Sto­ner

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ab ins Bad mit dir, und spritz dir et­was kal­tes Was­ser ins Ge­sicht. Dann gehst du auf dein Zim­mer und legst dich hin.“

„Ach, Wil­ly“, fleh­te Edith. „Mein ei­ge­nes, klei­nes Ba­by. Ganz meins. Wie konn­te das pas­sie­ren. Wie konn­te sie . . .“

„Nun geh“, sag­te Sto­ner. „Ich wer­de gleich nach dir se­hen.“

Sie tau­mel­te aus dem Zim­mer. Sto­ner schau­te ihr nach und reg­te sich erst wie­der, als er im Bad das Was­ser lau­fen hör­te. Dann dreh­te er sich zu Gra­ce um, die ihn un­ver­wandt aus ih­rem Ses­sel an­sah. Er lä­chel­te kurz, ging zu Ediths Werk­tisch, nahm sich den Stuhl und stell­te ihn vor Gra­ce’ Ses­sel, da­mit er mit ihr re­den konn­te, oh­ne auf sie her­ab­bli­cken zu müs­sen.

„Nun“, sag­te er, „war­um hast du mir nichts da­von er­zählt?“

Sie be­trach­te­te ihn mit ei­nem lei­sen, sanf­ten Lä­cheln. „Was gibt es da viel zu er­zäh­len?“, sag­te sie. „Ich bin schwan­ger.“„Bist du si­cher?“Sie nick­te. „Ich war beim Arzt und weiß es erst seit heu­te Nach­mit­tag.“

„Tja“, sag­te er und tät­schel­te un­be­hol­fen ih­re Hand. „Du musst dir kei­ne Sor­gen ma­chen. Es wird schon al­les wer­den.“„Ja“, sag­te sie. Be­hut­sam frag­te er: „Willst du mir ver­ra­ten, wer der Va­ter ist?“

„Ein Stu­dent“, ant­wor­te­te „Von der Uni­ver­si­tät.“

„Willst du es mir lie­ber nicht sa­gen?“

„Ach was“, sag­te sie. „Dar­auf kommt es nicht an. Er heißt Frye. Ed Frye. Ist im zwei­ten Se­mes­ter. Ich glau­be, er war letz­tes Jahr in dei­nem Grund­kurs.“– „Ich kann mich nicht an ihn er­in­nern“, sag­te Sto­ner.

sie. „Über­haupt nicht.“– „Tut mir leid, Va­ter“, sag­te Gra­ce. „Es war dumm von mir. Er war ein we­nig an­ge­trun­ken, und wir ha­ben . . . nicht auf­ge­passt.“

Sto­ner wand­te den Blick von ihr ab und sah zu Bo­den.

„Tut mir leid, Va­ter. Jetzt ha­be ich dich scho­ckiert, oder?“

„Nein“, er­wi­der­te Sto­ner. „Höchs­tens über­rascht. Wir ha­ben in den letz­ten Jah­ren nicht viel von­ein­an­der er­fah­ren, nicht?“

Sie sah fort und ant­wor­te­te be­klom­men: „Nun . . ., nein, ich glau­be nicht.“

„Liebst du ihn, Gra­ce? Die­sen Jun­gen . . .“

„Ach was“, sag­te sie. „Ei­gent­lich ken­ne ich ihn kaum.“Er nick­te. „Und jetzt?“„Ich weiß nicht“, sag­te sie. „Aber das ist auch un­wich­tig. Ich will dir nicht zur Last fal­len.“

Ei­ne Zeit lang sa­ßen sie da, oh­ne zu re­den. Schließ­lich sag­te Sto­ner: „Mach dir kei­ne Sor­gen. Es wird schon wer­den. Wo­zu du dich auch ent­schließt und was du auch tun willst, es wird al­les gut.“

„Ja“, sag­te Gra­ce und er­hob sich aus ih­rem Ses­sel. Dann sah sie ih­ren Va­ter an. „Du und ich, wir kön­nen jetzt re­den.“

„Ja“, sag­te Sto­ner. „Wir kön­nen re­den.“

Sie ver­ließ das Ate­lier, und Sto­ner war­te­te, bis er hör­te, wie sie oben die Schlaf­zim­mer­tür zu­zog. Ehe er dann auf sein ei­ge­nes Zim­mer ging, husch­te er noch lei­se nach oben und öff­ne­te die Tür zu Ediths Schlaf­zim­mer. Sie schlief fest und lag an­ge­zo­gen auf dem Bett, die Nacht­tisch­lam­pe leuch­te­te ihr grell ins Ge­sicht. Sto­ner knips­te das Licht aus und ging nach un­ten.

Beim Früh­stück am nächs­ten Mor­gen war Edith bei­na­he gut ge- launt. Nichts ver­wies auf ih­ren hys­te­ri­schen An­fall vom Vor­abend, und sie re­de­te, als wä­re die Zu­kunft ein hy­po­the­ti­sches Pro­blem, das sich lö­sen lie­ße. Nach­dem sie den Na­men des Jun­gen er­fah­ren hat­te, ver­kün­de­te sie strah­lend: „Nun, al­so. Fin­dest du, wir soll­ten mit sei­nen El­tern Kon­takt auf­neh­men? Oder wä­re es bes­ser, erst mit dem Jun­gen zu re­den? War­te mal – jetzt ist die letz­te Wo­che im No­vem­ber. Sa­gen wir zwei Wo­chen. In der Zeit könn­ten wir al­le Vor­be­rei­tun­gen tref­fen, viel­leicht so­gar für ei­ne klei­ne kirch­li­che Hoch­zeit. Gra­ce, was macht dein Freund? Wie heißt er noch mal?“

„Edith“, sag­te Sto­ner. „War­te. Du setzt viel zu viel vor­aus. Viel­leicht wol­len Gra­ce und die­ser jun­ge Mann ja gar nicht hei­ra­ten. Lass uns mit un­se­rer Toch­ter dar­über re­den.“

„Was gibt es da zu re­den? Na­tür­lich wol­len die bei­den hei­ra­ten. Schließ­lich sind sie . . . sind sie . . . Gra­cie, sag es dei­nem Va­ter. Er­klä­re es ihm.“

Gra­ce sag­te zu ihm ge­wandt: „Es ist nicht wei­ter wich­tig, Va­ter. Es ist wirk­lich nicht wei­ter wich­tig.“

Und Sto­ner be­griff, dass es wirk­lich un­wich­tig war. Gra­ce’ Au­gen blick­ten an ihm vor­bei in ei­ne Fer­ne, die sie nicht se­hen konn­te und an die sie oh­ne al­le Neu­gier dach­te. Er ver­stumm­te und ließ Frau und Toch­ter Plä­ne ma­chen.

Es wur­de be­schlos­sen, dass man Gra­ce’ ,jun­gen Mann’, wie Edith ihn nann­te, als wä­re sein Na­me ir­gend­wie ver­bo­ten, ins Haus ein­la­den wol­le, da­mit Edith mit ihm ,re­den’ kön­ne. Sie plan­te den Nach­mit­tag, als wä­re es ei­ne Sze­ne in ei­nem Thea­ter­stück, zu dem Ab­gän­ge, Auf­trit­te und so­gar ei­ni­ge Zei­len Dia­log ge­hör­ten. Sto­ner wür­de sich gleich ent­schul­di­gen, Gra­ce noch ei­ni­ge Au­gen­bli­cke blei­ben und dann eben­falls ge­hen, so­dass Edith sich al­lein mit dem jun­gen Mann un­ter­hal­ten konn­te. Ei­ne hal­be St­un­de spä­ter soll­te Sto­ner zu­rück­keh­ren, da­nach Gra­ce, bis da­hin dürf­ten al­le nö­ti­gen Ver­ein­ba­run­gen ge­trof­fen wor­den sein.

Und al­les lief ge­nau so ab, wie Edith es ge­plant hat­te. Spä­ter frag­te sich Sto­ner ver­wun­dert, was der jun­ge Ed­ward Frye wohl ge­dacht ha­ben moch­te, als er furcht­sam an die Tür klopf­te und in ei­nen Raum mit all sei­nen Tod­fein­den ge­las­sen wur­de. Er war ein groß­ge­wach­se­ner, gut ge­bau­ter jun­ger Mann mit ir­gend­wie ver­wisch­ten, leicht ver­drieß­li­chen Zü­gen, der vor Furcht und Ver­le­gen­heit wie be­täubt schien und nie­man­dem ins Ge­sicht se­hen woll­te. Als Sto­ner aus dem Raum ging, hock­te er zu­sam­men­ge­sun­ken in ei­nem Ses­sel, die Un­ter­ar­me auf den Kni­en, den Blick zu Bo­den ge­rich­tet; und als er ei­ne hal­be St­un­de spä­ter zu­rück­kam, saß der jun­ge Mann in ge­nau der­sel­ben Hal­tung da, so als hät­te er sich un­ter dem Ka­no­nen­don­ner von Ediths vo­gel­haf­ter Fröh­lich­keit nicht ein ein­zi­ges Mal ge­regt.

Al­les war ge­re­gelt. In ei­nem ho­hen, künst­lich klin­gen­den Ton, doch mit auf­rich­tig er­freu­ter Stim­me in­for­mier­te ihn Edith, dass ,Gra­ce’ jun­ger Mann’ aus St. Lou­is stam­me, ei­ner gu­ten Fa­mi­lie an­ge­hö­re, der Va­ter ein Bör­sen­mak­ler, der sei­ner­zeit viel­leicht so­gar mit ih­rem ei­ge­nen Va­ter Ge­schäf­te ge­macht hat­te, zu­min­dest aber mit der Bank ih­res Va­ters, und dass die jun­gen Leu­te sich ent­schie­den hat­ten zu hei­ra­ten, ,so­bald wie mög­lich, ganz zwang­los’.

(Fort­set­zung folgt)

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