Oba­ma lobt Mer­kel in den höchs­ten Tö­nen

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON REIN­HARD KO­WA­LEW­SKY

Der US-Prä­si­dent ist zum Ab­schieds­be­such in Deutsch­land. Er wirbt für das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP – und setzt da­bei auf An­ge­la Mer­kel.

HANNOVER Die Zei­ten än­dern sich. Als Ba­rack Oba­ma vor acht Jah­ren noch als Wahl­kämp­fer nach Berlin kam, konn­te man oh­ne vor­he­ri­ge Kon­trol­le noch ein­fach 30 Me­ter an die Büh­ne her­an­ge­hen – „Yes, we can“war sein Slo­gan, ge­ra­de das rot­grü­ne Deutsch­land be­grüß­te ihn un­ein­ge­schränkt ju­belnd in der deut­schen Haupt­stadt. Der Be­such von Oba­ma die­ses Wo­che­n­en­de in Hannover ver­lief an­ders. „Yes, we can“hieß es am Sams­tag auf ei­ner Kund­ge­bung mit rund 25.000 Teil­neh­mern. Aber ge­meint ist Wi­der­stand ge­gen den in der Stadt als Haupt­red­ner zur Hannover-Mes­se er­war­te­ten Oba­ma: Man kön­ne und sol­le das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP noch

Ba­rack Oba­ma stop­pen, mei­nen De­mons­tran­ten aus dem lin­ken La­ger. „Yes, we can stop TTIP“, steht auf den Trans­pa­ren­ten – Oba­ma ist aber nach Hannover ge­kom­men, um für das Ab­kom­men zu wer­ben. Es kön­ne Eu­ro­pa neue Wachs­tums­chan­cen ge­ben, sagt der lin­ke De­mo­krat.

Auch bei den Si­cher­heits­vor­keh­run­gen wer­den völ­lig neue Sai­ten auf­ge­zo­gen: Um kurz nach 18 Uhr tritt der US-Prä­si­dent als Haupt­red­ner bei der Er­öff­nung der Han­no­ver­Mes­se auf – aber schon bis 14 Uhr müs­sen fast al­le 3000 Gäs­te an Sam­mel­plät­zen wie der Mes­se ein­ge­trof­fen sein. Nach ei­ner ers­ten Durch­su­chung steht Deutsch­lands ver­sam­mel­te Wirt­schafts­eli­te dann war­tend im kal­ten Wind, um auf die von Mo­tor­rä­dern es­kor­tier­ten Shut­tle-Bus­se zu war­ten. „First Pea­nuts, then Oba- ma“(erst Erd­nüs­se, dann Oba­ma) heißt es auf den ver­teil­ten Snacks. Auch Ha­ni­el-Chef Ste­phan Gem­kow ist un­ter den frie­ren­den Ma­na­gern, die im Kon­gress-Zen­trum von Hannover dann er­neut durch­sucht wer­den – dort gibt es dann ty­pisch ame­ri­ka­ni­sche Hot­dogs, da­zu baye­ri­sche Bre­zeln. Der US-Vor­zei­ge­kon­zern Goog­le zeigt auf ei­nem In­for­ma­ti­ons­stand, wie Vir­tu­al Rea­li­ty funk­tio­niert – al­so das Be­trach­ten künst­li­cher Wel­ten in 3D.

Mit rie­si­gem Bei­fall be­grü­ßen die Gäs­te Oba­ma, als er nach ei­ner Fahrt durch ab­ge­sperr­te Stra­ßen kurz nach 18 Uhr dann wirk­lich im Kon­gress­zen­trum ein­trifft. In der ers­ten Rei­he: der aus Se­at­tle an der USWest­küs­te ein­ge­flo­ge­ne Mi­cro­sof­tChef Sat­ja Na­del­la, VW-Lei­ter Mat­thi­as Mül­ler, Sie­mens-Vor­stands­chef Joe Ka­e­ser und Dut­zen­de Po­li­ti­ker wie EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oet­tin­ger (CDU) oder Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU). For­ma­ler An­lass der Re­de ist, dass die USA die­ses Jahr Haupt­part­ner der Hannover-Mes­se, der größ­ten In­dus­trie­mes­se der Welt sind.

Der US-Prä­si­dent bringt drei gro­ße Bot­schaf­ten mit in die Lan­des­haupt­stadt von Nie­der­sach­sen: Die USA und Eu­ro­pa soll­ten mit dem Frei­han­dels­ab­kom­men die de­mo­kra­ti­schen und markt­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ten Re­gio­nen die­ser Welt noch viel en­ger zu­sam­men­füh­ren – dies kön­ne ge­ra­de dem wachs­tums­schwa­chen Eu­ro­pa neue Im­puls ge­ben. Es müs­se Tem­po ge­macht wer­den, nach­dem die USA und ei­ne Rei­he an­de­rer Län­der aus Asi­en be­reits ein ähn­li­ches Ab­kom­men ver­ein­bart ha­ben. Mer­kel: „Eu­ro­pa muss sich spu­ten.“

Die USA und Deutsch­land soll­ten auch bei der Be­wäl­ti­gung re­gio­na­ler Kri­sen wie in Sy­ri­en, in Li­by­en, Af­gha­nis­tan, teil­wei­se in Afri­ka oder auch der Ukrai­ne noch viel en­ger zu­sam­men­ar­bei­ten als bis­her – nur so kön­ne ins­be­son­de­re der in­ter­na­tio­na­le Ter­ro­ris­mus ein­ge­dämmt wer- den. Heu­te kom­men dar­um nach Hannover auch die Re­gie­rungs- und Staats­chefs von Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Ita­li­en zu ei­nem Mi­ni-Gip­fel in­klu­si­ve Mer­kel und Oba­ma zu­sam­men. Und in höchs­ten Tö­nen lobt der zur Jah­res­wen­de schei­den­de US-Prä­si­dent Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel vor der in­ter­na­tio­na­len Pres­se schon am Nach­mit­tag auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz: Sie ha­be durch­ge­setzt, dass Deutsch­land sich in­ter­na­tio­nal viel mehr en­ga­gie­re. Die Freund­schaft zu „An­ge­la“sei „die wich­tigs­te“, die er in sei­ner Zeit als US- Prä­si­dent ge­habt ha­be. Er be­wun­de­re ih­re „stra­te­gi­sche Weit­sicht“, er lobt ih­ren „au­ßer­or­dent­li­chen Hu­mor im klei­nen Kreis“, den sie „vor Jour­na­lis­ten ja nicht so stark zei­ge“. Und er spricht ihr ge­gen­über gro­ßen Re­spekt da­für aus, dass Deutsch­land un­ter ih­rer Füh­rung hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en und an­de­ren Län­dern auf­ge­nom­men ha­be und sich nun wei­ter für ei­ne eu­ro­pa­weit ko­or­di­nier­te Flücht­lings­po­li­tik ein­set­ze: „Sie ist we­gen ih­res Durch­hal­te­ver­mö­gens zu be­wun­dern.“Die Ge­schich­te wer­de zei­gen, dass „An­ge­la“Recht hat­te. Die Kanz­le­rin sei mu­tig, vi­el­leicht „weil sie ein­mal selbst hin­ter ei­ner Mau­er leb­te.“Die sonst oft kühl wir­ken­de Bun­des­kanz­le­rin freut sich aus­drück­lich.

Doch Haupt­ziel von Oba­mas Be­such in Hannover ist, für das TTIPAb­kom­men zu wer­ben. Da­bei geht er auf die deut­schen und eu­ro­päi­schen Be­fürch­tun­gen sin­ken­der Stan­dards bei Um­welt und so­zia­ler Ab­si­che­rung ein. Ein The­ma, das be­son­ders die Ver­brau­cher hier­zu­lan­de um­treibt. Ziel müs­se aber sein, dass nach dem Ab­kom­men so­wohl in den USA wie in Eu­ro­pa die Stan­dards nach dem Ab­kom­men stei­gen. Es sei falsch, vor­ran­gig dar­auf zu schau­en, dass durch in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb Stand­or­te oder ein­zel­ne Jobs ins Aus­land ver­la­gert wür­den, sagt er. Tat­säch­lich wür­den in Eu­ro­pa und den USA vie­le Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze durch neue In­dus­tri­en ge­schaf­fen. Es ge­he dar­um, ge­mein­sa­me Stan­dards fest­zu­set­zen, die dann von an­de­ren Re­gio­nen über­nom­men wür­den. Das sei bes­ser, als von an­de­ren Re­gio­nen ab­hän­gig zu sein. Im Prin­zip un­ter­stütz­te die Kanz­le­rin in ih­rer Re­de al­le die­se Über­le­gun­gen. Auch sie for­dert, die Ver­hand­lun­gen zu TTIP mög­lichst schnell ab­zu­schlie­ßen, um dann mit der Ra­ti­fi­zie­rung be­gin­nen zu kön­nen. Auch sie hat­te ein per­sön­li­ches Lob für Oba­ma: Das Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­men wä­re oh­ne sei­ne Mit­hil­fe nicht mög­lich ge­we­sen. Er sei ein be­währ­ter und en­ger Freund Deutsch­lands.

„Die Freund­schaft zu An­ge­la ist die wich­tigs­te, die ich in mei­ner Zeit als US- Prä­si­dent

ge­habt ha­be“

US-Prä­si­dent

FOTO: AFP

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel emp­fängt US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma am Schloss Her­ren­hau­sen in Hannover.

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