk­ti­on auch für die Flücht­lin­ge zu­stän­dig sein soll­te. Noch un­mit­tel­bar nach sei­ner Tat soll Frank S. aus­ge­sagt ha­ben, dass sein An­schlag der in sei­nen Au­gen ver­fehl­ten Flücht­lings­po­li­tik ge­gol­ten ha­be. Das wie­der­holt er nun mit ähn­li­chen Wor­ten vor Ge­richt, will sich aber erst am Frei­tag nä­her da­zu äu­ßern.

Wie der Ar­gu­men­ta­ti­ons­strang ver­lau­fen könn­te, hat zu­vor An­walt Mi­se­ré in sei­ner Er­klä­rung deut­lich ge­macht. Der Mes­ser­an­schlag ha­be in ei­nem Zei­t­raum statt­ge­fun­den, „in dem vie­le Bür­ger ein­schließ­lich nam­haf­ter Ver­fas­sungs­recht­ler von Maß­nah­men der Re­gie­ren­den im Rah­men der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se mehr als ir­ri­tiert wa­ren“. Zu­dem sei das Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung in Sa­chen Flücht­lings­pro­ble­ma­tik in „er­heb­li­chem Ma­ße ein­ge­schränkt“ge­we­sen.

Frank S., der sagt, er sei ein „wert­kon­ser­va­ti­ver Re­bell“, woll­te nicht, dass Hen­ri­et­te Re­ker, die für ihn das Sym­bol ei­ner ver­que­ren Flücht­lings­po­li­tik war, neue Ober­bür­ger­meis­te­rin der Dom­stadt wird. Des­halb at­ta­ckier­te er sie. Dass sie den An­schlag, bei dem die Luft­röh­re durch­trennt wur­de, über­leb­te, grenzt an ein Wun­der. In zwei Wo­chen wird sie vor dem Ober­lan­des­ge­richt die Er­eig­nis­se aus ih­rer Sicht schil­dern. Das wird für sie ge­wiss kein leich­ter Gang.

FOTOS: DPA

Der An­ge­klag­te Frank S. sitzt im Ver­hand­lungs­saal des Düs­sel­dor­fer Ober­lan­des­ge­richts und hält sich ei­nen Ak­ten­de­ckel vor das Ge­sicht. Auf dem Bild steht „Ich has­se Sand­bur­gen“.

Ei­nen Tag vor der Ober­bür­ger­meis­ter­wahl im Ok­to­ber wur­de Hen­ri­et­te Re­ker bei ei­nem Ter­min auf ei­nem Wo­chen­markt in Köln-Brauns­feld nie­der­ge­sto­chen.

Bei ih­rem ers­ten Auf­tritt nach dem An­griff trug sie noch ein Tuch am Hals.

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