Aa­chen übt den ato­ma­ren Ernst­fall

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON FRANZISKA HEIN

60 Ki­lo­me­ter lie­gen zwi­schen dem bel­gi­schen Atom­kraft­werk Ti­han­ge und der Kai­ser­stadt. Jen­seits der Gren­ze herrscht ein Ge­fühl re­la­ti­ver Si­cher­heit, dies­seits be­rei­ten sich die Aa­che­ner auf das schlimms­te Sze­na­rio vor. Ein Orts­be­such.

AA­CHEN Bel­gi­en, zwei Ki­lo­me­ter. Das steht auf dem Au­to­bahn­schild kurz vor der Aus­fahrt Roet­gen. Von dort sind es noch zehn Mi­nu­ten Fahrt auf ei­ner Land­stra­ße, die auf und ab geht wie ei­ne gro­ße Skate­board-Pis­te. 8200 Ein­woh­ner hat der Ort am Rand der Ei­fel. Ein Pla­kat mit der Auf­schrift „Ti­han­ge ab­schal­ten“hängt im Fens­ter der Grund­schu­le. Der Orts­ver­band der Grü­nen hat an die­sem Tag die Bür­ger zu ei­ner In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung ein­ge­la­den.

Wil­fried Duis­berg hält ei­nen Vor­trag dar­über, wie man sich auf ei­nen ato­ma­ren Zwi­schen­fall vor­be­rei­tet und wie man sich im Ernst­fall ver­hal­ten soll­te. Der Arzt im Ru­he­stand en­ga­giert sich seit 1983 für ei­ne in­ter­na­tio­na­le Ärz­te-Or­ga­ni­sa­ti­on ge­gen den Atom­krieg. 30 Jah­re lang hat er ei­ne Haus­arzt­pra­xis in Kor­ne­li­müns­ter bei Aa­chen ge­führt. Die Nach­rüs­tungs­de­bat­te zu Be­ginn der 80erJah­re hat ihn zu ei­nem Geg­ner der Atom­kraft ge­macht.

Ti­han­ge liegt 66 Ki­lo­me­ter süd­west­lich von Roet­gen. Aus die­ser Rich­tung weht meis­tens auch der Wind. „Da­hin, wo wir sind“, sagt Duis­berg. Das be­deu­tet: Falls we­gen ei­nes Stör­falls ra­dio­ak­ti­ve Stof­fe aus den Re­ak­tor­druck­be­häl­tern ent­wei­chen soll­ten, wür­den die Par­ti­kel mit der Luft nach Deutsch­land ge­weht. Bei ei­ner durch­schnitt­li­chen Wind­ge­schwin­dig­keit von 15 Ki­lo­me­ter pro St­un­de bräuch­te die ra­dio­ak­ti­ve Wol­ke vier St­un­den, bis sie die Re­gi­on Aa­chen er­reicht. Duis­berg spricht auch von den Haar­ris­sen, die man 2012 und 2013 in Ti­han­ge und in dem an­de­ren bel­gi­schen AKW Do­el ent­deck­te, wes­halb NRW-Um­welt­mi­nis­ter Jo­han­nes Rem­mel (Grü­ne) von „Brö­ckelMei­lern“spricht.

Längst in­ter­es­siert das The­ma Ti­han­ge in Aa­chen nicht mehr nur Grü­ne und Atom­kraft­geg­ner. Die Stadt­ver­wal­tung hat im De­zem­ber den Ein­satz ei­nes Kri­sen­stabs im Fal­le ei­nes ato­ma­ren Un­falls ge­probt und 300.000 Jod-Ta­blet­ten für die Be­völ­ke­rung an­ge­schafft. Ei­ne Kla­ge ge­gen den Wei­ter­be- trieb von Ti­han­ge liegt beim höchs­ten bel­gi­schen Ver­wal­tungs­ge­richt. So ist der Saal fast bis auf den letz­ten Stuhl be­setzt, Nach­züg­ler fin­den noch ir­gend­wo ein Plätz­chen am Rand. Auf den Sit­zen lie­gen Zet­tel mit Hin­wei­sen, wie man hoch­do­sier­te Jod-Ta­blet­ten nach ei­nem ato­ma­ren Un­fall ein­nimmt.

Pe­ter Laws ist bes­tens in­for­miert. Der Fa­mi­li­en­va­ter be­zeich­net die Ta­blet­ten als „Be­ru­hi­gungs­pil­len“. Im Fens­ter sei­ner Woh­nung am Ran­de der Aa­che­ner In­nen­stadt hängt auch ein „Ti­han­ge-Ab­schal­ten“-Pla­kat. Er hat zwar selbst Jod­Ta­blet­ten ge­kauft. Aber das reich­te nicht aus, sagt der Va­ter von zwei Töch­tern im Te­enager­al­ter. Von sei­ner Frau lebt er ge­trennt. „Ers­tens kön­nen die Pil­len star­ke Ne­ben­wir­kun­gen ha­ben, zwei­tens muss man ver­hin­dern, dass ra­dio­ak­ti­ve Par­ti­kel über die Schleim­häu­te, Atem­we­ge und Haut in den Kör­per ge­lan­gen“, sagt Laws. Des­we­gen hat er Atem­mas­ken mit zer­ti­fi­zier­ten Luft­fil­tern an­ge­schafft, die auch Kleinst­be­stand­tei­le ab­hal­ten. Da­zu Schutz­bril­len und je zwei Ganz­kör­pe­ran­zü­ge. „Ma­xi­mal 20 bis 25 Eu­ro kos­tet die Aus­rüs­tung pro Person“, sagt Laws.

Sei­ne Kin­der ha­ben Atem­mas­ken in ih­ren Schul­ran­zen, sie wis­sen auch, was zu tun ist, wenn

Pe­ter Laws die Si­re­ne geht. „Wenn es in der Schul­zeit pas­siert, zie­hen die Kin­der die Mas­ke an und kom­men nach Hau­se. Ich ha­be in der Zwi­schen­zeit schon die Woh­nung mit han­dels­üb­li­chen Bau­schaum ab­ge­dich­tet“, sagt Laws. In der Woh­nung hält er au­ßer­dem Ker­zen, Bat­te­ri­en und ei­nen Vor­rat von Was­ser und To­ma­ten­kon­ser­ven be­reit. Im Vor­rats­re­gal ste­hen auch meh­re­re Pa­ckun­gen halt­ba­re Scho­ko­milch.

Der selbst­stän­di­ge IT-Spe­zia­list ist kei­ner, der den Welt­un­ter­gang her­bei­re­det. Sach­lich und ru­hig kann er je­des De­tail sei­ner Schutz­maß­nah­men er­klä­ren. Auch mit der Funk­ti­ons­wei­se ei­nes Kern­kraft­werks und der Zahl der Stör­fäl­le in den bel­gi­schen Akws ist er ge­nau­es­tens ver­traut. Auf­ge­räumt ist sei­ne Woh­nung und auf­ge­räumt wirkt auch er selbst; ein Hys­te­ri­ker ist er nicht. Auch kein po­li­ti­scher Ak­ti­vist. Für ihn ist das Atom­kraft­werk in der Nä­he sei­nes Zu­hau­ses ei­ne exis­ten­ti­el­le Be­dro­hung, wie er sagt. Laws zwei­felt an der Si­cher­heit der bel­gi­schen AKWs, seit die Haar­ris­se ent­deckt wur­den und die deut­sche Po­li­tik sich in sei­nen Au­gen nicht ge­nug küm­mert. Als die Stadt Aa­chen im De­zem­ber für den Ernst­fall ge­übt hat, hat er ei­ge­ne Schutz­maß­nah­men ge­trof­fen.

Er hat sich auch Ge­dan­ken über ei­ne Flucht ge­macht. Der Plan sieht vor, zwei Ta­ge mit sei­nen Kin­dern zu Hau­se zu blei­ben, bis sich das ers­te Cha­os ge­legt hat. Da­nach will er mit sei­nen Kin­dern im Au­to weg­fah­ren, im Schutz­an­zug und mit Atem­mas­ke. Sei­ne Rou­te sieht vor, ge­gen den Wind um Aa­chen her­um nach Sü­den zu fah­ren.

Da­mit ver­hält sich Laws vor­bild­lich, wenn man Ex­per­ten fragt. Kei­ner geht da­von aus, dass es zum GAU kommt, aber dar­auf an­kom­men las­sen, will man es auch nicht. Wie wahr­schein­lich es ist, dass es zu ei­nem noch so klei­nen Leck im Re­ak­tor­druck­be­häl­ter und zum Ent­wei­chen von Ra­dio­ak­ti­vi­tät kommt, will kei­ner sa­gen – we­der das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um noch die Wis­sen­schaft­ler. Der Me­di­zi­ner Duis­berg rät sei­nen Zu­hö­rern in Roet­gen: „Cool blei­ben und den Kon­takt mit ra­dio­ak­ti­vem Staub so ge­ring wie mög­lich hal­ten.“Dass die Re­de von ei­nem ato­ma­ren Zwi­schen­fall in Ti­han­ge kein Hirn­ge­spinst über­vor­sich­ti­ger Atom­kraft­geg­ner ist, zeigt die Pan­nen­se­rie bel­gi­scher Kern­kraft­wer­ke. Ti­han­ge 2 und Do­el 3 muss­ten we­gen der Haar

ris­se im Re-

„Wenn es in der Schul­zeit pas­siert, zie­hen die Kin­der die Mas­ke an und kom­men nach Hau­se“

Aa­che­ner Bür­ger

ak­tor­druck­be­häl­ter ab­ge­schal­tet wer­den. 2014 er­teil­te die bel­gi­sche Atom­auf­sichts­be­hör­de FANC trotz­dem die Ge­neh­mi­gung, die AKWs zehn Jah­re wei­ter zu be­trei­ben. In Aa­chen ver­mu­tet man, dass wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen da­hin­ter ste­hen. Ei­ne Mil­li­on Eu­ro Ge­winn macht ein AKW am Tag, heißt es in der Bran­che. Lan­ge blie­ben Ti­han­ge und Do­el nicht am Netz. Wei­te­re Haar­ris­se tauch­ten auf. Im Fe­bru­ar 2016 be­rich­te­te der WDR au­ßer­dem, dass in den Re­ak­to­ren Do­el 3 und Ti­han­ge 2 das Kühl­was­ser vor­ge­heizt wer­den muss, weil man fürch­te, das kal­te Was­ser kön­ne die Re­ak­tor­druck­be­häl­ter be­schä­di­gen. Do­el 3 ist seit ei­ner au­to­ma­ti­schen Ab­schal­tung am Don­ners­tag seit ges­tern wie­der in Be­trieb.

Pe­ter Laws baut be­reits Kon­tak­te zu Neu­see­land auf. „Um hand­lungs­fä­hig zu sein, wenn die Si­tua­ti­on es­ka­liert“, sagt er. Sei­ne äl­tes­te Toch­ter wird dort ei­nen Schü­ler­aus­tausch ab­sol­vie­ren. Laws wird sie im Herbst be­su­chen. Am an­de­ren En­de der Welt gibt es kei­ne Atom­kraft­wer­ke oder Nu­kle­ar­waf­fen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.