Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ach, möch­test du Sah­ne?“Mei­ne Mut­ter war schon wie­der halb von ih­rem Stuhl hoch, als ich ab­wink­te. „Nee, lass mal. Ist schon gut so.“Und dann er­zähl­te ich mei­ner Mut­ter, was mir an die­sem Tag al­les pas­siert war. Und in mei­nem gan­zen Le­ben. Sie nick­te ge­le­gent­lich, hör­te ge­dul­dig zu und sprach erst, als ich ge­en­det hat­te.

„Dann hast du mit Kai Schluss ge­macht!“, stell­te sie nüch­tern fest.

Ich be­jah­te und sorg­te mich zu­gleich um mei­ne Mut­ter, weil ich ja wuss­te, dass Kai ihr Ein und Al­les war. Ver­mut­lich schock­te sie die­se Tren­nung mehr als mich selbst, und ich be­fürch­te­te schon, dass sie gleich ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch er­lei­den wür­de.

„Ich glau­be, ihm hat mein Ku­chen so­wie­so nie ge­schmeckt“, kon­sta­tier­te mei­ne Mut­ter tro­cken, die von ei­nem Zu­sam­men­bruch so weit weg war wie ich von mei­nem al­ten Le­ben.

„Da bin ich ja froh, dass du es so lo­cker nimmst. Ich dach­te, du hät­test Kai so sehr ge­mocht.“Nicht mal mehr auf sei­ne ei­ge­ne Mut­ter konn­te man sich ver­las­sen. Ich hät­te sonst was dar­auf ver­wet­tet, dass sie mich be­schimp­fen und ent­er­ben wür­de.

„Ja, ich fand ihn schon nett, aber ei­gent­lich ging es gar nicht so sehr um Kai, son­dern . . .“Ma­ma stock­te, und ich for­der­te sie mit ei­nem Kopf­ni­cken auf, wei­ter­zu­re­den. „Son­dern dar­um, dass ihr bei­ein­an­der bleibt und kei­nen Streit habt.“

Ich hör­te auf, mei­nen Ku­chen in mich hin­ein­zu­stop­fen, und starr­te mei­ne Mut­ter ent­geis­tert an. Wie mein­te sie das denn jetzt?

„Ver­steh ich nicht.“„Haaaachhh!“Das klang so un­ge­fähr nach dem ver­zwei­felts­ten Seuf­zer, den ei­ne Frau zwi­schen Alas­ka und Ar­gen­ti­ni­en je­mals aus­ge­sto­ßen hat­te. „Wahr­schein­lich hat­te ich ein­fach nur Angst, dass dir so et­was ge­sche­hen könn­te wie uns da­mals. Das war na­tür­lich na­iv. Man kann ja nicht er­zwin­gen, dass zwei Men­schen auf im­mer glück­lich sind. Und schon gar nicht soll­ten sich an­de­re Men­schen ein­mi­schen. Es tut mir leid. Ich . . .“Dies­mal un­ter­brach ich den Wort­schwall.

„Mo­ment, Mo­ment. Was meinst du mit: dass mir so et­was pas­sie­ren könn­te wie euch? Was ist euch denn pas­siert? Oder uns?!“Mei­ne Stim­me über­schlug sich fast.

Die wil­des­ten Fan­ta­si­en mach­ten sich in mei­nem Kopf breit. Was könn­te das Ge­heim­nis mei­ner El­tern sein? War mein Va­ter vi­el­leicht gar nicht mein Va­ter? Die jüngs­ten Er­leb­nis­se wür­den mich die­se Nach­richt recht lo­cker weg­ste­cken las­sen. Oder mei­ne Mut­ter war in Wahr­heit nur mei­ne Pfle­ge­mut­ter, vi­el­leicht war ich ad­op­tiert? Oder Ma­ma und Pa­pa in Wahr­heit gar nicht ver­hei­ra­tet, son­dern Cou­sin und Cou­si­ne? Schluss jetzt.

„Pa­pa und ich hat­ten mal ei­ne schwie­ri­ge Zeit, vor al­lem war es mei­ne Schuld.“

Wor­über re­de­te mei­ne Mut­ter? Ich muss­te träu­men. Wie­so soll­ten mei­ne El­tern ei­ne schwie­ri­ge Zeit ge­habt ha­ben? Mei­ne El­tern gin­gen seit ich den­ken konn­te frei­tags zum Ke­geln, aßen sonn­abends Roll­bra­ten, sonn­tags Ap­fel­ku­chen mit Sprüh­sah­ne, und diens­tags traf sich Pa­pa mit Her­mann und Lothar zum Skat. Wo soll­ten da noch Pro­ble­me hin­pas­sen?

„Er­in­nerst du dich an die Zeit, als du mit Pa­pa al­lei­ne zu Hau­se warst?“, frag­te Ma­ma vor­sich­tig. „Na klar. Als du im Kran­ken­haus warst“, gab ich so­fort zu­rück. Erst neu­lich hat­te ich dar­an den­ken müs­sen, wie Pa­pa da­mals das Kaf­fee­mal­heur ge­löst hat­te.

„Nein. Ich war da­mals nicht im Kran­ken­haus. Das ha­ben wir nur so ge­sagt.“Ma­ma sah mich di­rekt an und hat­te of­fen­bar be­schlos­sen, dass ich jetzt in ei­nem Al­ter war, in dem man mich nicht mehr scho­nen muss­te, son­dern Ta­che­les mit mir re­den konn­te.

„Ich ha­be bei mei­nem Freund ge­wohnt.“

„Bei dei­nem Freund?“, lau­ter als nö­tig.

„Ja, ich ha­be mich da­mals in ei­nen an­de­ren Mann ver­liebt. Ich hat­te ihn im Thea­ter ge­trof­fen, an der Bar. Er hat mir ei­nen Bai­leys aus­ge­ge­ben und mich auch sonst sehr ver­wöhnt.“

Igitt, das war ja ab­scheu­lich. Al­so, das mit dem Ge­tränk mein­te ich. Ich hass­te Bai­leys. Ob Ma­ma das aus­ge­sucht hat­te oder ob der Mann ge­dacht hat­te, das sei das Rich­ti­ge für mei­ne Mut­ter? Da kann­te er sie aber schlecht. Ich er­tapp­te mich selbst da­bei, wie ich mich an ei­nem alt­mo­di­schen al­ko­ho­li­schen Ge­tränk ab­re­agier­te, nur um die ei­gent­li­chen News nicht ver­ar­bei­ten zu müs­sen.

Mei­ne Mut­ter hat­te ein Ver­hält­nis mit ei­nem an­de­ren Mann ge­habt. Als ich das all­mäh­lich rea­li­sier­te, schau­te ich sie fra­gend an und öff­ne­te den Mund.

„Du kennst ihn nicht“, nahm sie mir so­fort den Wind aus den Se­geln. „Es war auch nur ei­ne kur­ze Sa­che. Kurz und hef­tig.“

„Aber . . .“Ob ich mei­ne Mut­ter um De­tails bit­ten durf­te, war mir nicht so klar. Bis­her war die Mut­terToch­ter-Be­zie­hung im­mer ein­deu­tig de­fi­niert ge­we­sen. Ma­ma sag­te, was rich­tig war, und ich zwei­fel­te das nicht an. Ich stell­te kei­ne Nach-

frag­te ich fra­gen und nahm al­les eins zu eins hin, was mir vor­ge­lebt und er­zählt wur­de. Ein ein­ge­ros­te­tes Mo­dell, fand ich. „Aber, wie­so kam es da­zu?“Wie­der seufz­te die Frau, die über die Jahr­zehn­te ei­ne per­fek­te Fas­sa­de rund um Häu­schen im Grü­nen, Ren­ten­ver­si­che­rung und haut­far­be­nem Twin­set auf­ge­baut hat­te.

„Heu­te wür­de man es wohl ei­ne De­pres­si­on nen­nen.“All das wur­de mir ir­gend­wie doch zu in­tim, dach­te ich, als mei­ne Mut­ter ihr In­ners­tes nach au­ßen kehr­te. „Ich woll­te so ger­ne noch mehr Kin­der ha­ben. Es klapp­te aber nicht.“Da­von hat­te ich nichts ge­wusst. „Du warst noch sehr klein da­mals. Es gab da auch noch nicht so die Mög­lich­kei­ten wie heu­te, den ge­nau­en Grund aus­fin­dig zu ma­chen. Es könn­te sein, dass Pa­pa das Pro­blem war, weil er . . .“

„Kann ich noch ein Stück Ku­chen ha­ben?“, grätsch­te ich da­zwi­schen. Mir reich­te schon die In­for­ma­ti­on, dass mei­ne El­tern ei­ne Kri­se ge­habt hat­ten, da woll­te ich nicht auch noch in Ein­zel­hei­ten über die mög­li­che feh­len­de Po­tenz mei­nes Va­ters ein­ge­weiht wer­den. „Wie auch im­mer“, tat mir mei­ne Mut­ter den Ge­fal­len und ging nicht wei­ter ins De­tail. Sie leg­te mir ein zwei­tes Stück Ku­chen auf den Tel­ler. „Der Arzt hat im­mer ge­sagt, dass es schon ein Wun­der war, dass du auf die Welt ge­kom­men bist. Und dann hat Pa­pa ge­strahlt und ge­meint, dass er der glück­lichs­te Mensch der Welt war, weil es dich und mich gab. Trotz­dem war ich de­pri­miert.“

Ich war al­so ein Wun­der. Und ich wun­der­te mich, dass ich nie auch nur den blas­ses­ten Schim­mer da­von ge­habt hat­te, dass et­was nicht stimm­te.

(Fort­set­zung folgt)

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