Der Mann, dem das Herz über­lief

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

Prin­ce hat­te re­bel­li­sches Po­ten­zi­al, Prin­ce war An­ders­den­ker, Neu­den­ker, er kann­te kei­ne Gren­zen. Mit sei­nen Ar­bei­ten über­rasch­te der US-Pop­star im­mer wie­der. Ges­tern starb er im Al­ter von nur 57 Jah­ren in Min­ne­so­ta.

CHANHASSEN/MIN­NE­SO­TA Es gibt die­se Stel­le in dem Buch „Pa­nik­herz“von Ben­ja­min von Stuck­ra­dBar­re, da stirbt ein Freund des Au­tors, und ver­zwei­felt und trost­su­chend ruft Stuck­rad-Bar­re sei­nen Kum­pel Udo Lin­den­berg an. Lin­den­berg sagt am an­de­ren En­de der Lei­tung ei­nen schö­nen Satz: „Er ist nicht von uns ge­gan­gen, er ist vor uns ge­gan­gen, wir se­hen den dann ja wie­der, spä­ter, sind ja schon ein paar Ex­per­ten da oben ver­sam­melt, da wird er es gut ha­ben, die sin­gen sich schon mal warm für uns.“

Prin­ce ist vor uns ge­gan­gen, und er sitzt jetzt da oben mit Da­vid Bo­wie und Lem­my Kil­mis­ter, und statt die ver­gan­ge­nen Mo­na­te zu ver­flu­chen und ei­ne Pe­ti­ti­on für den so­for­ti­gen Be­ginn von 2017 zu ver­fas­sen, soll­ten wir hier un­ten dank­bar sein für die Mo­men­te mit die­sem Künst­ler. Ge­ra­de die­je­ni­gen, die in den 80ern so­zia­li­siert wur­den, ha­ben sich von ihm bei­brin­gen las­sen,

Er hat­te zu vie­le Ide­en für die al­ten For­ma­te, es

war von al­lem über­reich­lich in sei­nem Kopf

was Groo­ve ist, Funk und Soul. Prin­ce ver­öf­fent­lich­te sein ers­tes Al­bum 1978, „For You“heißt es, und Prin­ce ver­schleu­der­te wäh­rend der Pro­duk­ti­on das Bud­get, das ihm die Plat­ten­fir­ma für drei Al­ben zu­ge­sagt hat­te. So war er, Per­fek­tio­nist ei­ner­seits, an­de­rer­seits hat­te er den Hang zur gro­ßen Ges­te, zur Oper, und da­zu passt, dass „Pur­p­le Rain“, das Lied, das ihn 1984 zum Su­per­star mach­te, sie­ben Mi­nu­ten lang war und ei­gent­lich aus drei Lie­dern be­stand. Er hat­te zu vie­le Ide­en für die al­ten For­ma­te, es war von al­lem über­reich­lich in sei­nem Kopf, und oft lief ihm dann auch noch das Herz über.

Prin­ce wur­de vor 57 Jah­ren in Minneapolis ge­bo­ren, der Va­ter war Jazz­pia­nist, und er zeig­te dem Sohn all die tol­len Plat­ten, denn er wuss­te, dass die rich­ti­gen Plat­ten ei­nen prä­gen und for­men kön­nen wie gu­te Bü­cher, sie kön­nen glück­lich ma­chen und ei­nen durchs Le­ben tra­gen: Sly & The Fa­mi­ly Sto­ne, Jo­ni Mit­chell, Mi­les Da­vis, Stevie Won­der und Par­li­a­ment. In der Mu­sik von Prin­ce fin­det sich denn auch je­der Stil; Funk und Soul eben­so wie Rock und New Wa­ve, er mach­te da kei­nen Un­ter­schied, und bis auf die schlim­me „Bat­man“-Plat­te aus dem Jahr 1989 gibt es kein wirk­lich schlech­tes Prin­ce-Al­bum.

Eben­so wich­tig wie als Mu­si­ker ist Prin­ce als Per­sön­lich­keit, das macht ja über­haupt den Ty­pus des Su­per­stars aus, und ge­nau das kenn­zeich­net auch die an­de­ren gro­ßen Hel- So po­sier­te Prin­ce für

das Co­ver sei­nes Al­bums „Pa­ra­de“(1986). den, die uns die ver­gan­ge­nen Wo­chen ge­nom­men ha­ben, dass ih­re Bio­gra­fi­en näm­lich ähn­li­che Kunst­wer­ke wa­ren wie ihr Oeu­vre. Prin­ce kämpf­te seit den 80er Jah­ren für das Recht am geis­ti­gen Ei­gen­tum. Sei­ne Plat­ten­fir­ma hat­te das in­zwi­schen le­gen­dä­re „Black Al­bum“be­reits an­ge­kün­digt, es soll­te der Nach­fol­ger des gi­gan­ti­schen Er­folgs „Pur­p­le Rain“wer­den, aber Prin­ce merk­te kurz vor Ver­öf­fent­li­chung, dass es nichts taug­te, dass es kei­ne Prin­cePlat­te war. Er zog es zu­rück, es brach­te ihm den Hass der Plat­ten­fir­ma ein, aber er stand da­zu. Ähn­lich ver­hielt er sich vor we­ni­gen Jah­ren bei sei­nem Auf­tritt in Köln, da ge­fiel ihm der Sound nicht, des­halb ver­ließ er nach ein paar Mi­nu­ten die Büh­ne, kehr­te dann zu­rück, spiel­te ein 15-mi­nü­ti­ges Gi­tar­ren­so­lo, schrie das Wort „Sound­check“, häng­te noch ei­ne Hand­voll Songs dran und ging.

Zwi­schen 1993 und 2000 nann­te er sich „The Ar­tist For­mer­ly Known As Prin­ce“, und dass sol­che Ka­prio­len nicht da­zu bei­tra­gen wür­den, den Mas­sen­er­folg aus­zu­bau­en, war

An­fang der 1980er ge­lang dem Sän­ger der welt­wei­te Durch­bruch. 2014 zeig­te sich der Mu­si­ker bei den French Open in Pa­ris.

Be­rühmt war Prin­ce auch für sei­ne ex­zen­tri­schen Auf­trit­te (1995). Prin­ce klar. Er wand­te sich schließ­lich ganz ab von den Ver­triebs­we­gen der In­dus­trie, ließ ein Al­bum ei­ner Zeit­schrift bei­le­gen, ver­öf­fent­lich­te Stü­cke aus­schließ­lich auf sei­ner Home­page oder brach­te zwei Al­ben am sel­ben Tag auf den Markt. Zu­letzt ar­bei­te­te er an ei­ner Al­bum­rei­he, das zwei­te mit dem Ti­tel „HITNRUN Pha­se II“ist ge­ra­de er­schie­nen, und ob­wohl es kaum je­mand mit­be­kom­men hat, ist auch das wie­der ei­ne ge­lun­ge­ne Pro­duk­ti­on.

Der Re­gis­seur Fa­tih Akin hat mal er­zählt, dass sein Va­ter ta­ge­lang nicht mit ihm ge­spro­chen ha­be, weil in Akins Ju­gend­zim­mer das Al­bum „Love­se­xy“mit dem nack­ten Prin­ce dar­auf ge­stan­den ha­be. Prin­ce hat re­bel­li­sches Po­ten­zi­al, Prin­ce ist An­ders­den­ker, Neu­den­ker, er kennt kei­ne Gren­zen, er ist Da­vid Bo­wie da­rin sehr ähn­lich. Nein: Er war es. Dar­an muss man sich erst ge­wöh­nen.

Man weiß kaum et­was Pri­va­tes über ihn. 1986 bau­te er sich für zehn Mil­lio­nen Dol­lar die Pais­ley-Par­kStu­di­os in Min­ne­so­ta, und die ers­te Plat­te, die er dort pro­du­zier­te, war „Sign O The Ti­mes“. Das soll­te ei- gent­lich ein Drei­fach-Al­bum wer­den, der Hang zum Aus­ufern­den halt, aber die Plat­ten­fir­ma schaff­te es, Prin­ce da­zu zu be­we­gen, das Ma­te­ri­al auf 16 Songs zu­sam­men­zu­strei­chen. „Sign O The Ti­mes“ist der Hö­he­punkt im Schaf­fen die­ses Künst­ler­ge­nies, die bes­te Plat­te der 80er Jah­re, da­mals hiel­ten sich Pu­bli­kums­dien­lich­keit und Wahn­sinn noch die Waa­ge. Micha­el Jack­son soll ihn an­ge­ru­fen ha­ben, der gro­ße Kon­kur­rent. Er woll­te Prin­ce für ein Du­ett auf dem Al­bum „Bad“ge­win­nen. Prin­ce fuhr al­so zu Jack­son, ließ sich den Song im Stu­dio vor­spie­len und ging oh­ne ein Wort hin­aus und reis­te ab. Der Song ge­fiel ihm nicht, es war un­ter sei­ner Wür­de.

Der Ka­me­ra­mann Micha­el Ball­haus, der für Prin­ce des­sen über­kan­di­del­ten, de­ka­den­ten Ki­no­film „Un­der The Cher­ry Moon“(1986) fo­to­gra­fiert hat, er­zähl­te, Prin­ce ha­be sich im­mer in ei­ner wei­ßen Li­mou­si­ne durch die nächt­li­che Stadt fah­ren las­sen und da­zu Schosta­ko­witsch ge­hört. Das ist ei­ne schö­ne Vor­stel­lung. Ver­zei­hung, aber Prin­ce war wirk­lich ein King.

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