Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Zum Kaf­fee ein­la­den, schön und gut, aber je­man­den bei sich be­her­ber­gen, in den ei­ge­nen vier Wän­den? Lie­ber nicht.

Wo soll­te ich dann hin? Wenn ich nur erst ei­ne Nacht drü­ber schla­fen könn­te. Ha! Jetzt dach­te ich schon das, was sie im­mer sag­te.

Auch wenn ich Schluss ge­macht hat­te: Ich konn­te nur zu ihr. De­cke an­fas­sen, die ge­fühlt schon seit zehn Jah­ren in den Müll ge­hör­te, und weh­mü­tig dar­an den­ken, wie man mit sei­nem ers­ten Freund dar­un­ter zum ers­ten Mal Händ­chen ge­hal­ten hat­te. All das war Nost­al­gie pur.

Was aber all die­se Sin­nes­wahr­neh­mun­gen noch topp­te, war der Ge­ruch von schein­bar nie­mals Ver­gäng­li­chem. Das Haus der El­tern roch wie das Haus der El­tern vor drei­ßig Jah­ren und wür­de dies auch in fünf­zig Jah­ren noch tun. Ge­nau­so wie man ei­ni­ge Or­te der Welt im­mer an ih­rem Ge­ruch wür­de er­ken­nen kön­nen, selbst mit ver­bun­de­nen Au­gen. Die Pa­ri­ser Me­tro mit ih­rem leicht mod­ri­gen Ge­ruch, der von ei­ner Mi­schung aus Hasch, Urin und Lais­sez-fai­re durch­zo­gen war. Der Ham­bur­ger Ha­fen, der nach Rost, Salz, Schwer­öl und wei­ter Welt roch. Oder das Klas­sen­zim­mer nach Angst­schweiß, Krei­de und Le­bens­lust. Oder eben die Küche der Mut­ter, in der schon so vie­le Ap­fel­ku­chen höchst ver­läss­lich ih­ren idea­len Garpunkt samt gol­dig-brau­ner Far­be er­reicht hat­ten.

Es trieb mir prompt die Trä­nen in die Au­gen.

„Setz dich doch! Ich hat­te ge­hofft, du ant­wor­test auf die Nach­richt, aber dass du wirk­lich kommst. Toll!“Ma­ma nahm mir mei­ne Ja­cke, die Ta­schen und den Beu­tel mit dem Alt­pa­pier ab und drück­te mich auf die klei­ne Bank hin­ter dem Kü­chen­tisch. Es war ein ganz schö­nes Ge­schlep­pe ge­we­sen mit der U-Bahn von der Ci­ty bis hier­her. Ich hat­te so viel wie mög­lich aus mei­nem al­ten Zu­hau­se mit­neh­men wol­len und auf dem Weg na­tür­lich ver­ges­sen, das Alt­pa­pier zu ent­sor­gen. Ver­mut­lich wür­de ich es jetzt so lan­ge mit mir her­um­schlep­pen, bis es zu Staub zer­fiel. So durch­ein­an­der war ich. – „Ist Pa­pa da?“, frag­te ich. – „Nein, er ist mit sei­nem neu­en Freund, die­sem Andre­as, ir­gend­wo­hin. Sag mal, ist das ei­gent­lich Ines’ Freund?“

Mei­ne Mut­ter hat­te die Fra­ge nichts ah­nend in den Raum ge­jagt, und sie war di­rekt in mei­ner Ma­gen­gru­be ge­lan­det. Ich heul­te oh­ne Vor­war­nung los.

„Was ist denn nur?“Sie eil­te vom Herd zu mir und quetsch­te sich ne­ben mich auf die Bank.

„Ach!“, schluchz­te ich. „Ines hat ei­nen an­de­ren!“

Mei­ne Mut­ter schau­te mich be­sorgt an. „Wie, ei­nen an­de­ren?“

„Sie hat mei­nen“, ent­geg­ne­te ich und schnief­te.

„Ines ist mit Kai zu­sam­men?“, kürz­te sie durch­aus lo­gisch ab.

„Doch nicht mit Kai. Mit mei­nem an­de­ren.“Al­le Däm­me wa­ren ge­bro­chen, und es war mir egal, was mei­ne Mut­ter von mir dach­te. Ir­gend­wann wür­de oh­ne­hin raus­kom­men, dass mein Sta­tus von „In ei­ner fes­ten Be­zie­hung le­bend“auf „Aus­sor­tiert und nicht mehr ver­mit­tel­bar“ge­wech­selt war.

„Mit wel­chem an­de­ren?“Sie stell­te zu vie­le Fra­gen, weil sie nicht mehr durch­blick­te, was bei neu­tra­ler Be­trach­tung ver­zeih­lich war.

„Na, mit dem an­de­ren. Ich weiß nicht, wie er heißt.“Ja, ich wuss­te, was sie jetzt fra­gen wür­de, und ich nahm es ihr nicht ein­mal übel.

„Du weißt nicht, wie er heißt? Al­so dei­ner?“Da­für, dass sie min­des­tens ein Dut­zend Fra­ge­zei­chen auf der Stirn hat­te, blieb sie er­staun­lich ru­hig.

„Ach, Ma­ma, lass gut sein. Das ist ei­ne sehr lan­ge Ge­schich­te.“

„Ich ha­be sehr viel Zeit für sehr lan­ge Ge­schich­ten.“Er­staun­li­cher­wei­se brach­te mich der Ge­dan­ke, mei­ner Mut­ter mein Pri­vat­le­ben zu er­zäh­len, nicht gleich auf die Pal­me. Bis­her hat­te es mich im­mer ab­ge­sto­ßen. Vi­el­leicht ließ ich mich jetzt ver­bal in Mut­ters Schoß fal­len, weil mir al­le an­de­ren ab­han­den­ge­kom­men wa­ren.

„Al­so gut!“, sag­te ich. „Be­zie­hungs­wei­se al­les schlecht. Al­so be­zie­hungs­tech­nisch al­les schlecht.“Ich fa­sel­te ein we­nig wirr und fand nicht so recht den Fa­den. Dies ent­ging auch mei­ner Mut­ter nicht.

„Wir essen erst mal ein Stück Ap­fel­ku­chen!“, er­klär­te sie be­stimmt, er­hob sich, stell­te den Ofen aus, öff­ne­te die Tü­ren des ur­al­ten Kü­chen­schranks, leg­te die gu­ten, sil­ber­nen Ku­chen­ga­beln auf den Tisch ne­ben die Tel­ler mit den grü­nen Blu­men­mus­tern und ser­vier­te mir ein Stück.

Die Hand­grif­fe kann­te ich aus dem Eff­eff, sie wa­ren mir so ver­traut. Gleich fühl­te ich mich et­was bes­ser. Wä­re ich vor ei­ner Wo­che noch schrei­end da­von­ge­lau­fen, wa­ren die­se ge­wohn­ten Ab­läu­fe im Le­ben mei­ner Mut­ter ge­nau der An­ker, den ich jetzt brauch­te.

„Le­cker!“, be­merk­te ich, nach­dem ich den ers­ten Happs ge­ges­sen hat­te.

„Das Re­zept ist noch von Oma. Man muss die Äp­fel kurz in But­ter und Zu­cker an­bra­ten, das gibt dem Gan­zen Pfiff.“Ich lä­chel­te und aß wei­ter. Kai hät­te ver­mut­lich ge­sagt, man müs­se die halb rei­fen pom­mes mit ei­nem hauch­zar­ten But­ter­flöck­chen an pe­rua­ni­schem Rohr­zu­cker ka­ra­mel­li­sie­ren, was der tar­te ei­ne be­son­de­re Ge­schmacks­no­te ver­lei­he. Und er hät­te ge­nau das­sel­be ge­meint wie mei­ne Mut­ter. – „Ach, möch­test du Sah­ne?“Mei­ne Mut­ter war schon wie­der halb von ih­rem Stuhl hoch, als ich ab­wink­te.

(Fort­set­zung folgt)

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