KURZKRITIKEN

Rheinische Post Goch - - WISSEN MYTHOS MOERS -

Pia­no und Trom­pe­te im Free-Jazz-Du­ett Co­rel­li, Su­per­star des mu­si­ka­li­schen Ba­rock Schma­le Bü­cher für schnel­le Denk­an­stö­ße

Jazz-CD Der 74 Jah­re al­te Trom­pe­ter Wa­da­da Leo Smith aus Chi­ca­go war Teil des Free-Jazz-Kol­lek­tivs AACM, dem auch Ant­ho­ny Brax­ton an­ge­hör­te. Nun hat er ei­ne Plat­te mit dem 44 Jah­re al­ten Pia­nis­ten Vijay Iy­er auf­ge­nom­men. Iy­er hat­te mit Smith be­reits in ei­nem Quar­tett ge­spielt, auch er ist Frei­den­ker, auf dem Al­bum „Break Stuff“et­wa wid­me­te er 2015 ein Stück dem Tech­no-Pio­nier Ro­bert Hood. Zu dem Al­bum „A Cos­mic Rhythm With Each Stroke“ha­ben sich die bei­den von der in­di­schen Künst­le­rin Nas­re­en Mo­ha­me­di (1937-’90) in­spi­rie­ren las­sen, de­ren Werk auch das Co­ver schmückt. Iy­er spielt Kla­vier und holt aus dem Lap­top Bäs­se und Elek­tro­nik, Smith schmei­chelt zu­nächst, stei­gert sich schließ­lich in har­sche Lärm­kas­ka­den und ver­liert da­bei nie die Me­lo­die aus den Au­gen. Man hört das und fühlt sich in­spi­riert, das ist an­re­gen­de Mu­sik, da pas­siert et­was, man spürt Teil­ha­be. Phil­ipp Hol­stein Klas­sik Heu­te ha­ben wir von ei­nem Re­kord zu be­rich­ten: näm­lich vom in­of­fi­zi­el­len Eh­ren­ti­tel des am meis­ten ver­kauf­ten und in No­ten ver­leg­ten Kom­po­nis­ten zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts. Man wür­de nie auf ihn kom­men, wenn die Zah­len nicht ei­ne ein­deu­ti­ge Spra­che sprä­chen: Es war der Ita­lie­ner Ar­can­ge­lo Co­rel­li (1653–1713), der Mensch­heit vor al­lem durch ein un­ver­gess­li­ches Con­cer­to gros­so mit dem Bei­na­men „Weih­nachts­kon­zert“be­kannt. Von Co­rel­lis ers­ter Kom­po­si­ti­on, sei­nem Opus 1, er­schie­nen bis 1800 nicht we­ni­ger als 39 Auf­la­gen, von sei­nem Opus 5 so­gar 42.

Die­se enor­me Ver­brei­tung ist ein In­diz da­für, wie be­liebt die­ser fa­mo­se Ita­lie­ner da­mals war. Sei­ne Wer­ke wur­den in na­he­zu al­len eu­ro­päi­schen Staa­ten ver­legt und be­grün­de­ten da­durch Co­rel­lis Ruhm und sei­nen Ruf als ver­mut­lich kom­pe­ten­tes­ter Vio­lin­vir­tuo­se und Kom­po­nist sei­ner Zeit. Die Con­cer­ti gros­si op. 6 wur­den in En­g­land bis ins 19. Jahr­hun­dert ge­spielt und selbst de­nen Hän­dels vor­ge­zo­gen; das woll­te et­was hei­ßen. Co­rel­li war al­so ein Full­time-Mu­si­ker mit meh­re­ren Kom­pe­tenz­be­rei­chen, wie es da­mals üb­lich war: Künst­ler, die vom Kom­po­nie­ren le­ben konn­ten, wa­ren da­mals die Aus­nah­me. Vie­le wirk­ten noch als Gei­ger oder als Buch­rei­he Der Re­clam-Ver­lag ver­öf­fent­licht seit ei­ni­ger Zeit schma­le Bän­de von gro­ßen Den­kern, und nun ist wie­der ein sol­ches Buch er­schie­nen, näm­lich Su­san Son­tags „Stan­dpunkt be­zie­hen“. Um Po­si­tio­nen war die In­tel­lek­tu­el­le, die 2004 starb, nie ver­le­gen. So ist das auch in die­sem Band, der fünf Es­says ver­sam­melt – zur Fo­to­gra­fie, der Schön­heit und zum 11. Sep­tem­ber 2001. Kei­ne Wo­che nach den An­schlä­gen be­klag­te Son­tag da die Rhe­to­rik der US-Po­li­tik. „Un­ser Land ist stark“, zi­tier­te sie das Mantra je­ner Ta­ge und füg­te hin­zu: „Ich für mei­nen Teil fin­de das nicht wirk­lich tröst­lich.“Die Rei­he, in der Son­tags Es­says er­schie­nen sind, heißt „Was be­deu­tet das al­les?“. Ver­öf­fent­licht sind da­rin un­ter an­de­rem auch Apho­ris­men von Nietz­sche, Au­gus­ti­nus’ „Be­kennt­nis­se“, Kon­fu­zi­us, Eras­mus von Rot­ter­dam und Ador­no. Die Bän­de fas­sen meist nicht mal 100 Sei­ten und kos­ten nur fünf Eu­ro. Für ei­nen Denk­an­stoß ge­nau rich­tig. Klas Li­bu­da

Su­san Son­tag: Cem­ba­lis­ten, und sin­gen konn­ten und muss­ten die meis­ten auch.

Ar­can­ge­lo Co­rel­li führ­te den Spitz­na­men „der Bo­lo­gne­ser“, weil er in Bo­lo­gna sei­ne ers­ten re­le­van­ten mu­si­ka­li­schen Geh­ver­su­che un­ter­nom­men hat­te und von dort in die wei­te­re ita­lie­ni­sche Welt star­te­te. Wie die­se Welt aus­sah und was an­de­re an­ge­se­he­ne Mu­si­ker von da­mals (Bas­sa­ni, Caz­za­ti, Bo­non­ci- ni, Ar­res­ti, To­rel­li, Ga­b­rie­li, Vi­ta­li) von Co­rel­li lern­ten, das lässt uns ei­ne vor­züg­li­che neue Plat­te der deut­schen har­mo­nia mun­di wis­sen. Das En­sem­ble Mu­si­ca An­ti­qua La­ti­na un­ter Gior­da­no An­to­nel­li mu­si­ziert die­se Mu­sik – lau­ter Trio­so­na­ten, al­so fein­glied­rigs­te Kam­mer­mu­sik – un­ter dem Mot­to „Co­rel­li und sei­ne Nach­fol­ger“kei­ne Se­kun­de als ba­ro­cke Me­ter­wa­re; die Mu­si­ker lau­schen den Ei­gen­hei­ten der Wer­ke nach, ver­lie­ben sich in sie, ver­lie­ren aber nicht den Ver­stand. Über al­lem thront Meis­ter Co­rel­li, der sei­nen Vor­na­men nicht grund­los trug: Er­z­en­gel. Wolfram Goertz

FOTO: ECM

Die CD von Vijay Iy­er und Wa­da­da Leo Smith.

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