„Das Kind steht für al­le Stö­rungs­fäl­le“

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - FRANZISKA HEIN STELL­TE DIE FRA­GEN.

Was kön­nen Sie aus Ih­rer Er­fah­rung als Ge­richts­psych­ia­te­rin über El­tern sa­gen, die ih­re Kin­der tö­ten? ROSS­MA­NITH Es gibt meh­re­re Mo­ti­ve. Mit ei­nem Kind ver­än­dert sich schlag­ar­tig die Be­zie­hungs­dy­na­mik. Ei­ner der Part­ner fühlt sich plötz­lich über­for­dert, zu we­nig be­ach­tet. Nicht je­des Kind ist er­wünscht. Ei­fer­sucht kann ei­ne Rol­le spie­len. Bei Män­nern ist auch ent­schei­dend, wie sie die Va­ter­rol­le an­neh­men und ob sie den Kin­der­wunsch der Frau als auf­ge­zwun­gen emp­fin­den. Bei sol­chen Fäl­len be­ob­ach­te ich im­mer wie­der, dass die Tä­ter kei­ne Be­wäl­ti­gungs­me­cha­nis­men ent­wi­ckelt ha­ben, wie sie kon­struk­tiv mit Ag­gres­si­vi­tät um­ge­hen. Dar­aus re­sul­tiert ei­ne Ten­denz zur Im­pul­si­vi­tät. Wie kann es denn so weit kom­men? ROSS­MA­NITH Das Kind wird in sol­chen Fäl­len zum „Gift­be­häl­ter“. Das ist ein Fach­be­griff aus der Psych­ia­trie. Er be­sagt, dass al­le Pro­ble­me auf den Schwächs­ten ab­ge­scho­ben wer­den. Das Kind ver­kör­pert all das, was es an Stö­rungs­fäl­len gibt – et­wa, dass die El­tern nicht schla­fen kön­nen, kei­ne Zeit für an­de­re Din­ge fin­den. Wir be­ob­ach­ten dann, dass aus Ohn­macht mit Wut re­agiert wird. Wie ord­nen Sie ein, dass der Va­ter sein Kind auch se­xu­ell miss­braucht ha­ben soll? ROSS­MA­NITH Der­ar­ti­ge Hand­lun­gen müs­sen nicht pri­mär ei­nen pä­do­se­xu­el­len Hin­ter­grund ha­ben. Es kann sich um ei­ne se­xua­li­sier­te Ag­gres­si­vi­tät han­deln, im Ex­trem­fall um sa­dis­ti­sche Hand­lun­gen. Wie er­klä­ren Sie, dass die Mut­ter nicht ein­ge­grif­fen hat? ROSS­MA­NITH Die Fra­ge ist, in­wie­weit sie das konn­te. Meis­tens spielt Angst ei­ne Rol­le. Ge­ra­de, wenn sie selbst Er­fah­run­gen mit Ge­walt hat, hat sie ge­lernt, sich ru­hig zu ver­hal­ten. Der an­de­re Fall ist der, dass sie an­ge­nom­men ha­ben könn­te, es sei nicht so dra­ma­tisch. Es kommt vor, dass Müt­ter die Si­tua­ti­on leug­nen. Und: Schüt­zen kann nur, wer selbst das Ge­fühl des Schut­zes er­fah­ren hat.

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