PAUL WELFENS „NRW hat zu we­nig Grün­der“

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT -

Der Öko­nom warnt, dass die Wachs­tums­schwä­che zum ge­samt­deut­schen Pro­blem wird, und for­dert Re­for­men vom Land.

Das rea­le Wirt­schafts­wachs­tum 2015 ist mit 1,7 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr in Deutsch­land an­ge­stie­gen. Wenn man aber das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum von 0,5 Pro­zent be­trach­tet, so war die Wachs­tums­ra­te des Ein­kom­mens pro Kopf nur 1,2 Pro­zent. Das ist nicht viel an­ge­sichts ho­hen welt­wei­ten Wachs­tums und ge­rin­gem Öl­preis so­wie Zins.

Auf den Me­dail­len­plät­zen ste­hen Ba­den-Würt­tem­berg mit 3,1 Pro­zent, Berlin mit 3,0 und Bran­den­burg mit 2,7. Am En­de der Län­derLi­ga fin­det sich mit null Pro­zent Nord­rhein-West­fa­len. We­gen ge­stie­ge­ner Wohn­be­völ­ke­rung be­deu­tet dies rund -0,5 Pro­zent Wachs­tum pro Kopf. Das ist im Auf­schwung ein his­to­ri­sches Tief für das mit 17,6 Mil­lio­nen Men­schen be­völ­ke­rungs­reichs­te Bun­des­land. Ein Tief­punkt, der sich we­gen der Grö­ße von NRW auf ganz Deutsch­land aus­wirkt. NRW, öko­no­misch so groß wie die Nie­der­lan­de, braucht drin­gend Po­li­tik-Re­for­men.

Zwar mö­gen Struk­tur­pro­ble­me im Ruhr­ge­biet ver­hin­dern, dass NRW au­to­ma­tisch zu den TopWachs­tums-Län­dern ge­hört. Aber ein Rück­gang der rea­len Pro-KopfEin­kom­men ist ein Schock und der enor­me Rück­stand ge­gen­über der 15-Bun­des­län­der-Ver­gleichs­grö­ße (Deutsch­land oh­ne NRW) erst recht.

In ei­ner Ex­pan­si­ons­pha­se der EUWirt­schaft ist NRW schwach auf­ge­stellt. Es zieht als gro­ßes Bun­des­land nicht nur die Wachs­tums­ra­te Deutsch­lands nach un­ten, son­dern sorgt bis nach Bel­gi­en, Nie­der­lan­de und Frank­reich für ge­rin­ge­res Wachs­tum.

Oh­ne NRW be­trug die Wachs­tums­ra­te in Deutsch­land 2,3 Pro­zent in 2015. Wenn NRW drei Pro­zent Wachs­tum er­reicht hät­te, wä­re die ge­samt­deut­sche Wachs­tums­ra­te bei 2,5 Pro­zent ge­lan­det. Ver­gli­chen mit ei­nem Drei-Pro­zent-Wachs­tums-Sze­na­rio feh­len NRW in 2015 rund 18 Mil­li­ar­den Eu­ro an Ein­kom­men – plus Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fekt für Deutsch­land. Dem Fi­nanz­mi­nis­ter in Düs­sel­dorf ent­ge­hen so Steu­er­ein­nah­men von ei­ner hal­ben Mil­li­ar­de Eu­ro: Die Steu­er- und So­zi­al­ab­ga­ben wä­ren bei drei Pro­zent Wachs­tum in NRW ins­ge­samt in Deutsch­land fast neun Mil­li­ar­den Eu­ro hö­her ge­we­sen.

Da­mit wird die NRW-Schwä­che zum Bun­des­pro­blem. Bei drei Pro­zent Wachs­tum in NRW hät­te der Staat ins­ge­samt fast fünf Mil­li­ar­den Eu­ro Steu­er­mehr­ein­nah­men: ge­nü­gend Geld, um in Schu­len, Hoch­schu­len und In­fra­struk­tur in Hö­he fast ei­nes hal­ben Kon­junk­tur­pro­gramms zu in­ves­tie­ren. Wenn NRW nicht we­nigs­tens na­he zwei Pro­zent Wachs­tum hat, ist das schwach. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te in NRW liegt im März 2016 mit acht Pro­zent dop­pelt so hoch wie in Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te in Deutsch­land oh­ne NRW liegt bei 5,5 Pro­zent, so dass die NRW-Ar­beits­lo­sen­quo­te 2,5 Punk­te hö­her ist als im Rest der Re­pu­blik.

Was sind wich­ti­ge Ur­sa­chen für die Wachs­tums- und Job­schwä­che? Im Nach­gang zum IKT-Gip­fel in Essen 2012 hat das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um viel zu we­nig an Top-IKTPro­jek­ten zu­we­ge ge­bracht. Die Zahl der Un­ter­neh­mens­grün­dun­gen liegt auf Pro-Kopf-Ba­sis ge­rech­net un­ter dem Bun­des­schnitt: Wenn NRW 15 Pro­zent der deut­schen Grün­dun­gen hat, aber 21 Pro­zent der Be­völ­ke­rung Deutsch­lands, dann ist die Grün­der­in­ten­si­tät als re­la­tiv schwach an­zu­se­hen.

Un­ter den Flä­chen­län­dern hat NRW die höchs­ten Di­rekt­in­ves­ti­ti­ons­be­stän­de. Aber die In­ves­ti­tio­nen aus­län­di­scher Mul­tis sind nur auf Pro-Kopf-Ba­sis sinn­voll zu ver­glei­chen: Ge­gen­über Hess­sen hat NRW nur den hal­ben Wert – und das bei vor­teil­haf­ter La­ge mit­ten in Eu­ro­pa.

Die Re­gie­rung in Düs­sel­dorf hat zu­dem Kon­struk­ti­ons­feh­ler in den Zu­schnit­ten der Res­sorts. Dem Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um fehlt ei­ne In­no­va­ti­ons­ab­tei­lung, die einst un­ter FDP-Chef Pink­wart aus dem Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um in das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um ver­schwand. Das ist je­doch ei­ne ver­que­re Kon­struk­ti­on, die in der rot­grü­nen Ko­ali­ti­on son­der­ba­rer Wei­se über­nom­men wur­de. Kom­pe­tenz­de­fi­zi­te sind nicht nur im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um sicht­bar. Zu den Plus­punk­ten der Po­li­tik kann man die Wer­bung um Chinakon­tak­te als In­ves­ti­ti­ons­im­puls und den Aus­bau mo­der­ner Lo­gis­tik zäh­len. Der Au­tor ist Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen In­sti­tuts für in­ter­na­tio­na­le Wirt­schafts­be­zie­hun­gen an der Ber­gi­schen Uni­ver­si­tät Wup­per­tal.

FOTO: WOI

Pro­fes­sor. Paul Welfens

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