Das Leid des klei­nen Leo

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON ANDRE­AS GRUHN UND IN­GRID KRÜGER

Das Mar­ty­ri­um des ge­tö­te­ten Ba­bys wird seit ges­tern in Mön­chen­glad­bach vor Ge­richt ver­han­delt. Der Va­ter ge­steht, sein Kind miss­han­delt und er­mor­det zu ha­ben. Die mit­an­ge­klag­te Mut­ter wehrt sich ge­gen die Vor­wür­fe.

MÖN­CHEN­GLAD­BACH Als Le­os Mut­ter mit 45 Mi­nu­ten Ver­spä­tung zur An­kla­ge­bank ge­führt wird und sich ne­ben ih­ren Ver­tei­di­ger setzt, bricht ih­re Fa­mi­lie im Zu­schau­er­raum in Trä­nen aus. Die Mut­ter des ge­tö­te­ten Säug­lings schützt ihr Ge­sicht mit ei­ner Ak­te vor den Ka­me­ras, ih­re Schul­tern be­ben, mit der Hand um­klam­mert sie ei­ne Pa­ckung Ta­schen­tü­cher. Spä­ter an die­sem ers­ten Pro­zess­tag wird die 25-Jäh­ri­ge, die we­gen Tot­schlags durch Un­ter­las­sen an­ge­klagt ist, vor dem Mön­chen­glad­ba­cher Land­ge­richt er­klä­ren, wie es da­zu kom­men konn­te, dass ihr 19 Ta­ge al­ter Sohn Leo in der Nacht des 21. Ok­to­ber 2015 von sei­nem Va­ter ge­quält, miss­han­delt, miss­braucht und ge­tö­tet wor­den ist.

Kurz nach der Mut­ter wird auch ihr Noch-Ehe­mann, der we­gen Mor­des an­ge­klag­te Va­ter des Jun­gen, in den Saal ge­führt. Auch er ver­deckt sein Ge­sicht, ei­ne Hand in der Ta­sche. Oh­ne je­de Re­gung nimmt er schräg hin­ter sei­ner Frau und den Ver­tei­di­gern Platz. Im Stak­ka­to ver­liest Staats­an­wäl­tin Ina Wolf die An­kla­ge, und der 26 Jah­re al­te Mann hört sich die Vor­wür­fe mit ge­schlos­se­nen Au­gen re­gungs­los an, wäh­rend das un­fass­ba­re Grau­en, das der klei­ne Jun­ge in der Woh­nung der Fa­mi­lie in Mön­chen­glad­bach er­lebt ha­ben muss, den Men­schen im voll be­setz­ten Gerichtssaal die Keh­le zu­schnürt. Schon vor der frag­li­chen Nacht soll der Va­ter sei­nen Sohn aus Ei­fer­sucht um die Zu­nei­gung der Mut­ter mehr­fach mal­trä­tiert, ge­schla­gen und mit hei­ßer Milch ver­brüht ha­ben. Ihn ge­schüt­telt und ge­drückt ha­ben, „wie man ei­ne Zi­tro­ne aus­quetscht“, heißt es im Ver­neh­mungs­pro­to­koll. Ein Po­li­zei­be­am­ter schil­dert, wie der Va­ter die Ta­ten in der ers­ten Ver­neh­mung mit ei­ner Pup­pe für die Be­am­ten wie­der­holt hat. „Da ha­be ich mich auch er­schro­cken“, sagt der er­fah­re­ne Er­mitt­ler.

In der frag­li­chen Nacht lag die Mut­ter im Schlaf­zim­mer, und der Va­ter mal­trä­tier­te im Wohn­zim­mer wie­der den Klei­nen. Dort be­schloss er nach ei­ner St­un­de der Miss­hand­lun­gen, den Schrei­en Le­os ein En­de zu set­zen, so liest es die Staats­an­wäl­tin aus der An­kla­ge­schrift vor. In den St­un­den dar­auf setz­te er sich mit sei­nen 88 Ki­lo­gramm mi­nu­ten­lang auf den Kopf des Jun­gen, schüt­tel­te ihn, schlug ihn, miss­brauch­te ihn se­xu­ell und schlug zwei Mal den Kopf auf die Kan­te des Wohn­zim­mer­ti­sches. Und als das Ba­by be­reits tot war, noch ein drit­tes Mal. Nach An­ga­ben ei­nes Gut­ach­ters hat­te der Mann bis zur Tat täg­lich Ma­ri­hua­na oder Can­na­bis ge­nom­men. Der Va­ter lässt über sei­nen Ver­tei­di­ger Micha­el Rost ei­ne Er­klä­rung vor­le­sen: „Mein Man­dant räumt die Vor­wür­fe ein, auch wenn ge­ring­fü­gi­ge De­tails der An­kla­ge nicht zu­tref­fend sind. Er kann es sich selbst nicht er­klä­ren, wie es da­zu kam, und er be­reut die­se Hand­lun­gen zu­tiefst.“Ei­ne Ent­schul­di­gung wird nicht for­mu­liert. „Ihm ist be­wusst, dass es kei­ne Wor­te der Ent­schul­di­gung ge­ben kann“, liest Rost vor. Mit ei­nem Ni­cken und ei­nem „Ja“schließt sich der 26-Jäh­ri­ge der Er­klä­rung an. Für den Fort­gang des Pro­zes­ses will er schwei­gen.

An­ders die Mut­ter. In ei­ner trä­nen­er­stick­ten Aus­sa­ge gibt sie an, war­um sie von Le­os Qua­len vor­her, aber vor al­lem auch in der To­des­nacht im Schlaf nichts mit­be­kom­men ha­ben will – ob­wohl ihr Sohn vor Qua­len ge­schrien ha­ben muss. Bei der Ver­neh­mung durch die Po­li­zei hat­te sie an­ders aus­ge­sagt, hält ihr der Vor­sit­zen­de Rich­ter Lothar Be­ckers vor. „Ich ha­be in der Nacht ge­schla­fen und nichts mit­be­kom­men“, wie­der­holt die Mut­ter schluch­zend, die Au­gen rot ge­weint. Bis zur Ver­neh­mung bei der Po­li­zei ha­be sie an plötz­li­chen Kinds­tod ge­glaubt. Den ver­brüh­ten Mund zu­nächst für Her­pes ge­hal­ten. Ei­nen Krat­zer am Au­ge für ei­ne selbst zu­ge­füg­te Ver­let­zung. Schmer­zen durch Hä­ma­to­me für Ko­li­ken. Die Be­am­ten hät­ten ihr dann ge­schil­dert, was tat­säch­lich ge­sche­hen sei. „Und es wur­de im­mer schlim­mer. Ich woll­te ein­fach, dass es auf­hört. Und dann ha­be ich al­les ab­ge­nickt“, sagt sie. „Ich kann mir nicht er­klä­ren, war­um ich ge­schla­fen ha­be. Ich wä­re ge­stor­ben für mein Kind.“Sie ha­be aber eben ge­glaubt, dass Leo bei sei­nem Va­ter in gu­ten Hän­den ist. Nun hat sie laut ih­rer Ver­tei­di­ger die Schei­dung ein­ge­reicht.

Rich­ter Be­ckers ent­geg­net: „Ich kann das nicht nach­voll­zie­hen und auch nicht glau­ben.“Im­mer wie­der zi­tiert er die Aus­sa­gen der Mut­ter bei der Po­li­zei. „Wenn er ge­schrien hat, bin ich nicht gu­cken ge­gan­gen aus Angst, dass mein Mann mir Vor­wür­fe macht“, heißt es in den Pro­to­kol­len. Und: „Ich ha­be die Sa­che igno­riert, weil ich es nicht wahr­ha­ben woll­te.“Und: „Ich ha­be schon ver­mu­tet, dass er dem Leo weh­tut.“Ihr Ver­tei­di­ger kri­ti­siert die Ver­neh­mung bei der Po­li­zei: „Was mei­ne Man­dan­tin in der Si­tua­ti­on ge­sagt hat, ist in ei­ne ge­wis­se Rich­tung in­ter­pre­tiert wor­den.“Die Aus­sa­ge sei un­ter Druck und un­ter Schock ent­stan­den. Dem wi­der­spre­chen die als Zeu­gen ge­hör­ten Be­am­ten. Als die Er­mitt­ler die Aus­sa­ge des Va­ters wie­der­ho­len, bricht die Mut­ter un­ter Trä­nen zu­sam­men. Das Ur­teil wird für den 31. Mai er­war­tet.

Der Va­ter räum­te die Vor­wür­fe ein, er be­reue „die­se Hand­lun­gen“zu­tiefst, er­klär­te sein Ver­tei­di­ger. Im Ver­lauf des Pro­zes­ses will er sich nicht mehr äu­ßern.

FOTOS: DPA

Die Mut­ter gibt an, in der Nacht ge­schla­fen und die Tat nicht mit­be­kom­men zu ha­ben. Laut ih­rem An­walt hat sie die Schei­dung ein­ge­reicht.

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