Pfalz­dorf fi­nan­ziert Leh­rer in Gha­na

Rheinische Post Goch - - GRENZLAND POST - VON AN­JA SETT­NIK

GOCH (mi­ba) Aus bis­lang un­ge­klär­ter Ur­sa­che kipp­te ges­tern Vor­mit­tag ge­gen kurz nach zehn Uhr ein Lkw von der A 57 in den Gr­a­ben. Der Fah­rer konn­te sich an­schlie­ßend selbst aus dem Füh­rer­haus be­frei­en, er­litt je­doch ei­nen Schock und wur­de ärzt­lich be­han­delt. Der in den Nie­der­lan­den ge­mel­de­te Sat­tel­schlep­per war Rich­tung Nim­we­gen un­ter­wegs und hat­te Mi­ne­ral­stof­fe ge­la­den. Wäh­rend der auf­wän­di­gen Ber­gungs­ar­bei­ten, bei de­nen ein Kran zum Ein­satz kam, war ei­ner der bei­den Fahr­strei­fen der A 57 ge­sperrt.

Drei Päd­ago­gen aus Nan­dom ver­schaff­ten sich ei­nen Ein­druck vom Le­ben, Ar­bei­ten und Ler­nen in Deutsch­land.

GOCH-PFALZ­DORF Wie mag ei­ne Grund­schu­le mit elek­tro­ni­schen Whi­te-Bo­ards an der Ta­fel und Ein­bau­kü­che im Fach­raum auf Päd­ago­gen wir­ken, die 70 oder 80 im Sand sit­zen­de Kin­der gleich­zei­tig un­ter­rich­ten? Paul, 50, Ste­phen, 59 und Chri­san­tus, 46 Jahre alt, ma­chen die­se Er­fah­rung gera­de, denn sie – Leh­rer aus Nan­dom in Gha­na – ver­schaf­fen sich auf Ein­la­dung der Gha­na­part­ner­schaft Pfalz­dorf ei­nen Ein­druck vom Le­ben, Ar­bei­ten und Ler­nen in Deutsch­land. Auch ei­ne Schü­le­rin ist da­bei: Ida, 25 Jahre alt, aber erst Ne­unt­kläss­le­rin. Ih­re Fa­mi­lie ist arm; be­vor sie an der Rei­he war, die Schu­le zu be­su­chen, muss­ten erst die äl­te­ren Ge­schwis­ter be­rück­sich­tigt wer­den. Für mehr als ein Schul­kind reicht das Fa­mi­li­en­ein­kom- men nicht.

Wie Schu­le in Gha­na funk­tio­niert, da­von hat sich Theo Spren­ger, frü­he­rer Rek­tor der Pfalz­dor­fer St. Martin Haupt­schu­le, schon mehr­fach ein Bild ge­macht. „Im Nor­den Gha­nas, 700 Ki­lo­me­ter von der Haupt­stadt ent­fernt, ist Step­pe, es gibt nicht viel mehr als Sand. Dort wer­den die Kin­der, wenn sie über­haupt zur Schu­le ge­schickt wer­den, oft in Ba­ra­cken oh­ne Ti­sche und Stüh­le un­ter­rich­tet. Und die­je­ni­gen, de­nen ei­ne län­ge­re Schul­lauf­bahn er­mög­licht wird, ver­las­sen da­nach meist die Re­gi­on oder so­gar Afri­ka. Ei­ne ganz üb­le Ent­wick­lung.“Um die we­nigs­tens ein biss­chen auf­zu­hal­ten, fi­nan­ziert die Pfalz­dor­fer Gha­na­hil­fe ei­ni­ge Sti­pen­di­en für an­ge­hen­de Leh­rer. Da­mit sie in ei­ni­gen Jah­ren da­für sor­gen, dass mehr Kin­der ei­ne Schul­bil­dung be­kom­men und auch

Theo Spren­ger im Land blei­ben.

Die drei Män­ner und die jun­ge Frau wir­ken beim Pres­se­be­such leicht ge­stresst. Kein Wun­der, sie ha­ben ein eng ge­tak­te­tes Pro­gramm wäh­rend ih­rer drei Nie­der­rheinWo­chen. Sie be­sich­ti­gen Un­ter­neh­men, ler­nen die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr ken­nen, er­fah­ren, was ein Al­ten­heim ist. Je­den Abend wer­den sie bei Spren­gers zu­hau­se ver­kös­tigt, über­nach­ten in ei­nem mö­blier­ten, der­zeit un­be­wohn­ten Haus, sind auch mal „Tou­ris­ten“oder Fest-Be­su­cher. Kein Tag oh­ne Ter­mi­ne.

Aber beim Be­such der Pfalz­dor­fer Grund­schu­le strah­len ih­re Au­gen und rich­tet sich die Kon­zen­tra­ti­on al­ler auf die Erst­kläss­ler. Mit de­nen üben sie Eng­lisch: „What’s your fa­vou­rite co­lour? Which ani­mal do you li­ke? What’s your na­me?“Die Sie­ben­jäh­ri­gen wol­len ei­ne Men­ge wis­sen und ver­blüf­fen al­le Zu­hö­rer durch ih­re Sprach­kennt­nis­se. Leh­re­rin Ste­fa­nie Wil­bert ist mit Recht stolz.

Paul und Chri­san­thus be­rüh­ren erst­mals in ih­rem Le­ben ei­ne Ta­fel, auf die man dank neu­zeit­li­cher Elek­tro­nik mit dem Fin­ger schrei­ben kann. Das ge­fällt ihnen sicht­lich. Was ihnen we­ni­ger ge­fällt, be­rich­ten sie zö­gernd im an­schlie­ßen­den Pres­se­ge­spräch: „Ich ver­ste­he nicht, war­um die al­ten Men­schen nicht mit den Jun­gen zu­sam­men­le­ben“, sagt Ste­phen. Und Chri­san­tus fin­det trau­rig, dass so we­nig jun­ge Men­schen die Got­tes­diens­te be­su­chen. Die Gha­na­er sind Ka­tho­li­ken, un­ter­hal­ten sich auch viel mit dem Pfalz­dor­fer Ka­plan Aba (aus Ni­ge- ria) und Pas­to­ral­re­fe­rent Die­ter van Wi­cke­ren. Mit erns­tem Blick sagt Chri­san­thus, der nicht nur Leh­rer, son­dern auch Pries­ter ist: „Sie müs­sen auf­pas­sen, dass Sie bei all Ih­ren fi­nan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten das so­zia­le Mit­ein­an­der nicht ver­nach­läs­si­gen.“Dem 46-Jäh­ri­gen ge­fällt nicht al­les in Deutsch­land. Auch nicht, dass hier­zu­lan­de gu­ter Mais in Bio­gas­an­la­gen ge­steckt wird, statt sich da­von zu er­näh­ren.

Ge­nau die­ser Aus­tausch „auf Au­gen­hö­he“ist Theo Spren­ger wich­tig. Die Pfalz­dor­fer wol­len nicht nur Vor­bild für die Afri­ka­ner sein, son­dern durch­aus auch et­was von ih­ren Gäs­ten ler­nen.

Auch wei­ter­hin wird Geld ge­sam­melt für Bil­dung, Kran­ken­haus­pro­jekt und Brun­nen­bau in Nan­dom. Ein Jahr Leh­rer­aus­bil­dung kos­tet 800 Eu­ro. Sechs jun­ge Män­ner, die ih­re Eig­nung nach­wei­sen muss­ten, kom­men in den Ge­nuss der För­de­rung. Auch Frau­en wa­ren ge­fragt wor­den, aber sie trau­ten sich nicht zu, ih­re Dör­fer zu ver­las­sen. Schu­len, erst recht Hoch­schu­len, sind vie­le St­un­den weg von Zu­hau­se.

„Im Nor­den Gha­nas wer­den die Kin­der oft in

Ba­ra­cken oh­ne Ti­sche und Stüh­le un­ter­rich­tet“

Gha­na-Ver­ein Pfalz­dorf

RP-FO­TO: GOTT­FRIED EVERS

RP-FO­TO: GOTT­FRIED EVERS

Bei der Fra­ge­stun­de in der Pfalz­dor­fer Grund­schu­le war die Neu­gier­de auf bei­den Sei­ten groß.

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