Na­zis las­sen Au­to­rin in Is­s­ums Bet­haus frös­teln

Rheinische Post Kevelaer - - Aus Dem Gelderland - VON LISS STEE­GER

An­läss­lich des 80. Jah­res­ta­ges der Reichs­po­grom­nacht hat­te die Volks­hoch­schu­le Gel­der­land als Ge­mein­schafts­ver­an­stal­tung mit der Buch­hand­lung Keuck und dem Ar­beits­kreis jü­di­sches Bet­haus in die ehe­ma­li­ge Sy­nago­ge in Is­sum zu ei­ner Le­sung ein­ge­la­den. Nach der Be­grü­ßung durch den Vor­sit­zen­den des Ar­beits­krei­ses, Jo­han­nes van Leuck, leg­te die stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­te­rin Marg­ret Keu­sen die Ent­wick­lung der „ein­zig er­hal­te­nen Dorf­syn­ago­ge am nörd­li­chen Nie­der­rhein“dar.

Aus­führ­lich stell­te die Lei­te­rin der VHS Gel­der­land, Son­ja Vie­ten, ih­re Freun­din, die Is­lam­wis­sen­schaft­le­rin Alex­an­dra Sen­fft, vor. In de­ren 2007 er­schie­ne­nen Buch „Schwei­gen tut weh“hat die En­ke­lin des als ver­ur­teil­ter Kriegs­ver­bre­cher 1947 hin­ge­rich­te­ten Hanns Lu­din ih­re Fa­mi­li­en­ge­schich­te ver­ar­bei­tet. „Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de in den Fa­mi­li­en we­nig ge­spro­chen oder so viel ge­re­det, dass das Ei­gent­li­che ver­steckt blieb“, be­schrieb sie die be­klem­men­de At­mo­sphä­re im Nach­kriegs­deutsch­land. Trotz­dem wur­den das hart­nä­cki­ge Ver­drän­gen der Ta­bu­the­men und die in­ner­li­che Zer­ris­sen­heit an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Die­je­ni­gen, die über dieVer­bre­chen ih­rer Ver­wand­ten spra­chen oder schrie­ben, wur­den oft als Nest­be­schmut­zer be­zeich­net und ge­äch­tet, weil sie sich nicht an das „Fa­mi­li­en­dik­tat“ge­hal­ten ha­ben. Bei der Aus- sa­ge „Na­zis ha­ben viel­fach Kar­rie­re ge­macht“frös­tel­te es die Au­to­rin im un­ge­heiz­ten Bet­haus der­ma­ßen, dass van Leuck ihr sei­ne Ja­cke über­ließ. Die Sze­ne wirk­te in die­ser Jah­res­zeit wie ei­ne sym­bo­li­sche Man­tel­tei­lung.

An der in ih­rem El­tern­haus vor­herr­schen­den un­ter­drück­ten Trau­er ist Sen­ffts Mut­ter zer­bro­chen. „Wir müs­sen un­se­re Ge­gen­wart im Schat­ten un­se­rerVer­gan­gen­heit be­wäl­ti­gen und nach We­gen der Hei­lung su­chen“, da­von ist die Au­to­rin über­zeugt.

Ihr Buch „Der lan­ge Schat­ten der Tä­ter – Nach­kom­men stel­len sich ih­rer NS-Fa­mi­li­en­ge­schich­te“be­leuch­tet die Gräu­el­ta­ten von an­de­rer Sei­te. Vie­le ih­rer ins­ge­samt acht Prot­ago­nis­ten schwie­gen lan­ge, um ih­re Fa­mi­lie zu scho­nen. Es galt die De­vi­se „Pass dich an, fall nicht auf, eck nicht an“. Doch al­le wa­ren dar­um be­müht, Klar­heit zu fin­den, weil sie sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen muss­ten: „Ver­let­ze ich Ver­wand­te oder die Wahr­heit?“Alex­an­dra Sen­fft ist da­von über­zeugt, dass die emo­tio­na­le Au­f­ar­bei­tung derVer­bre­chen im­mer noch hin­ter­her­hinkt. Es geht um Acht­sam­keit, Zu­wen­dung und mensch­li­che Hil­fe als Akt der Wie­der­gut­ma­chung. Sie plä­diert für ei­nen kon­struk­ti­ven Dia­log: Fa­mi­li­en­ge­schich­te muss re­flek­tiert, ge­teilt und ent­ta­bui­siert wer­den.„Ver­gan­gen­heit ist auch Ge­gen­wart, die wir in die Zu­kunft tra­gen.“Es geht nicht um Schuld-, son­dern um­Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Die Le­sung als Dia­log-Mo­de­ra­ti­on mit der sehr gut vor­be­rei­te­ten Son­ja Vie­ten war au­then­tisch und er­grei­fend.

Auf Ein­la­dung der Volks­hoch­schu­le gas­tier­te die Is­lam­wis­sen­schaft­le­rin Alex­an­dra Sen­fft in der ehe­ma­li­gen Sy­nago­ge in Is­sum. Dort las sie aus ih­rem Buch und dis­ku­tier­te an­schlie­ßend mit den Be­su­chern.RP-FO­TO: EVERS

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