Der Mann im Heu­hau­fen

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Das kannst du wohl laut sa­gen.“Er klang er­leich­tert. „Aber das kann dir Frau Bau­mann al­les sel­ber er­zäh­len. Sie hat den Ter­min bei dir ab­ge­sagt, weil sie so durch den Wind war. Andre­as und ich ha­ben die Da­men ins , Ca­fé au lait’ ge­bracht. Wir be­spre­chen hier al­les we­gen der Fei­er. Die Fran­zö­sin ist hier. Macht das pri­ma.“

Das klang nach ei­nem ver­dammt schö­nen Hap­py End!

„Pa­pa?“, un­ter­brach ich ihn. „Und du hast nicht hin­ter mei­nem Rü­cken nach je­man­dem für mich ge­sucht?“Ich hielt mich va­ge.

„Wie meinst du das? Ma­ma hat ges­tern schon so ei­ne An­deu­tung ge­macht.“Er wuss­te wirk­lich nicht, wo­von ich sprach.

„Na ja, ich ha­be so ein biss­chen, qua­si ne­ben­bei, nach ei­nem Mann aus ei­nem Zug ge­sucht. Aus rein be­ruf­li­chen Grün­den.“

„Ach so, der!“, mein­te Pa­pa nur. Er wuss­te es al­so doch. So­fort gin­gen mei­ne Alarm­glo­cken an. „Von dem hast du ja neu­lich am Te­le­fon Ines er­zählt.“Hat­te er al­so doch mit­ge­hört, als ich in mei­nem Kin­der­zim­mer lag und er an­geb­lich auf den Pe­ter­sen muss­te. „Aber nein, ich wür­de doch nie­mals ei­gen­mäch­tig . . .“Er brach ab, und ich glaub­te ihm so­fort, so ent­rüs­tet wie er klang. Plötz­lich fiel mir noch et­was ein, das ich ver­drängt hat­te.

„Pa­pa? Was soll­te das mit der Heuch­le­rin?“Mei­ne Stim­me klang auf ein­mal streng.

„Was? Ja, das hab ich mich auch schon ge­fragt, war­um du mich ei­nen Heuch­ler nennst.“

Ich woll­te es nicht, reg­te mich nun aber doch auf.

„Weil du mich so ge­nannt hast. In dei­ner SMS!“

Pa­pa mach­te ei­nen auf schwer von Ka­pee. „In wel­cher SMS?“

In­zwi­schen konn­te ich die Nach­richt in­klu­si­ve or­tho­gra­fi­scher Be­son­der­hei­ten aus­wen­dig. Al­so zi­tier­te ich. „Und die letz­ten Wor­te wa­ren: Mein Heuch­ler­chen. Des­we­gen ha­be ich doch ge­dacht, dass du ihn ge­fun­den hast.“Ich hat­te mich in Ra­ge ge­re­det, aber Pa­pa würg­te mich ab. „Ha­be ich nie ge­schrie­ben!“„Guck’s doch in dei­nem Spei­cher nach. Da muss die Nach­richt ja drin sein.“

Pa­pa sag­te, das kön­ne er nur, wenn er auf­le­ge. Er wür­de sich in drei­ßig Se­kun­den wie­der mel­den.

Aus den drei­ßig Se­kun­den wur­den fünf Mi­nu­ten.

„Ja?“, frag­te ich ge­hetzt und un­ge­dul­dig, als es wie­der klin­gel­te. Ich hör­te nur ein La­chen. So hat­te ich mei­nen Va­ter lan­ge nicht mehr la­chen ge­hört.

„Char­ly, du hast recht. Die Nach­richt ist hier drin!“„Sag ich doch!“, ant­wor­te­te ich ge­nervt. Ich wuss­te nicht, was es da zu la­chen gab. „Sie ist aber nicht von mir!“„Von wem denn dann?“„Von Ma­ma!“

„Hä?“, frag­te ich nur. Wie­so von mei­ner Mut­ter? Die wuss­te zum Zeit­punkt der WhatsApp doch noch gar nicht von mei­nem Zug-Un­be­kann­ten, konn­te folg­lich al­so auch nicht nach ihm ge­sucht ha­ben.

Jetzt war ich schwer von Ka­pee. Mein Va­ter klär­te mich auf. Er er­zähl­te un­ter Prus­ten, dass mei­ne Mut­ter sich sein Han­dy gemopst hat­te, um mir ei­ne Nach­richt zu schi­cken.

„Bit­te sei nicht bö­se auf sie. Sie hat das doch noch nie ge­macht. Sie woll­te dir ei­ne Ent­schul­di­gung sim­sen, weil du nicht mehr mit ihr ge­spro­chen hast.“Ich rief mir den In­halt ins Ge­dächt­nis. „Sie woll­te sa- gen, dass sie nicht mehr als dein Glück möch­te, und dann hat ihr die­ses ko­mi­sche Dings, wenn die Wör­ter vom Han­dy ver­än­dert wer­den, na, wie heißt denn das?“

„Au­to­kor­rek­tur!“, be­lehr­te ich ihn. Auch er hat­te of­fen­bar noch nicht al­le Fi­nes­sen drauf.

„Ge­nau, das hat den gan­zen Text ver­än­dert. Sie woll­te fra­gen, ob du bald kommst. Dar­aus wur­de er.“

„Und das Heuch­ler­chen?“, frag­te ich. So schnell gab ich mich nicht zu­frie­den. „Das soll­te ,mein Töch­ter­chen’ hei­ßen!“Ich stell­te mir durchs Te­le­fon vor, wie Pa­pa wei­ter grins­te und über sei­ne Frau den Kopf schüt­tel­te, die durch ei­ne un­be­dach­te Ak­ti­on für so vie­le Miss­ver­ständ­nis­se ge­sorgt hat­te.

Mir wur­de jetzt auch klar, wie­so Ma­ma neu­lich, als ich mit Sack und Pack bei ihr vor der Tür stand, gar nicht so über­rascht ge­we­sen war. Schließ­lich hat­te sie mich ja per WhatsApp ge­fragt, ob ich bald kä­me. Ver­rückt. Da­ge­gen war der Herr, aus dem per Au­to­kor­rek­tur ei­ne Hu­re ge­wor­den war, ja gar nichts.

„Char­ly. Was soll ich ma­chen? Sie köp­fen?“

Ich lach­te jetzt auch. „Nein, schick sie zur Volks­hoch­schu­le. WhatsAp­pen für An­fän­ger!“

Na klar hat­te mein Va­ter das Wort „glück­lich“nicht ge­schrie­ben. Dar­über war ich ja gleich ge­stol­pert. So et­was ta­ten Vä­ter ein­fach nicht. Müt­ter vi­el­leicht. Na­tür­lich nur, weil die es gut mein­ten.

Mein Kopf schwirr­te. Es war reins­te Iro­nie, dass mei­ne Mut­ter in Zei­ten der Funk­stil­le für Un­ru­he ge­sorgt hat­te. Aber viel wich­ti­ger: Pa­pa war nicht der Übel­tä­ter, und dar­über war ich ehr­lich er­leich­tert. Wenn aber nicht er da­hin­ter­steck­te, wie war Ines dann an den Zug-Un- be­kann­ten ge­kom­men? Vi­el­leicht über Andre­as? Oder sie hat­te mei­ne Lis­te heim­lich ab­te­le­fo­niert. Das er­schien mir un­sin­nig, weil sie ja nicht wuss­te, was sie er­war­te­te. Es gab nur ei­nen Weg, die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den.

„Kommst du vor­bei, Char­ly? Die ha­ben hier rich­tig le­cke­ren Ku­chen. Nicht ganz so gut wie bei Ma­ma, aber fast“, sag­te Pa­pa, der im­mer noch am Te­le­fon war.

Mei­ne El­tern wür­den bis an ihr Le­bens­en­de zu­sam­men­blei­ben. Des­sen war ich mir si­cher.

„Heu­te nicht, Pa­pa. Grüß al­le, ich muss noch was er­le­di­gen.“

Ich wür­de es ihr nicht durch die Blu­me sa­gen, son­dern di­rekt und ge­ra­de­her­aus. Aber vor­erst muss­te ich mich noch ge­dul­den, da ei­ne Kun­din sie in Be­schlag nahm. Die Frau trug ei­ne über­di­men­sio­na­le Son­nen­bril­le, die von der Grö­ße her nur noch von der farb­lich da­zu pas­sen­den Hand­ta­sche ge­toppt wur­de. Ich wet­te­te, die Hand­ta­sche wog mehr als die Frau selbst.

„Was sind denn die Blau­en da, die­ser La­ven­del da.“

„Das ist kein La­ven­del“, ant­wor­te­te ich, oh­ne lan­ge nach­zu­den­ken. „Das sind Trau­ben­hya­zin­then.“Ines sah mich mit über­rasch­tem Ge­sichts­aus­druck an, war aber nicht halb so er­staunt über mich wie ich selbst. Of­fen­bar hat­te ich ins Schwar­ze ge­trof­fen. Ich blick­te ver­le­gen auf die Stra­ße und fand, dass der Maz­da MX5, der ge­ra­de vor­bei­fuhr, ein klas­se Wa­gen war.

„Ach so!“, sag­te die Frau. „Wür­den Sie den­ken, ich soll die­se Hya­zin­then neh­men oder die Fre­si­en? Und die dann mit Eu­ka­lyp­tus­blät­tern oder ein­fach schlicht, al­so na­tür­lich? Ver­ges­sen Sie nicht, die Frau ist Waa­ge.“(Fort­set­zung folgt)

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