Sto­ner

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Er trös­te­te al­le, die in Pa­nik ge­rie­ten, weil sie sich von ihm im Stich ge­las­sen glaub­ten, und be­ru­hig­te je­ne, die Angst da­vor hat­ten, sich ei­nem an­de­ren Pro­fes­sor an­zu­ver­trau­en. Er fand her­aus, dass die Ta­blet­ten nicht nur den Schmerz lin­der­ten, son­dern auch sein Denk­ver­mö­gen trüb­ten, wes­halb er sie tags­über, wenn er mit den Stu­den­ten re­de­te, und abends, wenn er sich durch die Flut halb­fer­ti­ger Auf­sät­ze, The­sen­pa­pie­re und Dis­ser­ta­tio­nen ar­bei­te­te, nur dann nahm, wenn der Schmerz so hef­tig wur­de, dass er ihn von der Ar­beit ab­lenk­te.

Zwei Tage nach­dem er sei­ne Ab­sicht ver­kün­det hat­te, in den Ru­he­stand ge­hen zu wol­len, er­hielt er mit­ten am Nach­mit­tag, als er bis über bei­de Oh­ren in Ar­beit steck­te, ei­nen An­ruf von Gor­don Finch.

„Bill? Gor­don hier. Hör mal – es gibt da ein klei­nes Pro­blem, über das wir re­den soll­ten.“

„Ja?“, frag­te er un­ge­dul­dig. – „Es geht um Lo­max. Es will ihm nicht in den Kopf, dass du die­se Ent­schei­dung aus ei­ge­nen Grün­den ge­fällt hast.“– „Das macht nichts“, sag­te Sto­ner. „Soll er den­ken, was er will.“

„War­te – das ist noch nicht al­les. Er plant, das fei­er­li­che Din­ner mit al­lem Brim­bo­ri­um zu ver­an­stal­ten. Er sagt, er hät­te sein Wort ge­ge­ben.“

„Hör mal, Gor­don, ich ha­be gera­de sehr viel zu tun. Kannst du ihn nicht ir­gend­wie da­von ab­brin­gen?“

„Ich ha­be es ver­sucht, aber es läuft über den Fach­be­reich. Wenn du willst, dass ich ihn zu mir be­stel­le, wer­de ich das tun, aber dann musst du auch da sein, denn wenn er so wie jetzt ist, kann ich nicht mit ihm re­den.“

„Na schön. Und wann soll die­ser Un­sinn statt­fin­den?“

Gor­don Finch schwieg. „Frei­tag in ei­ner Wo­che. Am letz­ten Un­ter­richts­tag, di­rekt vor Be­ginn der Ex­amens­wo­che.“– „Al­so gut“, sag­te Sto­ner mü­de. „Bis da­hin soll­te ich mei­ne Sa­chen er­le­digt ha­ben, und es dürf­te leich­ter sein, dem Es­sen zu­zu­stim­men, als jetzt da­ge­gen vor­zu­ge­hen. Las­sen wir den Abend ein­fach auf uns zu­kom­men.“

„Das soll­test du auch noch wis­sen: Er möch­te, dass ich dei­ne Eme­ri­tie­rung be­kannt­ge­be, ob­wohl sie of­fi­zi­ell erst ab nächs­tem Jahr gilt.“

Sto­ner spür­te ein La­chen in sich auf­stei­gen. „Ach, was soll’s“, sag­te er. „Auch das geht in Ord­nung.“

Die gan­ze Wo­che ar­bei­te­te er oh­ne Zeit­ge­fühl. Von acht Uhr mor­gens bis zehn Uhr abends ar­bei­te­te er bis zum Frei­tag durch, las ei­ne letz­te Seite, mach­te ei­ne letz­te No­tiz und lehn­te sich dann in sei­nem Ses­sel zu­rück. Das Licht der Schreib­tisch­lam­pe leuch­te­te ihm in die Au­gen, und ei­nen Mo­ment lang wuss­te er nicht, wo er war. Er blick­te sich um und sah, dass er in sei­nem Bü­ro saß. Die Re­ga­le quol­len mit wahl­los ein­ge­stell­ten Bü­chern über, in den Ecken türm­ten sich Pa­pier­sta­pel, und sein chao­ti­scher Ak­ten­schrank stand weit of­fen. Ich soll­te hier ein biss­chen auf­räu­men, dach­te er, ich soll­te mei­ne An­ge­le­gen­hei­ten in Ord­nung brin­gen.

„Nächs­te Wo­che“, sag­te er sich. „Nächs­te Wo­che.“

Er frag­te sich, ob er es bis nach Hau­se schaf­fen wür­de. Selbst das At­men fiel ihm schwer. Er kon­zen­trier­te sich, dach­te nur an sei­ne Ar­me und Bei­ne, zwang sie, zu re­agie­ren, stand auf und ließ nicht zu, dass er schwank­te. Er knips­te die Schreib­tisch­lam­pe aus und blieb ste­hen, bis er das Mond­licht durch die Fens­ter fal­len sah. Dann setz­te er ei­nen Fuß vor den an­de­ren und ging über die dunk­len Flu­re nach drau­ßen, durch die stil­len Stra­ßen nach Hau­se.

Die Lich­ter brann­ten, Edith war noch auf. Er raff­te sei­ne letz­te Kraft zu­sam­men, stieg die Ein­gangs­stu­fen hin­auf und ging ins Wohn­zim­mer.

(Fort­set­zung folgt)

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