Air Ber­lin fliegt mit Not­kre­dit wei­ter

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON REIN­HARD KOWALEWSKY

Ein Re­kord­ver­lust von mehr als 450 Mil­lio­nen Eu­ro zeigt, wie an­ge­schla­gen Deutsch­lands zweit­größ­te Flug­ge­sell­schaft ist. Vor­stands­chef Ste­fan Pich­ler hofft trotz­dem auf die Wen­de – und baut Düs­sel­dorf als Stand­ort aus.

BER­LIN Air Ber­lin hat ver­gan­ge­nes Jahr mit ei­nem Net­to­ver­lust von 467 Mil­lio­nen Eu­ro das schlech­tes­te Er­geb­nis der Fir­men­ge­schich­te ge­schrie­ben. Das Un­ter­neh­men hat rein bi­lan­zi­ell nur noch ein ne­ga­ti­ves Ei­gen­ka­pi­tal von 780 Mil­lio­nen Eu­ro, er­klär­te Vor­stands­chef Ste­fan Pich­ler ges­tern. Als ei­nen Schritt, um das Über­le­ben zu si­chern, wur­den neue Kre­di­te in Hö­he von rund 320 Mil­lio­nen Eu­ro ein­ge­sam­melt: 75 Mil­lio­nen Eu­ro schoss Haupt­ak­tio­när Eti­had aus den Golf­staa­ten zu, knapp 250 Mil­lio­nen ga­ben zwei Ban­ken, die sich ihr Geld aber mit Si­cher­hei­ten von Eti­had ab­si­chern lie­ßen. Das er­läu­ter­te der Vor­stand.

Da­bei hat Deutsch­lands zweit­größ­te Flug­ge­sell­schaft 2015 auch viel Pech ge­habt. Rund 200 Mil­lio­nen Eu­ro des Ver­lus­tes ent­stan­den, weil noch vor Pich­lers Amts­an­tritt un­klu­ge Si­che­rungs­ge­schäf­te für Ke­ro­sin ab­ge­schlos­sen wur­den. Al­so muss­te Air Ber­lin Ke­ro­sin zu hö­he­ren Prei­sen ab­neh­men, als auf dem Markt ver­langt wur­den. Das De­sas­ter um den künf­ti­gen Flug­ha­fen Ber­lin trifft Air Ber­lin als dort be­son­ders ak­ti­ver Car­ri­er über­durch­schnitt­lich. Zu­dem ver­un­si­cher­te die Dis­kus­si­on über das mög­li­che Ver­bot ge­mein­sa­mer Flug­rech­te mit Eti­had wohl vie­le Kun­den, Pich­ler be­zif­fert den Scha­den auf rund 40 Mil­lio­nen Eu­ro. Si­cher­heits­hal­ber ver­kün­de­te er, dass dem Un­ter­neh­men ak­tu­ell kei­ne In­sol­venz dro­he: „Die Wirt­schafts­prü­fer ha­ben be­stä­tigt, dass die Fort­füh­rung des Un­ter­neh­mens ge­si­chert ist.“

Pich­ler mach­te klar, dass er ei­nen har­ten Sa­nie­rungs­kurs für die Ret­tung des Un­ter­neh­mens durch­set­zen wol­le. Da­für sei aber „ein kla­res Com­mit­ment al­ler in­ter­nen und ex­ter­nen Sta­ke­hol­der“er­for­der­lich. Aus sei­nem Um­feld wird da­zu er­klärt, die Aus­sa­ge be­deu­te kein neu­es Spar­pro­gramm beim Per­so­nal. Aber die ehr­gei­zi­gen Vor­ga­ben vom ver­gan­ge­nen Herbst wür­den nun kon­se­quent um­ge­setzt.

Ver­lie­rer des ak­tu­el­len Um­baus scheint vor­ran­gig der Stand­ort Mün­chen zu sein, wo­ge­gen Pich­ler Düs­sel­dorf so­gar wei­ter aus­bau­en will. Als Ziel sei­ner Ret­tungs­stra­te­gie setzt er bei­spiels­wei­se auf mehr Langstre­cken­flü­ge ab der NRWLan­des­haupt­stadt bei­spiels­wei­se nach Ku­ba und in die USA, um teu­re­re Ti­ckets ab­set­zen zu kön­nen – in die­sem Som­mer wer­de die Ka­pa­zi- tät in Düs­sel­dorf für sol­che Stre­cken um 16 Pro­zent zu­le­gen.

Et­was un­klar ant­wor­te­te der 58Jäh­ri­ge auf die Fra­ge, ob denk­bar sei, dass Air Ber­lin die rei­ne Fe­ri­en­flie­ge­rei nach Mallor­ca und ähn­li­che Zie­le ab- ge­ben könn­te, um sich auf die Stra­te

gie als „Netz­werk-Car­ri­er“zu kon­zen­trie­ren. Der Tou­ris­mus sei wei­ter ein „star­kes Stand­bein“der Grup­pe, sag­te er, be­ton­te aber an­de­rer­seits auch den Ver­bund mit Eti­had und der ita­lie­ni­schen Flug­ge­sell­schaft Alita­lia, die eben­falls zur Eti­had-Grup­pe ge­hört.

An der Bör­se ist Air Ber­lin nur noch 86 Mil­lio­nen Eu­ro wert – nicht ein­mal so­viel, wie ein neu­er Air­bus in der rund 150 Jets star­ken Flot­te kos­tet. Rech­ne­risch legt das Un­ter­neh­men bei je­dem ver­kauf­ten Ti­cket Geld drauf – fast 15 Eu­ro wa­ren es im ver­gan­ge­nen Jahr. Da trös­tet es nur we­nig, dass der er­fah­re­ne Luft­fahrt-Ma­na­ger Pich­ler ver­gan­ge­nes Jahr den Um­satz pro Flug­gast um zwei Pro­zent auf 120, 31 Eu­ro er­hö­hen konn­te – er müss­te eben noch ein­mal 15 Eu­ro mehr als Um­satz pro Kun­de oh­ne zu­sätz­li­che Kos­ten schaf­fen, um kei­ne Ver­lus­te mehr zu schrei­ben.

Für das lau­fen­de Jahr ris­kiert der Vor­stand viel: Die Si­che­rungs­ge­schäf­te für den Ke­ro­sin­ein­kauf wer­den ra­di­kal her­un­ter­ge­fah­ren. Blei­ben Öl und Ke­ro­sin bil­lig, war das schlau. Steigt der Öl­preis, könn­te dies aber hun­der­te Mil­lio­nen Eu­ro kos­ten.

FO­TO: GET­TY

Air Ber­lin fliegt tie­fer in die Kri­se.

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