HORST LICHTER „ Je­de Di­ät ist der größ­te Schwach­sinn“

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - MARTINA STÖCKER FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

Der Fern­seh­koch und TV-Tröd­ler pre­digt das Maß­hal­ten und setzt an­sons­ten auf Fleiß und Freund­lich­keit.

Herr Lichter, was ha­ben Sie zu­letzt ge­kocht? LICHTER Für mich pri­vat ko­che ich sehr sel­ten, zu Hau­se kocht mein Schatz, das macht sie sen­sa­tio­nell. Wenn ich un­ter­wegs bin, ver­zich­te ich auf war­mes Essen und ma­che mir lie­ber abends ein paar Bro­te. Das klas­si­sche Abend­brot ist ja ein biss­chen out – von we­gen Low Carb. LICHTER Scha­de ei­gent­lich, aber mit den gan­zen Le­bens­mit­tel­trends ist es ja kein Wun­der. Ir­gend­wann wird das But­ter­brot wie­der ent­deckt, ge­nau­so wie die nor­ma­le Küche. Sie sind al­so kein Freund von Le­bens­mit­tel­trends? LICHTER Al­les Neue ist wich­tig, sonst wür­den wir ja noch heu­te mit der Keu­le hin­ter dem Mam­mut her­ja­gen. Aber man soll­te nie ver­ges­sen, wo al­les her­kommt. Und wenn man die Ba­sics ver­gisst, kann man das Mo­der­ne auch nicht mehr ge­nie­ßen. Ich lie­be al­les von ges­tern, le­be ger­ne im Heu­te und in­ter­es­sie­re mich für die Zu­kunft. Pro­bie­ren Sie neue Sa­chen aus? LICHTER Nur wenn ich Lust drauf ha­be, sonst nicht. Ich bin in ei­nem ge­sun­den Ma­ße neu­gie­rig, aber nicht auf der Su­che nach ei­ner stän­di­gen Ve­rän­de­rung. Ist Gril­len für Sie ei­gent­lich Ko­chen? LICHTER Gril­len hat mir im­mer Spaß ge­macht, aber ich ha­be es nur dann ge­tan, wenn es Sinn mach­te. Das ist zum Bei­spiel an ei­nem schö­nen Som­mer­abend: Ich ste­he drau­ßen und gril­le was Schö­nes. Für mich wä­re es nichts für je­den Tag, es soll pas­sen und et­was Be­son­de­res sein. Span­nend fin­de ich, dass vie­le Leu­te heu­te das gan­ze Jahr über gril­len. Ich hät­te kei­ne Lust da­zu, da sit­ze ich lie­ber im War­men. (lacht) In Ih­rem Pro­gramm „Her­zens­sa­che“, mit dem Sie zur­zeit auf Tour sind, sa­gen Sie Sät­ze wie „Ein Stück Fleisch un­ter 400 Gramm ist für mich Car­pac­cio“. Sind das die Träu­me ei­nes heim­li­chen Sa­la­tes­sers? LICHTER Ich es­se so, wie ich le­be. Je­de Di­ät die­ser Welt ist der größ­te Schwach­sinn. Es sei denn, man ist krank. Die bes­te Er­näh­rung ist Maß­hal­ten. Das prak­ti­zie­re ich schon mein gan­zes Le­ben. An­fangs, weil ich so er­zo­gen wur­de, spä­ter weil ich kein Geld hat­te. Und heu­te, weil ich es so möch­te und mich da­mit wohl­füh­le. Ich es­se schon mal ein Stück Nou­gat und ver­schlin­ge das dann auch ganz. Oder ich es­se auch ei­ne gan­ze Ta­fel Scho­ko­la­de. Nur es­se ich sie nicht täg­lich und schon gar nicht mehr­mals täg­lich. Ich bei­ße auch mal mit Ap­pe­tit in ei­nen Bur­ger, oh­ne mir den Kopf dar­über zu zer­bre­chen. Ver­mis­sen ei­gent­lich noch Ih­re „Ol­diet­hek“in Rom­mers­kir­chen, in der Sie 20 Jah­re am Herd stan­den und die Sie 2010 ge­schlos­sen ha­ben?

Sie LICHTER Sie war ein gro­ßer Teil mei­nes Le­bens – auch hier­bei ist es wie beim Maß­hal­ten: Man muss wis­sen, wann et­was zu En­de ist. Die Zeit da­mals hat mich zu dem ge­macht, der ich heu­te bin. Ich be­reue nichts. Ich hat­te Spaß und ha­be es sehr ge­liebt. Aber ich hat­te auch viel Leid. Was war da­für ver­ant­wort­lich? LICHTER Pro­ble­me mit der Gesundheit, mit An­ge­stell­ten, Be­hör­den, Nach­barn – zu­sam­men­ge­nom­men ist das ein gro­ßes Päck­chen, das man schleppt. Den Stress in der Gas­tro­no­mie ver­ken­nen vie­le. LICHTER Aber dar­an sind wir auch selbst schuld. Wir Fern­seh­kö­che ver­mit­teln ja ei­ne ganz an­de­re Welt als die der Gas­tro­no­mie. Als Lehr­ling ha­be ich als Ers­tes ge­lernt: Es in­ter­es­siert den Gast nicht, wie es dir geht. Ob du mü­de und ka­putt bist, ob du Schmer­zen hast. Der Gast hat ein Recht auf ei­nen schö­nen Abend, da­für be­zahlt er. Er will sich nicht dei­ne Sor­gen an­hö­ren, eher musst du ihm zu­hö­ren. War­um ha­ben Sie auf­ge­hört? LICHTER Ich ha­be mich nie für ir­gend­was be­wor­ben oder bin zu Cas­tings ge­gan­gen. Das war ei­ne Mi­schung aus Glück und Zu­fall. Aber dann hat­te ich TV-Auf­trit­te und kei­ne Zeit mehr, das so zu ma­chen, wie ich es im­mer woll­te. Wer mal in mei­nem La­den war, der weiß, dass ich sel­ber ge­kocht ha­be – al­lei­ne. Das ging dann nicht mehr, und ich woll­te die Men­schen nicht be­lü­gen. Mei­ne TV-Kol­le­gen ha­ben zur mir ge­sagt: Mit dei­nem Na­men kannst du zwei, drei Lä­den auf­ma­chen – es reicht, wenn du da ab und zu durch­läufst und winkst. Aber das woll­te ich nie. Sie le­ben im Schwarz­wald, was ver­mis­sen Sie vom Rhein­land? LICHTER Ich ha­be rund 100 Ta­ge Dreh­ta­ge im Jahr bei Köln, ich bin noch oft in mei­ner Hei­mat. Was ich ver­misst ha­be, ist der ei­ne oder an­de­re Mensch, der mir ans Herz ge­wach­sen ist. Wo­bei ich sa­gen muss: Die se­he ich heu­te öf­ter als frü­her. War­um? LICHTER Es ist ja so. Wohnt man nah bei­ein­an­der, läuft man sich über den Weg und sagt: „Lass uns mal auf ’nen Kaf­fee oder Bier­chen tref­fen.“Das er­zählt man sich dann jah­re­lang, oh­ne was zu ver­ein­ba­ren. Jetzt ver­ab­re­de ich mich kon­kret, wenn ich hier bin, so dass ich ei­ni­ge Freun­de nach mei­nem Weg­zug häu­fi­ger se­he als in den 25 Jah­ren zu­vor. Aber das ist mensch­lich: Wenn Sie am Dom wohnen, ge­hen Sie da nie rein. Le­ben Sie wei­ter weg, sa­gen Sie sich: Wir müs­sen un­be­dingt den Dom be­su­chen. Sie sa­gen, das Le­ben be­steht aus vie­len Zu­ta­ten. Was ist Ihr Re­zept da­für? LICHTER Mein Re­zept ist re­la­tiv ein­fach: Ich ge­be das, was ich ger­ne hät­te. Ich ge­be Ih­nen ein Bei­spiel aus mei­ner Ar­beit bei „Ba­res für Ra­res“: Dort möch­te ich bei den Dreh­ar­bei­ten ei­ne tol­le At­mo­sphä­re und Spaß ha­ben. Al­so bin ich mor­gens ei­ne hal­be St­un­de zu früh, da­mit ich Zeit ha­be, al­le zu be­grü­ßen. Ich bin flei­ßig und freund­lich. Und die Leu­te ge­ben mir das zu­rück. Das ma­che ich auch im nor­ma­len Le­ben: Ich bin der Ers­te, der grüßt. Ich lä­che­le freund­lich und hel­fe. Stel­len Sie sich mal vor, wenn das ab mor­gen nur die Hälf­te der Men­schen ma­chen wür­de! Das wä­re ei­ne Sen­sa­ti­on. Hört sich fast zu fried­lich an. LICHTER Das heißt ja nicht, dass man kei­ne Kon­flik­te hat. Aber die trägt man an­ders aus, näm­lich mit Re­spekt. Ich bin de­mü­tig und dank­bar für das, was ich im Le­ben ha­be. Ich bin nicht nach­tra­gend. Ich ha­be Feh­ler ge­macht, die kann ich nicht rück­gän­gig ma­chen, aber ich ha­be dar­aus ge­lernt.

FOTO: SCHIFFGEN

Horst Lichter

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