His­to­ri­sche Ent­schul­di­gung im Au­schwitz-Pro­zess

Rheinische Post Goch - - POLITIK -

DET­MOLD (jra) Die Rich­te­rin im Au­schwitz-Pro­zess fragt ge­nau nach: Was die Ver­ga­sung mit Zy­klon B für die Op­fer kon­kret be­deu­tet ha­be? Die Häft­lin­ge in der Du­sche hät­ten wohl erst den Ge­ruch be­merkt und dann Übel­keit bis zum Er­bre­chen, sie be­ka­men Krämp­fe und Atem­not, bis sie lang­sam das Be­wusst­sein ver­lo­ren, sagt der Gut­ach­ter sach­lich. Da das Gas von un­ten aus­ström­te, muss­ten El­tern ih­re klei­nen Kin­der zu­erst ster­ben se­hen. Die Lei­chen sol­len aus Na­se und Mund ge­blu­tet ha­ben und von den To­des­kämp­fen teils so in­ein­an­der ver­keilt ge­we­sen sein, dass man ih­nen die Kno­chen ha­be bre­chen müs­sen, um sie zu tren­nen.

In 170.000 Fäl­len von Bei­hil­fe zu die­sen Mor­den ist der 94-jäh­ri­ge Rein­hold Han­ning aus La­ge an­ge­klagt, der Pro­zess wird seit Fe­bru­ar am Land­ge­richt Det­mold ver­han­delt. Er kann­te den Ver­bren­nungs­ge­ruch, er wuss­te, dass ein Groß­teil so­fort ge­tö­tet wur­de. Ge­spro­chen hat er dar­über nie. Nicht mal mit sei­ner Ehe­frau. Bis zu die­sem Tag. Er holt ei­nen DIN-A4-Zet­tel her­vor und liest ab: „Ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang ge­schwie­gen.“Er be­reue, ei­ner ver­bre­che­ri­schen Or­ga­ni­sa­ti­on an­ge­hört zu ha­ben, die für den Tod vie­ler Men­schen, für die Zer­stö­rung un­zäh­li­ger Fa­mi­li­en, für Elend, Qua­len und Leid ver­ant­wort­lich sei. „Ich schä­me mich da­für, dass ich das Un­recht se­hend ge­sche­hen las­sen und dem nichts ent­ge­gen­ge­setzt ha­be“, sagt er und schließt: „Ich ent­schul­di­ge mich hier­mit in aller Form für mein Ver­hal­ten.“

Der KZ-Über­le­ben­de Le­on Schwarz­baum, eben­falls 94, ist Ne­ben­klä­ger. Er hat­te Han­ning am ers­ten Ver­hand­lungs­tag an­ge­fleht, er sol­le end­lich spre­chen. Jetzt schaut Schwarz­baum ihm in die Au­gen und sagt: „Ich ak­zep­tie­re, dass er sich ent­schul­digt hat.“

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