„Wir schaf­fen 20 Pro­zent mehr Zü­ge“

Der In­fra­struk­tur-Vor­stand der Deut­schen Bahn über die Di­gi­ta­li­sie­rung, Ver­spä­tun­gen und Groß­bau­stel­len.

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT -

Die Po­li­tik will mehr Ver­kehr von der Stra­ße auf die Schie­ne brin­gen. Wie wol­len Sie das schaf­fen, wenn Ih­nen Bür­ger­initia­ti­ven beim Bau je­der neu­en Tras­sen die Höl­le heiß ma­chen, Bau­vor­ha­ben er­heb­lich ver­zö­gern oder gar ver­hin­dern? POFALLA Uns ist klar, dass nie­mand ju­belt, wenn vor sei­nem Gar­ten­tor ein neu­es Gleis ge­baut wird. Mit der Di­gi­ta­len Schie­ne Deutsch­land lie­fern wir ge­nau die Ant­wort. Das Pro­gramm macht Platz für Tau­sen­de zu­sätz­li­che und kli­ma­freund­li­che Zü­ge, oh­ne zu­sätz­li­che Glei­se bau­en zu müs­sen.

Kern der Di­gi­ta­len Schie­ne Deutsch­land ist die Um­rüs­tung al­ler Stre­cken mit dem Zug­si­che­rungs­sys­tem ETCS. Wie kann ein sol­ches Sys­tem hel­fen, mehr Ver­kehr auf die Schie­ne zu brin­gen? POFALLA Wenn wir die Di­gi­ta­le Schie­ne Deutsch­land aus­rol­len, fal­len bei­spiels­wei­se ent­lang den Stre­cken die über 67.000 Si­gna­le weg. Per Echt­zei­tor­tung krie­gen wir die Zü­ge viel dich­ter ge­tak­tet und da­mit ein bes­se­res Bahn­an­ge­bot für un­se­re Kun­den. Das wä­re ein Quan­ten­sprung für den ge­sam­ten Ei­sen­bahn­sek­tor.

Auf der neu­en Sprin­ter­stre­cke zwi­schen Ber­lin und Mün­chen hat das ETCS an­fangs da­für ge­sorgt, dass es zu mas­si­ven Pro­ble­men kam. Und die­ses Sys­tem ist nun der Heils­brin­ger für die Pünkt­lich­keit?

POFALLA Wir fah­ren zwi­schen Ber­lin und Mün­chen Pünkt­lich­keits-Wer­te von 90 Pro­zent ein. Wenn wir es schaf­fen, das ge­sam­te Netz zu di­gi­ta­li­sie­ren, wird das für ei­nen er­heb­li­chen Pünkt­lich­keits­schub sor­gen.

Hät­ten mit die­sem Sys­tem Zug­un­glü­cke wie in Bad Ai­b­ling oder Meer­busch ver­hin­dert wer­den kön­nen?

POFALLA ETCS bringt zu­sätz­li­che Si­cher­heits­puf­fer.

Wie vie­le Schie­nen­ki­lo­me­ter in NRW ha­ben heu­te noch kein ETCS? POFALLA Bis 2023 sol­len rund 500 Ki­lo­me­ter in NRW aus­ge­rüs­tet wer­den: der Rhein-Al­pen-Kor­ri­dor und auch wich­ti­ge Aus­weich­stre­cken, wie von Kre­feld/Köln über Vier­sen in die Nie­der­lan­de. In Vier­sen und Stol­berg wer­den Stell­wer­ke mit neus­ter Tech­nik ge­baut. Mit dem Bund re­den wir der­zeit über wei­te­re Stre­cken.

Wann ist auch der letz­te Schie­nen­ki­lo­me­ter aus­ge­rüs­tet?

POFALLA Der Bund ar­bei­tet an ei­ner Stu­die, um ge­nau die­se Fra­ge zu klä­ren. Wir soll­ten jetzt aber be­herzt be­gin­nen und kei­ne Chan­cen ver­strei­chen las­sen.

Zu­gleich wol­len Sie auch auf di­gi­ta­le Stell­wer­ke um­rüs­ten. Wie vie­le alt­her­ge­brach­te gibt es noch in Deutsch­land und NRW?

POFALLA 400.000 Ki­lo­me­ter-Si­gnal­ka­bel, 40.000 Zü­ge täg­lich, 2700 Stell­wer­ke in Deutsch­land – das sind enor­me Zah­len. Die neu­en Di­gi­ta­len Stell­wer­ke sind aus­ge­spro­chen wich­tig für den Er­folg des Pro­jek­tes. Stell­wer­ke mit Seil­zü­gen sind nicht up­date-fä­hig. Die Di­gi­ta­len Stell­wer­ke je­doch sehr wohl.

Bis wann sind Sie mit dem The­ma durch?

POFALLA Das ist kein Pro­jekt von heu­te auf mor­gen, ganz klar. Des­halb müs­sen wir schon heu­te be­gin­nen.

Wie vie­le Zü­ge kön­nen Sie zu­sätz­lich al­lein mit Hil­fe der Di­gi­ta­li­sie­rung auf die Stre­cke brin­gen? POFALLA Wir rech­nen mit bis zu 20 Pro­zent mehr Ka­pa­zi­tät. Das wird je­doch re­gio­nal va­ri­ie­ren. Weil un­ser Bahn­netz bil­li­ger zu be­trei­ben sein wird, kön­nen die Bun­des­län­der zu­künf­tig mehr Re­gio­nal­ver­kehr be­stel­len als bis­her. Al­so mehr S-Bah­nen und Re­gio­nal­zü­ge und we­ni­ger kli­ma­schäd­li­ches CO2. Wir krie­gen auch end­lich die Lkws von den Stra­ßen, da der Schie­nen­gü­ter­ver­kehr viel at­trak­ti­ver wird. Der Zu­stand ein­zel­ner Au­to­bah­nen ist doch un­zu­mut­bar!

Eu­ro­pa normt zwar Gur­ken und Glüh­bir­nen, aber beim The­ma Zug­steue­rung scheint je­des Land zu ma­chen, was es will. Brau­chen wir ein Ei­sen­bahn-Ab­kom­men – ei­ne Art TTIP für die Schie­ne? POFALLA Lkw rol­len un­ge­stört über al­le Lan­des­gren­zen. Zü­ge müs­sen aber halt­ma­chen. Über 20 Zug­steue­rungs­sys­te­me gibt es der­zeit in Eu­ro­pa. Wenn wir als wich­tigs­tes Tran­sit­land jetzt vor­an­ge­hen, wird das für den EU-Raum ei­nen im­men­sen Schub ge­ben – da­von bin ich über­zeugt.

Chi­na baut ge­ra­de wie wild an der Neu­en Sei­den­stra­ße. Auch dort müs­sen Zü­ge um­ständ­lich um­ge­la­den wer­den, weil es in den Ex-So­wjet-Staa­ten an­de­re Spur­brei­ten gibt als bei uns und in Chi­na. Lässt sich die­ses Pro­blem über­haupt in ab­seh­ba­rer Zeit be­he­ben?

POFALLA Des­halb brau­chen wir ja ein­heit­li­che Stan­dards. Da sind wir uns mit der EU-Kom­mis­si­on ab­so­lut ei­nig.

Der­zeit er­le­ben wir mas­si­ve Bau­tä­tig­kei­ten auf den Haupt­ver­kehrs­ach­sen. Es hieß, durch ge­schick­te­res Bau­stel­len­ma­nage­ment kön­ne man die Ver­spä­tun­gen mi­ni­mie­ren. Der­zeit spre­chen die Pünkt­lich­keits­wer­te aber ei­ne an­de­re Spra­che.

POFALLA Es stimmt: Wir kön­nen nicht mit der Si­tua­ti­on zu­frie­den sein. Des­halb ha­ben wir auch ein Maß­nah­men-Pa­ket ver­ab­schie­det,

um die Zü­ge und das Netz zu­ver­läs­si­ger zu ma­chen. Beim Bau­en ma­chen wir aber deut­lich Fort­schrit­te. Ob­wohl wir mehr Bau­stel­len im Netz ha­ben, konn­ten wir die Ver­spä­tun­gen hier­durch um zehn Pro­zent im ver­gan­ge­nen Jahr ver­rin­gern.

Wet­ter­ka­prio­len las­sen sich nur schwer mit mehr Di­gi­ta­li­sie­rung ab­fe­dern.

POFALLA Rich­tig, aber die neu­en Zug­steue­rungs­sys­te­me wer­den viel fle­xi­bler auf Kri­sen­si­tua­tio­nen re­agie­ren kön­nen. Um­lei­tun­gen, Si­gnal­stö­run­gen und die Auf­räum­ar­bei­ten krie­gen wir zu­künf­tig schnel­ler in den Griff.

Wel­che Rol­le spielt da­bei Künst­li­che In­tel­li­genz?

POFALLA Künst­li­che In­tel­li­genz wird Zü­ge pünkt­li­cher ma­chen. Ak­tu­ell steu­ern wir den Zug­ver­kehr prak­tisch mit tau­sen­den klei­nen Wa­ben in ganz Deutsch­land. KI wird uns hel­fen, viel bes­ser das ge­sam­te Netz im Au­ge zu be­hal­ten und die Steue­rung von 40.000 Zü­gen am Tag zu op­ti­mie­ren.

Die Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men be­schwe­ren sich, dass dem Fern­ver­kehr Vor­rang ein­ge­räumt wird. Wel­chen Bei­trag kann die Di­gi­ta­li­sie­rung leis­ten, da­mit Fern- und Nah­ver­kehr pünkt­li­cher wer­den? POFALLA Der Vor­wurf ist nicht rich­tig. Wir dis­po­nie­ren al­le Zü­ge dis­kri­mi­nie­rungs­frei. Und: Die Di­gi­ta­le Schie­ne Deutsch­land ist für den ge­sam­ten Bahn­sek­tor po­si­tiv, nicht nur für die DB al­lein. Da­von pro­fi­tie­ren al­le auf der Schie­ne.

FO­TO: ANDRE­AS KREBS

Ronald Pofalla ist bei der Deut­schen Bahn zu­stän­dig für das The­ma In­fra­struk­tur.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.