Das Pro­to­koll im Schloss Bel­le­vue

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Bei Staats­ban­ket­ten wird nichts dem Zu­fall über­las­sen. Das Pro­to­koll be­stimmt über je­des De­tail, wie Gäs­te emp­fan­gen, be­wir­tet und un­ter­hal­ten wer­den. Steif ist es den­noch nicht, wenn man zu Gast ist im Schloss Bel­le­vue.

Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck, der nichts so hoch schätzt wie die Frei­heit des Men­schen, hat mit dem en­gen Kor­sett, das ihm das Pro­to­koll an­legt, sei­nen Frie­den ge­macht. Rou­ti­niert be­wegt er sich über ro­te Tep­pi­che, schüt­telt Hän­de und sagt auch meis­tens nur das, was ab­ge­stimmt ist. Auch die­se An­pas­sungs­fä­hig­keit, die manch ei­ner Gauck zum Amts­an­tritt 2012 nicht zu­ge­traut hat­te, lässt den Ruf er­schal­len: Der Prä­si­dent mö­ge doch bit­te wei­ter­ma­chen.

Ob Gauck auch noch in den kom­men­den Jah­ren Ge­fal­len dar­an ha­ben könn­te, an vie­len Aben­den im Mo­nat in sei­nem Schloss zu ste­hen und aus­län­di­sche Staats­gäs­te zu emp­fan­gen, lässt er sich nicht an-

Der Dau­er­bren­ner im Re­gie­rungs­vier­tel ist die Fra­ge, wie und wann Joa­chim Gauck über sei­ne Zu­kunft ent­schei­det. Der­weil legt der Bun­des­prä­si­dent ei­ne Rou­ti­ne an den Tag, als ge­be es die­se Fra­ge nicht.

mer­ken. Am Abend ei­nes stra­pa­ziö­sen Tages ab­sol­viert er die Vor­ga­ben des Pro­to­kolls nicht ge­ra­de en­thu­si­as­tisch, aber doch mit so viel staats­män­ni­scher Hal­tung, dass ihm nie­mand nach­sa­gen kann: Der schwä­chelt. Beim De­fi­lee wie ver­gan­ge­ne Wo­che an­läss­lich des Be­suchs des me­xi­ka­ni­schen Staats­prä­si­den­ten En­ri­que Pe­ña Nieto ge­ben die Gäs­te ein Kärt­chen mit ih­rem Na­men bei den Pro­to­koll-Ver­ant­wort­li­chen ab, dann wird der Na­me auf­ge­ru­fen. Der Gast geht zum Prä­si­den­ten und sei­nem Staats­gast. Man schüt­telt die Hand, sagt gu­ten Abend – und wei­ter geht es in den Saal. Dort ist je­dem Gast ein Platz zu­ge­wie­sen. Wäh­rend das Sil­ber­be­steck mit Bun­des­ad­ler ak­ku­rat nach Gang-Fol­ge ne­ben den Tel­lern liegt, ist der Um­gang der Gäs­te mit­ein­an­der eher ent­spannt.

Gauck hat durch­aus das Ta­lent, das Pro­to­koll im Lau­fe ei­nes Abends dann doch ein we­nig zu durch­bre­chen. Beim Be­such des me­xi­ka­ni­schen Prä­si­den­ten lie­fern ei­ne erst 17-jäh­ri­ge Gei­ge­rin und ei­ne Pia­nis- tin ei­nen wun­der­vol­len mu­si­ka­li­schen Rah­men beim Abend­es­sen. Nach dem letz­ten Stück steht Gauck plötz­lich auf, was für al­le Men­schen im Saal das Si­gnal gibt, auch auf­zu­ste­hen. Der Prä­si­dent will den Mu­si­ke­rin­nen aber nur persönlich dan­ken. „Das ma­chen wir nur aus­nahms­wei­se so“, sagt er hin­ter­her. Da­nach dür­fen sich al­le wie­der set­zen.

Es ist üb­lich bei Staats­emp­fän­gen, dass die Gäs­te stets nur so lan­ge sit­zen blei­ben wie der Haus­herr. Um je­nen Gäs­ten, die noch län­ger par­lie­ren möch­ten, als der Prä­si­dent bleibt, da­zu die Ge­le­gen­heit zu ge­ben, wird der Kaf­fee nach dem Nach­tisch ein­fach wie bei ei­nem Steh­emp­fang ge­reicht. Und prompt steht wie­der die Fra­ge im Raum, ob es auch oh­ne Gauck im Schloss Bel­le­vue geht. Wann und wie er sei­ne Ent­schei­dung be­kannt gibt – da­für gibt es kein Pro­to­koll.

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