Mia­mi Vice am Nie­der­rhein

Rheinische Post Goch - - KREIS KLEVE - REGIONAL - VON MICHA­EL SCHOL­TEN

Weißt Du noch? Un­se­re Au­to­ren, al­le vom Nie­der­rhein, er­in­nern sich an ih­re Ju­gend­jah­re auf dem plat­ten Land zwi­schen Duis­burg und Em­me­rich, zwi­schen Kle­ve und We­sel.

REES „Wenn das Uni­ver­sum ein hel­les Zen­trum hat, bist du auf die­sem Pla­ne­ten am wei­tes­ten da­von weg”, sagt Lu­ke Sky­wal­ker in „Star Wars: Epi­so­de IV – Ei­ne neue Hoff­nung” über sei­nen Wüs­ten­pla­ne­ten Ta­tooi­ne. Als jun­ger Ki­no­fan, der am Nie­der­rhein auf­wuchs, muss­te ich die­sen Satz ein we­nig um­for­mu­lie­ren: „Wenn das Uni­ver­sum ei­ne Traum­fa­brik hat, ist man in Rees am wei­tes­ten da­von weg.” Dach­te ich zu­min­dest.

Das Ree­ser Licht­spiel­haus, kurz Re­li, be­kam die an­ge­kratz­ten Film­rol­len erst, wenn sie schon seit Wo­chen in We­sel, Kle­ve oder Bocholt im Ein­satz ge­we­sen wa­ren. Ir­gend­wann in den 80er Jah­ren zeig­te Ki­no­be­trei­ber Ed­die Groß­kopf die Fil­me nur noch am Wo­che­n­en­de und wenn min­des­tens fünf zah­len­de Zu­schau­er ka­men. Das war nicht im­mer der Fall.

Rich­tig voll wur­de das Re­li nur noch, wenn die Jung­so­zia­lis­ten ih­re „Ju­so-Film­näch­te” aus­rich­te­ten. Dann lie­fen an ei­nem ein­zi­gen Abend für sechs Mark Ein­tritt gleich drei Klas­si­ker wie „Der ein­zi­ge Zeu­ge”, „Wa­ter­ship Down” oder „Was Sie schon im­mer über Sex wis­sen woll­ten, aber bis­her nicht zu fra­gen wag­ten”. Da­zu gab es zwei Be­cher Fan­ta und ein Würst­chen. Dass bei ei­ner „Ju­so-Film­nacht” vor­sorg­lich al­le Nacktstzenen aus der Ko­mö­die „Flod­ders – Ei­ne Fa­mi­lie zum Knut­schen” her­aus­ge­schnit­ten wor­den wa­ren, em­pör­te spe­zi­ell uns pu­ber­tie­ren­de Jungs und warf un­se­re se­xu­el­le Ent­wick­lung um Jah­re zu­rück.

Auch der Boom der Vi­deo­the­ken trug zum Film­tod des Ree­ser Ki­nos bei. Der wich­tigs­te VHS-Tem­pel (VHS = Vi­deo-Ho­me-Sys­tem) stand an der Em­me­ri­cher Stra­ße. Im Erd­ge­schoss ging es fa­mi­li­en­freund­lich zu, ei­ne Wen­del­trep­pe führ­te in den Sex-Hor­ror-und-Ge­walt-Kel­ler, der für uns Schü­ler un­ter 18 Jah­ren ei­ne un­er­reich­ba­re Ta­bu­zo­ne blieb. Auch in der Fall­stra­ße und am Brau­hof gab es Vi­deo­the­ken, de­ren klo­bi­ge Kas­set­ten („Zu­rück­spu­len oder ei­ne Mark Stra­fe!”) den hei­mi­schen VHS-Re­kor­der füt­ter­ten. Weil der Ree­ser Te­le­fun­ken-Fach­händ­ler Hei­ner Man­del­artz ein Ju­gend­freund und Ke­gel­bru­der mei­nes Va­ters war, fan­den sich in un­se­rem Wohn­zim­mer aus­schließ­lich Ge­rä­te die­ser deut­schen Tra­di­ti­ons­mar­ke. In­zwi­schen ist sie un­ter­ge­gan­gen, doch in den 80er Jah­ren ver­half mir Te­le­fun­ken zu un­ge­zähl­ten Heim­ki­no­stun­den und för­der­te mei­nen Wunsch, ei­ge­ne Fil­me zu dre­hen.

Das Ree­ser Gym­na­si­um, da­mals noch im ehr­wür­di­gen Haus As­pel un­ter­ge­bracht, wur­de un­ver­hofft zu mei­ner Film­schmie­de. Erik, ein neu­er Mit­schü­ler, hat­te al­les, was mir fehl­te: ei­ne Be­ta-Vi­deo­ka­me­ra und die sünd­haft teu­ren Ac­tion­fi­gu­ren von „Star Wars”. In un­se­ren Kin­der­zim­mern, in de­nen Ki­no­pla­ka­te not­dürf­tig die Blüm­chen­ta­pe­te ver­deck­ten, pro­du­zier­ten wir zu­nächst Wes­tern und Ac­tion­fil­me mit mei­nen Play­mo­bil-Fi­gu­ren. Doch in den Som­mer­fe­ri­en des Jah­res 1985 mach­ten wir uns dar­an, den „Krieg der Ster­ne” eins zu eins nach­zu­dre­hen. Hel­ler Sand, beim Nach­barn ge­klaut, wur­de zum Wüs­ten­pla­ne­ten Ta­tooi­ne. Ei­ne gro­ße Press­span­plat­te, schwarz be­malt und mit tau­send Deck­weiß-Punk­ten ver­ziert, war un­ser Wel­tall. La­ser­strah­len, die aus den Schuss­waf­fen der Spiel­zeug­fi­gu­ren husch­ten, imi­tier­ten wir, in­dem wir far­bi­ge Stroh­halm­stü­cke über durch­sich­ti­ge, ge­spann­te An­gel­schnur zo­gen, die mei­nem Bru­der spä­ter beim An­geln am Alt­rhein fehl­te.

Nach den Fe­ri­en be­gan­nen die Syn­chron­ar­bei­ten. Kom­plett chro­no­lo­gisch, weil der Be­ta-Re­kor­der uns tech­nisch kei­ne an­de­re Wahl ließ. Ich war Lu­ke Sky­wal­ker im Stimm­bruch, Erik war Han So­lo und – so­bald er in ei­nen Jo­ghurt­be­cher sprach und das Asth­ma-In­ha­lier­ge­rät sei­ner Mut­ter be­dien­te – auch Darth Va­der. Prin­zes­sin Leia ver­schliss gleich drei Spre­che­rin­nen: Mit­schü­le­rin Ni­co­le, die nach der ers­ten Syn­chron­sit­zung kei­ne Lust mehr auf uns Spin­ner hat­te, zwang uns, die Ori­gi­nal­syn­chron­stim­me von Car­rie Fis­her zu nut­zen, bis Mit­schü­le­rin Yvon­ne aus pu­rem Mit­leid die letz­ten Pas­sa­gen sprach.

Die Pu­bli­kums­pre­mie­re fand im Haus As­pel statt, in zwei Un­ter­richts­stun­den vor un­se­rer Schul­klas­se. Hat­ten uns die ei­ge­nen El­tern noch an­ge­lo­gen, das Er­geb­nis sei sehr se­hens­wert, sprach Mit­schü­le­rin An­ne die Wahr­heit aus: „Das wa­ren die lang­wei­ligs­ten zwei St­un­den mei­nes Le­bens!” Wir lie­ßen uns da­von nicht ent­mu­ti­gen. Im Ge­gen­teil. Mit un­se­rem neu­en Kunst­leh­rer Herrn Con­rad ho­ben wir, in­zwi­schen am Gym­na­si­um As­pel am We­string an­ge­kom­men, das Vi­deo­ma­ga­zin „Mi­cro­power” aus der Tau­fe. Für die­se „ge­film­te Schü­ler­zei­tung” in­ter­view­ten wir Leh­rer in ih­rem hei­mi­schen Um­feld, prä­sen­tier­ten Ree­ser Ver­ei­ne und Stadt­ge­schich­te oder film­ten Schul­fes­te und Pro­jekt­ta­ge.

Vor al­lem aber brach­ten wir Flo­ri­da an den Nie­der­rhein. Als Eriks Va­ter tech­nisch von Be­ta auf Vi­deo 8 auf­rüs­te­te, konn­ten wir „Mia­mi Vice”-Par­odi­en in Spiel­film­qua­li­tät dre­hen. Schlie­ren und schwarz­wei­ßes Ge­kris­sel nach je­dem Film­schnitt ge­hör­ten der Ver­gan­gen­heit an. Wir schrie­ben Dreh­bü­cher, teil­ten uns die Haupt­rol­len als Fun­ny Kro­ket­te (Erik) und Co­re­ga Tabs (ich), bau­ten Ku­lis­sen, bas­tel­ten Waf­fen, schnei­der­ten Ko­s­tü­me, lie­ßen Woh­nun­gen ex­plo­die­ren, die wir zu­vor mit Sperr­müll­mö­beln in den di­cken Mau­ern der Ree­ser Schol­ten-Müh­le ein­ge­rich­tet hat­ten. Mit­schü­ler, die heu­te ih­ren Dok­tor­ti­tel in Che­mie ha­ben, misch­ten da­mals das Schwarz­pul­ver und jag­ten al­les bild­stark in die Luft.

Dass ame­ri­ka­ni­sche Dro­gen­fahn­der in Mit­tel­klas­se­wa­gen mit Klever Kenn­zei­chen fuh­ren, dass wir den Ha­fen von Mia­mi am Ree­ser Yacht­ha­fen und auf dem Ge­län­de der da­ma­li­gen Ree­ser Stra­ßen­meis­te­rei nach­stell­ten, dass wir un­ser Gym­na­si­um zur Uni­ver­si­täts­kli­nik mach­ten und Lieu­ten­ant Cas­til­lo auf dem Ree­ser Eh­ren­fried­hof bei­setz­ten, fan­den wir okay, zu­mal un­ser Deutsch­leh­rer Herr Wirth das als Brecht’schen Ver­frem­dungs­ef­fekt fei­er­te.

„Mia­mi Vice am Nie­der­rhein”, ti­tel­te 1989 und 1990 der Lo­kal­teil der Rhei­ni­schen Post, der gro­ße und wohl­wol­len­de Be­rich­te über un­se­re Ama­teur­fil­me ver­öf­fent­lich­te. Ich nutz­te die­sen ers­ten Kon­takt zur Zei­tung als „Sprung­brett” in die Me- di­en­welt. Als frei­er Mit­ar­bei­ter fi­nan­zier­te ich mein Stu­di­um in Müns­ter, wur­de 1997 Re­por­ter ei­nes Film- und Fern­seh­ma­ga­zins in Ham­burg und be­su­che seit 20 Jah­ren die Sets ver­flucht teu­rer Ki­no­fil­me. Da­bei ver­geht kein Dreh­tag, an dem ich nicht an un­se­re ei­ge­nen Wer­ke zu­rück­den­ke, de­ren Charme ver­mut­lich gera­de dar­in lag, dass wir kein Geld hat­ten und die­sen Miss­stand durch Krea­ti­vi­tät er­set­zen muss­ten.

Das Ree­ser Ki­no schloss 1992 und sucht noch im­mer ei­nen neu­en Mie­ter. Auch die Vi­deo­the­ken sind längst Ge­schich­te, in den La­den­lo­ka­len ha­ben sich zwei Fri­seu­re und ei­ne Kunst­ga­le­rie nie­der­ge­las­sen. Doch Klein-Hol­ly­wood lebt am Nie­der­rhein wei­ter. Im Ober­ge­schoss ei­nes Hal­der­ner Ein­fa­mi­li­en­hau­ses ha­be ich jetzt ein klei­nes Pri­vat­ki­no ein­ge­rich­tet, mit sechs höl­zer­nen Klapp­stüh­len, die vor 60 Jah­ren in ei­nem Ki­no in Goch ge­nutzt wur­den. Im ei­ge­nen Mi­ni­saal füh­re ich nun mei­ne Söh­ne an die Klas­si­ker aus 100 Jah­ren Film­ge­schich­te her­an – und brin­ge ih­nen bei, dass die schöns­ten Film­träu­me vor al­lem dort ge­dei­hen, wo Hol­ly­wood un­er­reich­bar weit weg scheint. Zum Bei­spiel in Rees. Micha­el Schol­ten ist frei­er Mit­ar­bei­ter der RP und Au­tor vie­ler Bü­cher über Film, Fern­se­hen und Rei­sen. Er schreibt auch Pres­se­hef­te für deut­sche und in­ter­na­tio­na­le Film­ver­lei­her.

FO­TO: MICHA­EL SCHOL­TEN

Ree­ser Rhein­pro­me­na­de statt „Hol­ly­wood Walk of Fa­me“: In sei­ner Hei­mat­stadt ver­brach­te un­ser Au­tor un­ge­zähl­te St­un­den im Ree­ser Licht­spiel­haus „Re­li“und in den drei Vi­deo­the­ken der Stadt. Doch er dreh­te auch ei­ge­ne Fil­me und ver­pflanz­te den Fern­seh­hit „Mia­mi Vice“aus Flo­ri­da an den Nie­der­rhein.

FO­TOS: ROOS/AR­CHIV

Micha­el Schol­ten 1989 (r.) und heu­te im Al­ter von 45 Jah­ren

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