Sto­ner

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Im Herbst die­ses Jah­res er­hielt er ei­ne No­tiz aus Gor­don Finchs Se­kre­ta­ri­at, in der er ge­be­ten wur­de, bei Ge­le­gen­heit doch ein­mal vor­bei­zu­schau­en. Er hat­te viel zu tun, und es dau­er­te meh­re­re Ta­ge, ehe er ei­nen frei­en Nach­mit­tag fand.

Je­des Mal, wenn er Gor­don Finch sah, merk­te Sto­ner, wie es ihn ein we­nig über­rasch­te, dass sein Freund fast nicht ge­al­tert zu sein schien. Er war nur ein Jahr jün­ger, wirk­te aber kaum äl­ter als fünf­zig und strahl­te ei­ne gleich­sam put­to­haf­te Ge­sund­heit aus; er ging mit fe­dern­dem Schritt und zog sich seit ei­ni­gen Jah­ren recht sa­lopp an, bun­te Hem­den mit farb­lich da­zu un­pas­sen­den Ja­cken.

An dem Nach­mit­tag, an dem Sto­ner ihn auf­such­te, wirk­te er ver­le­gen. Ei­ne Wei­le un­ter­hiel­ten sie sich über nichts Be­stimm­tes; Finch er­kun­dig­te sich nach Ediths Ge­sund­heit und er­wähn­te, sei­ne ei­ge­ne Frau, Caroline, ha­be erst ges­tern ge­meint, sie müss­ten ein­mal wie­der al­le zu­sam­men­kom­men. Dann sag­te er: „Mein Gott, wie die Zeit verf liegt!“Sto­ner nick­te. Finch seufz­te ab­rupt. „Nun“, sag­te er. „Ich fürch­te, wir müs­sen drü­ber re­den. Nächs­tes Jahr wirst du fünf­und­sech­zig, und ich den­ke, da soll­ten wir ein paar kon­kre­te Plä­ne ma­chen.“

Sto­ner schüt­tel­te den Kopf. „Jetzt noch nicht. Ich ha­be na­tür­lich vor, von der Zwei­jah­res­re­ge­lung Ge­brauch zu ma­chen.“

„Das ha­be ich mir ge­dacht“, sag­te Finch und lehn­te sich in sei­nem Ses­sel zu­rück. „Ich nicht. Ich muss noch drei Jah­re, und dann bin ich drau­ßen. Manch­mal den­ke ich an all das, was ich ver­passt ha­be, die Or­te, an de­nen ich nie ge­we­sen bin – ach, ver­dammt, Bill, das Le­ben ist zu kurz. War­um hörst du nicht auch auf? Denk an die vie­le Zeit . . .“

„Ich wüss­te nicht, was ich da­mit an­fan­gen soll­te“, sag­te Sto­ner. „Das ha­be ich nie ge­wusst.“

„Ach, ver­dammt“, sag­te Finch, „heut­zu­ta­ge ist fünf­und­sech­zig noch ziem­lich jung. Man hat Zeit, Neu­es zu ler­nen, das . . .“

„Lo­max steckt da­hin­ter, rich­tig? Er setzt dich un­ter Druck.“

Finch grins­te. „Na­tür­lich. Was hast du denn er­war­tet?“

Sto­ner schwieg ei­nen Mo­ment, dann sag­te er: „Er­zähl ihm, dass ich nicht mir dir dar­über re­den woll­te. Er­zähl ihm, ich sei auf mei­ne al­ten Ta­ge so gran­tig und zän­kisch ge­wor­den, dass du nichts bei mir er­rei­chen konn­test, dass er es schon selbst ma­chen muss.“

Finch lach­te und schüt­tel­te den Kopf. „Bei Gott, das wer­de ich. Vi­el­leicht wer­det ihr bei­den al­ten Esel nach all den Jah­ren doch noch ein we­nig nach­ge­ben.“

Al­ler­dings fand ihr Tref­fen nicht gleich statt, und als es dann so weit war – in der Mit­te des zwei­ten Se­mes­ters – nahm es ei­nen an­de­ren Ver­lauf, als Sto­ner er­war­tet hat­te. Wie­der ein­mal wur­de er ge­be­ten, sich im Bü­ro des De­kans ein­zu­fin­den; ei­ne Zeit wur­de ge­nannt, Dring­lich­keit an­ge­mahnt.

Sto­ner kam we­ni­ge Mi­nu­ten zu spät. Lo­max war be­reits da und saß steif vor Finchs Tisch; ne­ben ihm stand ein lee­rer Ses­sel. Sto­ner ging lang­sam durch das Zim­mer, setz­te sich und dreh­te sich zu Lo­max um, der un­ver­wandt vor sich hin starr­te, ei­ne Au­gen­braue ver­ächt­lich hoch­ge­zo­gen.

Finch sah sie bei­de meh­re­re Au­gen­bli­cke lang an, ein lei­ses Lä­cheln im Ge­sicht. „Nun“, sag­te er, „wir wis­sen, wes­halb wir hier zu­sam- men­ge­kom­men sind. Es geht um Pro­fes­sor Sto­ners Eme­ri­tie­rung.“Er fass­te die Vor­schrif­ten zu­sam­men – frei­wil­li­ger Rück­zug in den Ru­he­stand war mit fünf­und­sech­zig mög­lich; Sto­ner könn­te dann, so­fern ge­wünscht, ent­we­der zum En­de des lau­fen­den aka­de­mi­schen Jah­res oder zum En­de ei­ner der bei­den Se­mes­ter des fol­gen­den Jah­res aus­schei­den. Oder er konn­te, falls der Fach­be­reichs­vor­sit­zen­de, der De­kan des Col­le­ges und er selbst zu­stimm­ten, die Pen­sio­nie­rung bis zu sei­nem sie­ben­und­sech­zigs­ten Jahr auf­schie­ben, dann aber sei sie ob­li­ga­to­risch. So­fern ihm nicht ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Pro­fes­sur an­ge­tra­gen wer­den wür­de, wor­auf­hin . . .“

„Ei­ne höchst un­wahr­schein­li­che Op­ti­on – ich den­ke, dar­auf kön­nen wir uns ei­ni­gen“, kom­men­tier­te Lo­max tro­cken.

Sto­ner nick­te Finch zu. „Höchst un­wahr­schein­lich.“

„Of­fen ge­sagt fän­de ich es“, wand­te Lo­max sich an Finch, „im bes­ten In­ter­es­se des Fach­be­reichs und des Col­le­ges, wenn Pro­fes­sor Sto­ner die Ge­le­gen­heit nutz­te, so­bald wie mög­lich in den Ru­he­stand zu ge­hen. Es gibt da ge­wis­se cur­ri­cu­la­re und per­so­nel­le Än­de­run­gen, die ich seit Län­ge­rem pla­ne und die durch Sto­ners Rück­zug mög­lich wür­den.“Sto­ner sag­te zu Finch: „Ich ha­be nicht die Ab­sicht, frü­her als un­be­dingt nö­tig in den Ru­he­stand zu ge­hen, nur um ei­ner Lau­ne von Pro­fes­sor Lo­max nach­zu­kom­men.“Finch wand­te sich an Lo­max, der sag­te: „Ich bin mir si­cher, dass es da man­ches gibt, was Pro­fes­sor Sto­ner noch nicht be­dacht hat. So fän­de er im Ru­he­stand die Mu­ße, all das nie­der­zu­schrei­ben, wo­zu“– er leg­te ei­ne de­zen­te Pau­se ein – „ihm sein auf­op­fe­rungs­vol­ler Un­ter­richt bis- lang kei­ne Zeit ge­las­sen hat. Es dien­te der aka­de­mi­schen Welt ge­wiss zur Er­bau­ung, wenn die Früch­te sei­ner lan­gen Er­fah­rung . . .“Sto­ner un­ter­brach ihn: „Ich ha­be nicht vor, zu die­sem Zeit­punkt mei­nes Le­bens ei­ne li­te­ra­ri­sche Kar­rie­re zu be­gin­nen.“Oh­ne sich in sei­nem Ses­sel zu be­we­gen, schien Lo­max sich vor Finch zu ver­beu­gen. „Un­ser Kol­le­ge ist si­cher nur zu be­schei­den. Mich selbst zwin­gen die Vor­schrif­ten in zwei Jah­ren, den Vor­sitz des Fach­be­reichs ab­zu­ge­ben. Und ich ha­be durch­aus vor, mei­ne ver­blei­ben­den Jah­re sinn­voll zu nut­zen, ja ich freue mich so­gar auf die Zeit der Mu­ße.“Sto­ner sag­te: „Ich hof­fe doch, min­des­tens bis zu die­sem fei­er­li­chen Au­gen­blick Mit­glied des Fach­be­reichs zu blei­ben.“Lo­max blieb ei­nen Mo­ment stumm. Dann sag­te er nach­denk­lich zu Finch: „Wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re ist mir mehr­fach der Ge­dan­ke ge­kom­men, dass Pro­fes­sor Sto­ners Be­mü­hun­gen zum Wohl der Uni­ver­si­tät vi­el­leicht nur in un­zu­rei­chen­dem Ma­ße ge­wür­digt wur­den, wes­halb ich fin­de, dass ei­ne Be­för­de­rung zum or­dent­li­chen Pro­fes­sor ein pas­sen­der Ab­schluss sei­ner Kar­rie­re an die­ser Uni­ver­si­tät wä­re. Ein fei­er­li­ches Din­ner aus ge­ge­be­nem An­lass – ei­ne pas­sen­de Ze­re­mo­nie. Das soll­te höchst er­freu­lich sein. Zwar ist es be­reits ein we­nig spät im Jahr, und die meis­ten Be­för­de­run­gen wur­den schon aus­ge­spro­chen, doch bin ich mir si­cher, dass sich ei­ne Be­för­de­rung, wenn ich denn dar­auf be­harr­te, für das nächs­te Jahr ar­ran­gie­ren lie­ße, ei­ne Be­för­de­rung zu Eh­ren ei­ner viel­ver­spre­chen­den Eme­ri­tie­rung.“

(Fort­set­zung folgt)

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