Ein recht­lich de­li­ka­ter Fall

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON MAR­TIN KESS­LER

So zo­tig und un­ge­schlif­fen der Text, so fein­sin­nig die ju­ris­ti­sche Be­wer­tung – ein The­ma für klu­ge Staats­recht­ler.

MAINZ Für Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel gab es po­li­tisch im Fall Jan Böh­mer­mann nichts zu ge­win­nen. Doch die Fra­ge, ob das Schmäh­ge­dicht des ZDF-Mo­de­ra­tors durch die Mei­nungs­frei­heit nach Ar­ti­kel fünf des Grund­ge­set­zes ge­deckt ist oder ei­ne plum­pe Be­lei­di­gung des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan dar­stellt, führt zu raf­fi­nier­ten ju­ris­ti­schen Über­le­gun­gen.

Die Staats­recht­ler sind da­bei über­wie­gend der Mei­nung, dass die Kanz­le­rin durch die Vor­aus­set­zun­gen des Straf­pa­ra­gra­fen 103, der Be­lei­di­gun­gen aus­län­di­scher Staats­ober­häup­ter be­son­ders ahn­det, ei­nen gro­ßen Er­mes­sens­spiel­raum hat­te. „Die Bun­des­re­gie­rung ist kei- nes­falls nur No­ta­rin“, sag­te der Ber­li­ner Staats­recht­ler Ul­rich Bat­tis der „Ber­li­ner Zei­tung“. Letzt­lich sei es um die Fra­ge ge­gan­gen, ob die Mei­nungs­frei­heit hin­ter der staat­li­chen Rä­son zu­rück­ste­hen müs­se. Für Bat­tis ist die Sa­che klar: An­ge­sichts der Be­deu­tung, die bei uns die Mei- nungs­frei­heit ge­nießt, hät­te Mer­kel die Straf­ver­fol­gung nicht zu­las­sen dür­fen. Die Kanz­le­rin hät­te sich bes­ser noch ein­mal förm­lich dis­tan­zie­ren und den Vor­fall be­dau­ern sol­len, aber sonst das An­sin­nen der Tür­ken ab­leh­nen müs­sen.

Auch der Göt­tin­ger Staats­recht­ler Alex­an­der Thie­le meint: „Als Vor­kämp­fe­rin für die Mei­nungs­frei­heit hat sich die Bun­des­kanz­le­rin eher nicht ge­zeigt. Wenn sie die­sem Recht ein­deu­tig Vor­rang ein­ge­räumt hät­te, hät­te sie die Er­mäch­ti­gung für die Straf­ver­fol­gung bes­ser nicht aus­spre­chen sol­len.“Trotz­dem sei die Zu­las­sung des Straf­ver­fah­rens recht­lich ein­wand­frei. „Jetzt ist die Jus­tiz dran, wie es sich in ei­nem Rechts­staat ge­hört.“Das Gan­ze sei schließ­lich ein „ju­ris­ti­scher Grenz­fall“. Thie­le: „Ob es Sa­ti­re oder Be­lei­di­gung ist, lässt sich für die Bun­des­re­gie­rung nicht ein­deu­tig fest­stel­len.“

Als un­glück­lich sieht der Rechts­pro­fes­sor die Äu­ße­rung der Kanz­le­rin im Vor­feld der Ent­schei­dung an. Sie hat­te nach ei­nem Ge­spräch mit dem tür­ki­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ah­met Da­vu­tog­lu den Text als ver­let­zend be­zeich­net. „Es war pro­ble­ma­tisch, dass sich die Kanz­le­rin im Vor­feld ge­äu­ßert hat und sich vom In­halt der Schmäh­kri­tik dis­tan­ziert hat. So ent­steht der un­zu­läs­si­ge Ein­druck, dass die Äu­ße­rung ih­re Ent­schei­dung be­ein­flusst ha­ben könn­te.“

Den Pa­ra­gra­fen 103, der jetzt ab­ge­schafft wer­den soll, be­zeich­ne­te Thie­le als selt­sam, aber durch­aus mit der Ge­wal­ten­tei­lung ver­ein­bar: „In de­li­ka­ten Din­gen soll­te auch ei­ne Bun­des­re­gie­rung ei­nen Hand­lungs­spiel­raum ha­ben, ob sie ei­ne Kla­ge zu­lässt oder nicht.“Doch das dürf­te bald Ver­gan­gen­heit sein.

Die gro­ße St­un­de dürf­te jetzt für den Ver­tei­di­ger von ZDF-Mo­de­ra­tor Böh­mer­mann schla­gen. Soll­te die Staats­an­walt­schaft den Jour­na­lis­ten we­gen des­sen Schmäh­ge­dicht tat­säch­lich vor ein Ge­richt brin­gen, könn­te des­sen An­walt auf die Un­ter­drü­ckung der Mei­nungs­frei­heit in der Tür­kei ver­wei­sen, auf die Ver­haf­tung von Jour­na­lis­ten oder das re­pres­si­ve Vor­ge­hen ge­gen un­lieb­sa­me Künst­ler. Das wür­de die mög­li­che Grenz­über­tre­tung Böh­mer­manns dann in ei­nem an­de­ren Licht er­schei­nen las­sen.

Staats­recht­ler Alex­an­der Thie­le (36), Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen.

FOTOS: DPA, PRI­VAT

Staats- und Ver­wal­tungs­recht­ler Ul­rich Bat­tis (71).

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