Po­li­tik krempelt Ge­heim­dienst um

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUAD­BECK

Der über­ra­schen­de Per­so­nal­wech­sel an der Spit­ze des BND lässt die Neu­aus­rich­tung des Ge­heim­diens­tes wie­der of­fen er­schei­nen.

BER­LIN Über Wo­chen hat das Kanz­ler­amt im­mer wie­der Rück­tritts­for­de­run­gen ge­gen den noch am­tie­ren­den BND-Chef Ger­hard Schind­ler ab­ge­wehrt. Um­so über­ra­schen­der war die Wen­de ges­tern. Schind­ler muss nun doch knapp zwei Jah­re vor Er­rei­chen des Pen­si­ons­al­ters sei­nen Hut neh­men und wird durch den zehn Jah­re jün­ge­ren Bru­no Kahl er­setzt.

Der neue Mann soll in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren den von Af­fä­ren ge­beu­tel­ten Ge­heim­dienst für die Her­aus­for­de­run­gen der Zu­kunft aus­rich­ten. Dies sei ei­ne „Her­ku­les­auf­ga­be“, hieß es ges­tern aus dem Kanz­ler­amt, dem der BND un­ter­stellt ist. Es ge­he ins­be­son­de­re dar­um, den BND für den An­ti-Ter­rorKampf zu rüs­ten und für die Be­wäl­ti­gung der Cy­ber-Be­dro­hung fit zu ma­chen. Auch die Zahl der bis­lang 6500 BND-Mit­ar­bei­ter soll ver­grö­ßert wer­den.

In ei­ner of­fi­zi­el­len Er­klä­rung nann­te Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er zu­dem „not­wen­di­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche und recht­li­che Kon­se­quen­zen aus den Ar­bei­ten des NSAUn­ter­su­chungs­aus­schus­ses“und den Um­zug gro­ßer Tei­le des BND von Pul­lach nach Ber­lin.

Die Fach­po­li­ti­ker im Bun­des­tag re­agier­ten zu­rück­hal­tend, teils arg­wöh­nisch auf die Per­so­na­lie. „Es hät­te vor­her vie­le An­läs­se ge­ge­ben – bei­spiels­wei­se das schwe­re Or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­sa­gen des BND in der NSA-Af­fä­re“, sag­te Chris­ti­an Fli­sek, Ob­mann der SPD im NSA-Un­ter­su­chungs­aus­schuss un­se­rer Re­dak­ti­on. „Ich hof­fe nicht, dass es noch ei­nen wei­te­ren An­lass gibt, den wir noch nicht ken­nen.“

Die NSA-Af­fä­re hat dem BND schwe­re Schlag­sei­te zu­ge­fügt. Der Nach­rich­ten­dienst hat­te den Ame­ri­ka­ner da­bei ge­hol­fen, aus­län­di­sche, auch eu­ro­päi­sche Zie­le, über IP-Adres­sen und Schlüs­sel­wör­ter (Se­lek­to­ren) aus­zu­spio­nie­ren. Die von den Ame­ri­ka­nern ge­lie­fer­ten Se­lek­to­ren hat­ten die BND-Mit­ar­bei­ter teils vor­ab, teils im Nach­hin­ein als Ver­stoß ge­gen deut­sches Recht er­kannt. Sie setz­ten ih­re Lei­tungs­ebe­ne dar­über aber nicht voll­stän­dig ins Bild.

Als Kon­se­quenz aus der Af­fä­re leg­te der NSA-Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­tags ein Ge­setz vor, das die Ar­beit des BND ge­nau­er ein­gren­zen und die Kon­trol­le des Ge­heim­diens­tes ver­bes­sern soll. Die­ses Ge­setz ist noch um­strit­ten. Zu­letzt in­ter­ve­nier­te der frü­he­re In­nen- und heu­ti­ge Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) bei der Kanz­le­rin da­ge­gen. Dass mit Bru­no Kahl nun aus­ge­rech­net ein Ver­trau­ter Schäu­bles neu­er BND-Chef wer­den soll, alar­miert die Be­für­wor­ter von stren­ge­ren Re­geln für den BND.

„Mit dem Ver­trau­ens­mann von Schäu­b­le ha­ben sich in der Re­gie­rung die Hard­li­ner durch­ge­setzt“, kri­ti­sier­te die in­nen­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen-Frak­ti­on, Ire­ne Mi­ha­lic. Es sei zu be­fürch­ten, dass ei­ne BND-Re­form nun schwie­ri­ger wer­de. „Ein tak­ti­sches Ma­nö­ver, um die BND-Re­form zu ver­zö­gern, wer­den wir der Re­gie­rung nicht durch­ge­hen las­sen“, kün­dig­te sie an. Schäu­b­le sei­ner­seits be­teu­er­te ges­tern, kei­nen Ein­fluss auf die Nachfolge Schindlers ge­nom­men zu ha­ben.

Im Kanz­ler­amt geht man wei­ter da­von aus, dass das noch um­strit­te­ne BND-Re­form­ge­setz bis En­de des Jah­res un­ter Dach und Fach ist. Da­für müss­te sich die Bun­des­re­gie­rung zu­min­dest bis zur Som­mer­pau­se auf ei­nen Ge­setz­ent­wurf ver­stän­di­gen. Die Vor­schlä­ge des Par­la­ments lie­gen be­reits seit dem ver­gan­ge­nen Som­mer vor.

Ei­nig ist man sich, dass der BND ein kla­re­res Auf­ga­ben­pro­fil er­hal­ten soll und dass das Aus­for­schen von EU-Part­nern aus­drück­lich ver­bo­ten wer­den soll. Um­strit­ten aber ist, wie de­tail­liert die par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le aus­fal­len wird und wel­che Über­wa­chungs­maß­nah­men vor­ab dem BND-Chef vor­ge­legt wer­den müs­sen. „Die SPD wird dar­auf po­chen, dass die BND-Re­form auch mit dem Wech­sel an der Spit­ze end­lich vor­an­kom­men muss“, sag­te Fli­sek. „Die Re­form darf nicht ins Sto­cken ge­ra­ten. Mit der Per­so­na­lie Kahl darf sich nicht Schäu­bles Li­nie bei der BND-Re­form durch­set­zen“, warn­te er.

Of­fen blieb ges­tern, was kon­kret den An­lass für die Ab­set­zung Schindlers ge­lie­fert hat. Zu­letzt wa­ren ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me Schindlers be­kannt ge­wor­den. Of­fen­bar setz­te ihm der Stress im Amt zu. Doch so­wohl Schind­ler wie auch die Bun­des­re­gie­rung lie­ßen den Zeit­punkt ver­strei­chen, zu dem er we­gen ge­sund­heit­li­cher Grün­de ge­sichts­wah­rend hät­te das Amt ver­las­sen kön­nen.

Die deut­li­che öf­fent­li­che Kri­tik an Schind­ler durch das Kanz­ler­amt wäh­rend der NSA-Af­fä­re und ei­ne feh­len­de per­sön­li­che Er­klä­rung ges­tern le­gen den Schluss na­he, dass Schind­ler sich nicht frei­wil­lig in den einst­wei­li­gen Ru­he­stand ver­set­zen lässt. Von ver­schie­de­nen Sei­ten wur­de ge­streut, es sei der Wunsch der Kanz­le­rin ge­we­sen, dass Schind­ler ge­he.

Als ein wich­ti­ger Grund für die spä­te Ab­set­zung gilt, dass die Bun­des­re­gie­rung auf dem Hö­he­punkt der NSA-Af­fä­re den Ein­druck ver­mei­den woll­te, sie lie­fe­re ein Bau­ern­op­fer. Die Pro­ble­me des Ge­heim­diens­tes sei­en so tief­ge­hend und grund­le­gend ge­we­sen, dass da­für nur ein Rück­tritt nicht aus­ge­reicht hät­te. Schind­ler hat­te durch­aus ver­sucht, das Ru­der her­um­zu­rei­ßen, und setz­te sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten für mehr Trans­pa­renz beim BND ein. Die­se Of­fen­si­ve ging ei­ni­gen in der Bun­des­re­gie­rung doch zu weit.

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