Oba­ma – von London nach Isern­ha­gen

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON GREGOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

An­ge­sichts der Ter­ror­be­dro­hung steht der Be­such des US-Prä­si­den­ten in Hannover un­ter ver­schärf­ten Si­cher­heits­vor­keh­run­gen.

BERLIN Über Hannover wird es mor­gen mäch­tig brum­men. Zwi­schen 12 und 13 Uhr soll US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma mit der Air Force One in der nie­der­säch­si­schen Haupt­stadt lan­den. Oba­ma kommt zur Er­öff­nung der welt­größ­ten In­dus­trie­mes­se. Die Süd­bahn des Flug­ha­fens ist für den Prä­si­den­ten, der sei­nen letz­ten Be­such vor En­de sei­ner Amts­zeit in Deutsch­land ab­sol­viert, und sei­nen Tross schon seit ges­tern und noch bis En­de nächs­ter Wo­che ge­sperrt. Wenn der mäch­tigs­te Mann der Welt reist, ist schon Wo­chen vor­her für je­den Zen­ti­me­ter Bo­den, den er be­rührt, mäch­tig viel vor­be­rei­tet wor­den.

Rund 600 De­le­gier­te, Wirt­schafts­leu­te, Po­li­ti­ker, Un­ter­neh­mer, Jour­na­lis­ten, Si­cher­heits­per­so­nal und an­de­re An­ge­stell­te so­wie Han­dels­mi­nis­te­rin Pen­ny Pritz­ker be­glei­ten den Prä­si­den­ten. Für das Be- und Ent­la­den di­ver­ser Trans­port­flug­zeu­ge aus Oba­mas Be­gleit­tross und als Park­flä­che für die Air Force One wird ei­ne kom­plet­te Start- und Lan­de­bahn ge­braucht. Oba­mas De­le­ga­ti­on ist so groß, dass sie in Hannover nicht in ei­nem Ho­tel un­ter­ge­bracht wer­den konn­te.

An­ders als die Kanz­le­rin, die stets mit ei­nem ein­zi­gen Flug­zeug der Bun­des­wehr auf­bricht, kommt Oba­ma im­mer mit ei­ner gan­zen Flot­te. Ein Trans­port­flug­zeug bringt bei­spiels­wei­se min­des­tens zwei sei­ner Li­mou­si­nen mit. Da­bei han­delt es sich um ge­pan­zer­te, rund sie­ben Ton­nen schwe­re Ca­dil­lacs. Je­der („The Beast“ge­nannt) gleicht ei­ner rol­len­den Fe­s­tung: Mehr als zehn Zen­ti­me­ter di­ckes Glas, Schutz­be­plan­kung so­wie Spreng­mat­ten sol­len den Prä­si­den­ten vor An­grif­fen be­wah­ren. Zu­dem wer­den Tau­sen­de deut­sche Po­li­zis­ten für die Si­cher­heit des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten im Ein­satz sein.

Fühl­te sich schon US-Prä­si­dent Ge­or­ge W. Bush wie in ei­ner stän­di­gen Si­cher­heits­bla­se, so sind in Zei- ten er­höh­ter Ter­ror­ge­fahr die Vor­keh­run­gen zum Schutz des meist­be­droh­ten Men­schen auf der Welt ins schier Uner­mess­li­che ge­stei­gert wor­den. Ju­beln­de Pas­san­ten oder An­woh­ner als An­zei­chen für die Be­liebt­heit im je­wei­li­gen Land sind pas­sé. Zu ge­fähr­lich. Die Bür­ger, an de­ren Woh­nun­gen der Prä­si­dent in Hannover (vi­el­leicht) vor­bei­fah­ren wird, sind zur Vor­beu­gung von „Miss­ver­ständ­nis­sen“so­gar aus­drück­lich auf­ge­for­dert wor­den, nicht ans Fens­ter zu tre­ten – und die­se bloß nicht zu öff­nen.

Da ver­steht sich von selbst, dass Müll­ton­nen ver­schwin­den und Tau­sen­de von Gul­ly­de­ckeln nach Über­prü­fung der Roh­re ver­schweißt wer­den muss­ten. Zu­dem ver­su­chen die Prä­si­den­ten­schüt­zer, po­ten­zi­el­le At­ten­tä­ter zu ver­wir­ren, in­dem für je­de Stre­cke min­des­tens ei­ne Aus- weich­rou­te ein­ge­plant wird und bis zu­letzt of­fen­bleibt, wel­chen Weg der Prä­si­dent dann nimmt. Oba­ma kann in Hannover al­so in das ei­ne oder an­de­re „Biest“stei­gen oder aber den ei­nen oder an­de­ren Prä­si- den­ten­hub­schrau­ber nut­zen. So­gar die Air Force One ist dop­pelt un­ter­wegs, und manch­mal wech­seln Oba­ma und sei­ne Be­glei­ter die iden­tisch aus­ge­stat­te­ten Ma­schi­nen mit­ten wäh­rend ei­ner Rei­se – oh­ne es selbst zu mer­ken. Ih­re Un­ter­la­gen plat­zie­ren dann Hel­fer im Hin­ter­grund im zwei­ten Flie­ger an ex­akt je­ne Stel­le, an der sie im ers­ten Flie­ger la­gen. Selbst­ver­ständ­lich sind auch die Ma­schi­nen mit aus­ge­klü- gel­ter Ab­wehr­tech­nik aus­ge­stat­tet. US-Jour­na­lis­ten kön­nen den Prä­si­den­ten auch in der Air Force One be­glei­ten. Dies ist auch in Deutsch­land bei der Kanz­le­rin üb­lich. Aber für die auf­wen­di­ge Tour mit dem US-Prä­si­den­ten müs­sen die Ver­la­ge der Jour­na­lis­ten ei­ne fünf­stel­li­ge Sum­me be­zah­len. Bei Mer­kel geht es be­schei­de­ner zu: Die Be­gleit­pres­se zahlt ih­re Flü­ge und Ho­tel­zim­mer selbst. Die Kos­ten für den Platz in ei­ner Bun­des­wehr­ma­schi­ne ori­en­tie­ren sich je­doch an ei­nem güns­ti­gen Li­ni­en­flug.

Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel wird Oba­ma am Sonn­tag­mit­tag selbst vom Flug­ha­fen in Hannover ab­ho­len und ihn – vor­aus­sicht­lich bei reg­ne­ri­schem Wetter und nur zehn Grad Au­ßen­tem­pe­ra­tur – mit mi­li­tä­ri­schen Eh­ren be­grü­ßen.

An­schlie­ßend fährt der Tross zum Schloss Her­ren­hau­sen – im 19. Jahr­hun­dert der Som­mer­sitz des Kö­nigs­hau­ses Hannover. Heu­te wer­ben die Be­trei­ber mit dem Spruch um Gäs­te: „Ta­gen. For­schen. Fei­ern.“Oba­ma und Mer­kel wer­den re­den, Pres­se­state­ments ge­ben und am Abend ge­mein­sam mit Wirt­schafts­ver­tre­tern essen.

Das Ver­hält­nis von Mer­kel und Oba­ma gilt in­zwi­schen als sehr gut, nach­dem sie zu Be­ginn sei­ner Amts­zeit zu­nächst mit­ein­an­der frem­del­ten. Da­bei ha­ben sie durch­aus Ge­mein­sam­kei­ten, ins­be­son­de­re ih­re sehr ra­tio­na­le Art der Pro­blem­lö­sung.

Die in Eu­ro­pa stark un­ter Druck ste­hen­de Kanz­le­rin nutzt Oba­mas Be­such in Deutsch­land auch noch da­zu, selbst mal wie­der auf der Welt­büh­ne auf­zu­tre­ten. Nach dem Mes­se­rund­gang hat sie für Mon­tag ei­ne Art G 5-Gip­fel in Hannover zu­sam­men­ge­trom­melt. Oba­ma und Mer­kel wer­den mit Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier Da­vid Ca­me­ron, dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten François Hol­lan­de und dem ita­lie­ni­schen Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi un­ter an­de­rem über den Kampf ge­gen den Ter­ror, die Flücht­lings­kri­se und die La­ge in der Ukrai­ne spre­chen.

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Die Wa­gen­ko­lon­ne des US-Prä­si­den­ten, der ges­tern auf sei­nem Weg nach Deutsch­land in London Sta­ti­on mach­te.

FOTO: IM­A­GO

Im „See­fu­gi­um“in Isern­ha­gen bei Hannover soll Oba­ma näch­ti­gen.

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