„Nur Zäu­ne ga­ran­tie­ren Frei­heit“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - GRE­GOR MAYNTZ UND JU­LIA RATHCKE FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

Die AfD-Spit­zen­kan­di­da­tin will aus dem Schen­gen-Ab­kom­men aus­stei­gen und for­dert ei­ne Die­sel­ga­ran­tie bis 2050.

BER­LIN Sie rückt die Son­nen­bril­le zu­recht und ge­nießt die Aus­sicht vom Dach­gar­ten­ca­fé ei­nes Hoch­hau­ses. Hier blickt sie auf den Breit­scheid­platz, wo ein Is­la­mist töd­li­chen Ter­ror ins Land brach­te. Auf der an­de­ren Sei­te liegt der Tier­gar­ten zu Fü­ßen der AfD-Spit­zen­kan­di­da­tin Ali­ce Weidel (38). Am Ran­de ist auch der Bun­des­tag zu se­hen, in den sie bald ein­zie­hen will. Se­hen Sie die Die­sel-Schum­mel­soft­ware an­ders, weil Sie ne­gie­ren, dass Schad­stoff­aus­stoß et­was mit Kli­ma­wan­del zu tun hat? WEIDEL Wir ne­gie­ren das nicht, es gibt ein­fach kei­nen Nach­weis für ei­nen men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del. Was fol­gern Sie aus der ak­tu­el­len Die­sel-De­bat­te? WEIDEL Der Die­sel ist ein Wett­be­werbs­vor­teil für die deut­sche In­dus­trie. Wer den Die­sel po­li­tisch an­greift, ge­fähr­det rund 900.000 Ar­beits­plät­ze. Fahr­ver­bo­te un­ter Ver­weis auf Stick­oxid­wer­te sind nicht schlüs­sig, wenn so­gar in Bü­ros hö­he­re Wer­te ge­mes­sen wer­den. Au­ßer­dem sind Fahr­ver­bo­te ei­ne Ent­eig­nung der Die­sel­fah­rer. Das ist ei­ne ideo­lo­gie­ge­trie­be­ne Ver­kehrs­wen­de. Wir brau­chen ei­ne Die­sel­ga­ran­tie bis 2050, da­mit wir kei­ner­lei In­ves­ti­ti­onsun­si­cher­hei­ten mehr ha­ben. Im NRW-Wahl­kampf ist Ih­nen in Düs­sel­dorf ei­ne Hal­le ab­han­den ge­kom­men. Was macht das mit Ih­nen? WEIDEL Es ist ei­ne gro­ße Ge­fahr für die De­mo­kra­tie, wenn das Ver­samm­lungs­recht im­mer wei­ter ein­ge­schränkt wird. Das ist ei­ne sehr un­ge­sun­de ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung und hoch­pro­ble­ma­tisch. Aber je­der Saal­be­sit­zer ist doch frei dar­in, an wen er ver­mie­tet, zum Bei­spiel nicht an ei­ne Par­tei, die er für ras­sis­tisch hält. WEIDEL Da­hin­ter steckt doch an­de­res: Gast­wir­te be­kom­men Angst, weil sie mit Re­pres­sa­li­en be­droht wer­den, weil sie Sach­be­schä­di­gun­gen be­fürch­ten müs­sen, wenn sie an uns ver­mie­ten. Der Spiel­raum für un­se­re Par­tei wird er­heb­lich ein­ge­schränkt. Könn­te es Ih­nen letzt­lich auch nut­zen, weil Ih­re Sym­pa­thi­san­ten Sie als ver­folg­te Un­schuld er­le­ben? WEIDEL Das kann ich nicht be­ur­tei­len. Ich fin­de es ein­fach scha­de, dass die Chan­cen sin­ken, mit den Bür­gern ins Ge­spräch zu kom­men. Es ist nicht gut, wenn der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs un­ter­bro­chen wird, über Pro­ble­me zu spre­chen. Was pa­cken Sie nach der Bun­des­tags­wahl als Ers­tes an? WEIDEL Wir be­an­tra­gen als ers­tes ei­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss ge­gen die Bun­des­kanz­le­rin, der die Rechts­ver­let­zun­gen in der Flücht­lings­kri­se auf­klärt. Au­ßer­dem brin­gen wir ei­ne Ver­fas­sungs­kla­ge ge­gen Hei­ko Maas we­gen des Netz­werk­durch­set­zungs­ge­set­zes in Gang. Dann kommt auch Ihr Par­tei­tag. Be­wer­ben Sie sich um den AfD-Vor­sitz? WEIDEL Mei­ne Prio­ri­tät gilt der Frak­ti­on. Wel­che Per­spek­ti­ve se­hen Sie für Frau­ke Pe­try? WEIDEL Sie ist ak­tu­ell Bun­des­vor­sit­zen­de, ge­nau wie Jörg Meu­then, und wenn sie sich wie­der be­wirbt, wür­de ich das be­grü­ßen, eben­so bei Herrn Meu­then. Der will aber nicht mehr mit Pe­try zu­sam­men­ar­bei­ten. Macht das Spaß, Spit­zen­kan­di­da­tin ei­ner Par­tei zu sein, de­ren Flü­gel sich er­bit­tert be­kämp­fen und de­ren Chefs nicht mit­ein­an­der kön­nen? WEIDEL Das ist zu­min­dest teil­wei­se von den Me­di­en auf­ge­bauscht. Man sucht bei uns ja im­mer nach der Na­del im Heu­hau­fen, um uns als zer­strit­te­ne Par­tei dar­zu­stel­len. Das kann ich so nicht be­stä­ti­gen. Grund- sätz­lich emp­feh­le ich je­dem, das Po­li­ti­sche von per­sön­li­chen Dif­fe­ren­zen zu tren­nen. Was den Aus­schluss von Björn Hö­cke be­trifft, sind Sie sich mit Ih­rem Spit­zen­team­kol­le­gen Alex­an­der Gau­land aber auch nicht ei­nig, oder? WEIDEL Nein, wir sind in dem Punkt ge­teil­ter An­sicht. Das ha­ben wir schon im Fe­bru­ar dis­ku­tiert: Herr Gau­land war ge­gen den Aus­schluss, ich war da­für – jetzt müs­sen die Par­tei­schieds­ge­rich­te ent­schei­den. Die AfD will die Gren­zen schlie­ßen – al­so raus aus dem Schen­gen-Ver­trag? WEIDEL Ja. Schen­gen ist ge­schei­tert. Die Be­din­gung für die Öff­nung der Bin­nen­gren­zen war, dass die Au­ßen­gren­zen ge­si­chert sind. Sie se­hen aber, dass die EU schon 2015 mit der Flücht­lings­kri­se völ­lig ver­sagt hat und es auch bis heu­te nicht in den Griff be­kom­men hat. Und wenn Eu­ro­pa das nicht schafft, muss es je­der Staat wie­der selbst ma­chen. Wol­len Sie al­so wie­der Grenz­schran­ken an je­dem Über­gang? WEIDEL Auf je­den Fall. Die Per­so­nen­strö­me müs­sen kon­trol­liert wer­den. Der Staat muss an­hand von Pa­pie­ren über­prü­fen, wer ins Land rein­kommt und wer wie­der raus­geht. Und Sie den­ken so­gar an Zäu­ne rund um Deutsch­land? WEIDEL Wenn Sie ei­ne grü­ne Gren­ze ab­si­chern wol­len, kom­men auch Zäu­ne ins Spiel, na­tür­lich. Auch wenn das wi­der­sprüch­lich klingt: Nur Zäu­ne ga­ran­tie­ren Frei­heit. Was be­deu­tet die For­de­rung nach ei­nem Zu­wan­de­rungs­ziel von null – Ab­schaf­fung des Asyl­rechts? WEIDEL Un­ser Asyl­recht ist ver­al­tet. Die Ori­en­tie­rung am Ein­zel­fall wird ei­ner gi­gan­ti­schen Mi­gra­ti­on aus dem Na­hen Os­ten und Afri­ka nicht ge­recht. Wir müs­sen das Asyl­recht des­halb nicht ab­schaf­fen, aber ver­än­dern. Et­wa mit ei­ner Ober­gren­ze. Und die Ober­gren­ze ist null? WEIDEL Das hängt von den je­weils ak­tu­el­len Ka­pa­zi­tä­ten ab. Wir kön­nen dem Mi­gra­ti­ons­druck aus Afri­ka in Eu­ro­pa nicht ge­recht wer­den. Asyl­an­trä­ge dür­fen nur noch mit gül­ti­gen Pa­pie­ren aus Flücht­lings­camps her­aus hei­mat­nah oder in Aus­lands­kon­su­la­ten ge­stellt wer­den. Sind Sie dem SPD-Chef Mar­tin Schulz ei­gent­lich dank­bar, Wahl- kampf mit dem Flücht­lings­the­ma zu ma­chen? WEIDEL Es ist schön, dass auch die SPD jetzt die­ses The­ma für sich ent­deckt hat. Das ist aber wohl auf ih­re schlech­ten Um­fra­ge­wer­te zu­rück­zu­füh­ren. Ich hal­te das für Wahl­kampf­ge­tö­se. Die SPD hat sich bei vie­lem quer­ge­stellt, was die Flücht­lings­strö­me ge­stoppt hät­te. So et­wa, als sie im Bun­des­rat die Aus­wei­tung der Lis­te der si­che­ren Her­kunfts­län­der auf Ma­rok­ko, Al­ge­ri­en und Tu­ne­si­en blo­ckiert hat. Im Üb­ri­gen die Haupt­her­kunfts­län­der der Grap­scher der Köl­ner Sil­ves­ter­nacht. Da kommt sie nicht mehr raus. An­läss­lich der töd­li­chen Vor­fäl­le in Ham­burg und Kon­stanz for­dern Sie ein „Rück­ga­be­recht für Is­la­mis­ten“– wie soll das aus­se­hen? WEIDEL Die als Ge­fähr­der ein­ge­stuf­ten Per­so­nen ge­hö­ren ab­ge­scho­ben, und zwar in­ner­halb von 24 St­un­den. Au­ßer­dem soll Ge­fähr­dern, die be­reits ein­ge­bür­gert sind, die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ent­zo­gen wer­den. Und wenn sie staa­ten­los wer­den? Wo­hin mit die­sen Men­schen? WEIDEL Da muss man dann bi­la­te­ra­le Ab­kom­men tref­fen. Die Län­der, aus de­nen sie kom­men, müs­sen sie dann zu­rück­neh­men. Wenn nicht, zwin­gen wir sie da­zu, in­dem wir Ent­wick­lungs- und För­der­gel­der strei­chen. Es gibt nun die Ehe für al­le. Wer­den auch Sie hei­ra­ten? WEIDEL Für mich ist das ei­ne rein se­man­ti­sche De­bat­te. Ich sa­ge doch seit Lan­gem, dass ich ver­hei­ra­tet sei, ob­wohl ich in ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­ge­mein­schaft le­be. Aber die Ehe ist ein Wert und von der Ver­fas­sung ge­schützt. Wenn Sie den mit der Ehe für al­le auf­wei­chen, was kommt dann als nächs­tes: die Ehe zu dritt, wie in Ko­lum­bi­en?

FO­TO: GAERTNER/PHOTOTHEK

Ali­ce Weidel (38), auf­ge­wach­sen in Har­se­win­kel bei Gü­ters­loh, stu­dier­te Wirt­schaft in Bay­reuth und ar­bei­te­te zu­letzt als Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin.

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