Welt­wirt­schaft im Kuh­stall

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KLEVE - VON PE­TER JANS­SEN

Der Kra­nen­bur­ger Milch­bau­er Bern­hard Thys­sen will die Zahl sei­ner Rin­der auf sei­ner Hof­stel­le von der­zeit 598 auf 1074 er­hö­hen. Ne­ben ei­nem neu­en Stall plant er auch den Bau ei­ner Bio­gas­an­la­ge. Der Na­tur­schutz­bund lehnt das Pro­jekt ab.

KRA­NEN­BURG Milch­bau­ern kla­gen der­zeit häu­fig und an­hal­tend. Wer das nicht ver­ste­he, dem sei ein Blick in die Kühl­re­ga­le der Su­per­märk­te emp­foh­len, so die Vieh­hal­ter. Denn hier wer­de der Preis­kampf of­fen­bar. Mäch­ti­ge Dis­coun­ter wür­den dik­tie­ren, was für den Li­ter ge­zahlt wird. Du­el­le auf dem Welt­markt kön­ne die deut­sche Milch nicht ge­win­nen. Die Glo­ba­li­sie­rung ist seit län­ge­rem im Kuh­stall an­ge­kom­men. Nach Mei­nung et­li­cher Bau­ern gibt es nur ei­nen Aus­weg: Die Men­ge muss es ma­chen.

Die­sen Weg hat der Kra­nen­bur­ger Bau­er Bern­hard Thys­sen (48) be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren ein­ge­schla­gen. Er be­sitzt 598 Rin­der (da­von 66 Käl­ber) und will die­se Zahl auf sei­nem Hof auf 1074 (82 Käl­ber) ver­grö­ßern. Ne­ben dem Stall mit den Ma­ßen 110 Me­ter Län­ge und 35 Me­ter Brei­te, be­ab­sich­tigt er, ei­nen zwei­ten in der­sel­ben Grö­ßen­ord­nung zu er­rich­ten. Zu­dem plant er den Bau ei­ner Bio­gas­an­la­ge. Die Pla­nungs­kos­ten lie­gen bei drei Mil­lio­nen Eu­ro. Mit den dann 1074 Tie­ren wür­de der Milch­vieh­be­trieb zu den größ­ten im Kreis zäh­len. Ges­tern Abend wur­de über den von Thys­sen beim Kreis ein­ge­reich­ten An­trag auf Er­wei­te­rung sei­nes Be­triebs im Bau- und Pla­nungs­aus­schuss Kra­nen­burg dis­ku­tiert. Die Ver­wal­tung emp­fiehlt, das Vor­ha­ben zu un­ter­stüt­zen.

Der Va­ter von Bern­hard Thys­sen ist auch Bau­er. Als er den Hof führ­te, hat­ten al­le Kü­he noch ei­nen Na­men. 1965 muss­te er die über­schau­ba­re Zahl von zwölf Wie­der­käu­ern ver­sor­gen. Kreis­land­wirt Josef Pe­ters kann die Ge­schich­ten aus den ver­gan­ge­nen und ver­meint­lich bes­se­ren Ta­gen nicht mehr hö­ren. „Das ist doch al­les ro­man­ti­sches Ge­fa­sel“, sagt er. Die Zei­ten sei­en der­zeit so: wach­sen oder wei­chen. „Es geht nicht dar­um, ob wir da­mit glück­lich sind oder nicht. Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve“, be­tont der Kreis­land­wirt. Dis­coun­ter wie Al­di wür­den die Prei­se be­stim­men. 83 Pro­zent der ver­kauf­ten Milch sei­en Bil­lig­an­ge­bo­te von 55 Cent pro Li­ter. „Wenn man be­reit ist 1,50 Eu­ro für ei­nen Li­ter beim Bau­ern zu zah­len, dann kön­nen klei­ne Be­trie­be da­von le­ben“, weiß Pe­ters. Der­zeit wer­den 28 Cent von den Mol­ke­rei­en pro Li­ter ge­zahlt. Ten­denz fal­lend.

Aus Sicht von Land­wirt Bern­hard Thys­sen sind die In­ves­ti­tio­nen wirt­schaft­lich not­wen­dig. Acht Fa­mi­li­en, die Fest­an­ge­stell­ten ein­ge­rech­net, müs­sen von den auf dem Hof er­zeug­ten Pro­duk­ten ih­ren le­bens­un­ter­halt be­strei­ten. Au­ßer­dem brin­ge die Er­wei­te­rung nur Vor­tei­le. Die Kü­he, die da­zu kom­men, ge­hö­ren ihm schon und sind auf vier Hof­stel­len ver­teilt. „Ich will sie nur an ei­nen Stand­ort kon­zen­trie­ren“, sagt Thys­sen. Zu­dem pro­du­zie­re die Bio­gas­an­la­ge den Strom al­lein aus Gül­le und Mist. Um­welt­schäd­li­che Emis­sio­nen wür­den ge­senkt. Das sei auch ei­ne Vor­aus­set­zun­gen für die Ge­neh­mi­gung.

Die kann nach Auf­fas­sung von Dr. Volk­hard Wil­le je­doch nicht er­teilt wer­den. Wil­le prüft für den Na­buK­reis­ver­band Kle­ve den An­trag. Der Na­bu ist an dem Ver­fah­ren be­tei­ligt,

Volk­hard Wil­le da die Plä­ne nach dem Bun­des-Im­mis­si­ons­schutz­ge­setz be­ur­teilt wer­den müs­sen. Un­ab­hän­gig von die­sem Ver­fah­ren er­klärt Wil­le, dass der Na­bu die Ent­wick­lung in der Milch­vieh­hal­tung hin zu im­mer grö­ße­ren Ein­hei­ten von mehr als 1000 Kü­hen, die aber kei­nen Wei­de­gang mehr hät­ten, ab­lehnt. „Wir se- hen an­de­re Mög­lich­kei­ten“, sagt er. Die An­la­ge ist aus sei­ner Sicht nicht ge­neh­mi­gungs­fä­hig. Ein der­ar­ti­ger Be­trieb müs­se, so Wil­le, auf sei­nen ei­ge­nen oder lang­fris­tig ge­pach­te­ten Flä­chen (zwölf Jah­re) mehr als 50 Pro­zent des Fut­ters für die Tie­re er­zeu­gen kön­nen. Die Vor­aus­set­zung sei nicht er­füllt. Mit den Stick­stof­f­e­in­trä­gen in die um­lie­gen­den Ge­bie­te hat Wil­le eben­falls ein Pro­blem. „Da hilft es nicht, ein paar Bü­sche zu pflan­zen. Wir ha­ben in un­mit­tel­ba­rer Nä­he FFH-Ge­bie­te und den Reichs­wald“, sagt der Na­tur­schüt­zer. Er weiß aus Er­fah­rung, dass bei vie­len An­trä­gen zu­nächst al­les als ord­nungs­ge­mäß ein­ge­stuft wird. „Wenn man sich dann in­ten­si­ver da­mit be­schäf­tigt, er­kennt man, wo die Klöp­se ver­steckt sind“, sagt Wil­le und er­gänzt: „Wir la­gen mit un­se­rer Ein­schät­zung bis­lang im­mer rich­tig.“Kreis­land­wirt Pe­ters kennt den Hof von Thys­sen. Re­gel- mä­ßig bringt er dort Prei­se für be­son­ders leis­tungs­star­ke Kü­he vor­bei. So gibt es wel­che, die, be­vor sie ih­rem Schlach­ter be­geg­nen, 100.000 Li­ter Milch ge­ge­ben ha­ben. Bern­hard Thys­sen will die Le­bens­zeit sei­ner Tie­re auf sechs Jah­re ver­län­gern und nicht mög­lichst schnell mög­lichst vie­le Li­ter aus den Wie­der­käu­er her­aus­quet­schen. Da­durch wür­de die Le­bens­leis­tung der Kuh stei­gen. Die Milch, die auf dem Hof in Nüt­ter­den pro­du­ziert wird, ge­hört zur bes­ten Gü­te­klas­se in Deutsch­land. Sie lan­det in den Tü­ten der Mar­ke Land­lie­be. Pe­ters weiß, dass Thys­sen mit mo­derns­ter Tech­nik, streng nach Vor­schrift ar­bei­tet und be­tont: „Die Tie­re ge­ben viel Milch, des­halb sind das glück­li­che Kü­he.“Thys­sens Kü­he sind al­so schon glück­lich. Ob die Fa­mi­li­en es nach der Ent­schei­dung über den An­trag zum Kuh­stall­bau sein wer­den, bleibt noch ab­zu­war­ten.

„Da hilft es nicht, ein paar Bü­sche

zu pflan­zen“

Na­bu-Kreis­ver­band Kle­ve

RP-FOTO: GOTTFRIED EVERS

Die Groß­fa­mi­lie Thys­sen im „al­ten“Kuh­stall: Andre­as Thys­sen mit Hof­hund Pau­la, Chris­ti­na Hend­ricks, Me­lin­da Thys­sen, Bern­hard Thys­sen, Ste­phan Thys­sen, Lu­kas (Zwei Jah­re), Si­mon Thys­sen, Mad­lin Thys­sen und die Se­nio­ren Pe­ter und Kat­ha­ri­na Thys­sen.

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