Die Niers: Wie ein Fluss sich wan­delt

Rheinische Post Krefeld-Land - - WILLICH / TÖNISVORST - VON HEI­NER DE­CKERS FO­TOS (2): NOR­BERT PRÜMEN

Die neue Ausstellung im Frei­licht­mu­se­um Do­ren­burg be­fasst sich mit der Niers und ih­rer wech­sel­vol­len Ge­schich­te. Einst wur­de der Fluss „Rio Tin­to“ge­nannt, schuld wa­ren die Ab­wäs­ser der Tex­til­in­dus­trie.

GREFRATH Wer bei „Rio Tin­to“an Apat­schen oder John Way­ne denkt, liegt völ­lig da­ne­ben. Der ge­nann­te Fluss liegt am Nie­der­rhein und heißt Niers. Das tat er auch frü­her schon, aber weil er durch die Ab­wäs­ser der Tex­til­in­dus­trie rot­ge­färbt da­hin­floss, hat­te er rasch sei­nen Spitz­na­men weg. Die Tex­til­in­dus­trie ist längst Ge­schich­te, die Niers ist re­na­tu­riert und dient heu­te der Nah­er­ho­lung. „Die Niers – ein Fluss im Lau­fe der Zeit“heißt die neue Ausstellung im Frei­licht­mu­se­um Do­ren­burg, die Sonn­tag er­öff­net wird.

„Die Niers ist die Ver­ding­li­chung von Hei­mat“, sag­te ges­tern Mu­se­ums­lei­tern An­ke Wie­lebs­kis bei ei­ner Vor­be­sich­ti­gung der Ausstellung. Das Ge­biet zwi­schen Kle­ve und Mön­chen­glad­bach hei­ße zwar Nie­der­rhein, aber es sei vor al­lem die Niers, wel­che die Re­gi­on und ih­re Men­schen prä­ge: „Für die Nie­der­rhei­ner ist der Ne­ben­fluss der Maas ein Stück Hei­mat. Die Niers liegt nur ei­nen Ki­lo­me­ter von un­se­rem Mu­se­um ent­fernt und ist mit der Ge­schich­te der nie­der­rhei­ni­schen Or­te ver­bun­den“, be­tont An­ke Wie­leb­ski. „Da wird es Zeit, dass wir dem Fluss ei­ne Ausstellung wid­men.“

Beim The­ma Niers war es na­he­lie­gend, den vor 90 Jah­ren ge­grün­de­ten Niers­ver­band mit ins Boot zu ho­len. De­ren Pres­se­re­fe­ren­tin Mar­git Heinz war sein­er­zeit na­tur­ge­mäß nicht da­bei, weiß aber: „Da­mals war die Niers ei­ne Kloa­ke und qua­si tot.“Das sieht heu­te an­ders aus: Die Was­ser­qua­li­tät ist zwi­schen gut. Im Ein­zugs­ge­biet der Niers le- ben rund 750.000 Men­schen, für sie rei­nigt der Ver­band jähr­lich in 19 Klär­an­la­gen über 70 Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter Ab­was­ser. Das er­freu­li­che Er­geb­nis: Mehr als 30 Fi­sch­ar­ten und vie­le wei­te­re Le­be­we­sen und Pflan­zen in und am Wasser ha­ben sich wie­der an­ge­sie­delt.

Ent­ge­gen frü­he­ren Zei­ten ist die Niers heu­te für ih­re Mög­lich­keit der Nah­er­ho­lung be­kannt. Ra­deln auf dem Niers­rad­weg, Pad­deln, Wan­dern und Spa­zie­ren­ge­hen ste­hen so­wohl bei An­woh­nern als auch bei Be­su­chern hoch im Kurs. Auch al­le, die sich für die Kul­tur­ge­schich­te in­ter­es­sie­ren, kom­men auf ih­re Kos­ten und fin­den zahl­lo­se his­to­ri­sche Or­te. Auch sie fin­den sich in der Ausstellung, die der Niers­ver­band fi­nan­zi­ell un­ter­stützt hat. „Die Niers ist ein wan­del­ba­rer Fluss“, sagt Bar­ba­ra Grod­de, Mit­ar­bei­te­rin der Mu­se­ums und Ku­ra­to­rin der Ausstellung. Erst­mals er­wähnt wird die Niers auf ei­nem rö­mi­schen Wei­hestein aus dem 2. oder 3. Jahr­hun­dert. Das Ori­gi­nal steht im Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um im Bonn, in der Gre­fra­ther Ausstellung hängt ein Fo­to des Ex­po­nats.

La­ge, Län­ge und Aus­se­hen der Niers ha­ben sich seit­dem im­mer wie­der ge­än­dert. Auf der his­to­ri­schen Kar­te des fran­zö­si­schen Kar­to­gra­fen Al­exis Hu­bert Jail­lot aus dem Jahr 1696 liegt der Fluss zum Bei­spiel deutsch mehr west­lich. Die Niers wur­de im Lau­fe der Zeit mehr und mehr be­gra­digt.

In der Ausstellung zu se­hen­de his­to­ri­sche Fo­tos be­le­gen, wie müh­sam es war, das Fluss­bett mit Schau­fel und Spa­ten zu ver­le­gen. Die hö­he­re Fließ­ge­schwin­dig­keit soll­te die Ab­wäs­ser der Tex­til­in­dus­trie und der ste­tig wach­sen­den Be­völ­ke­rung schnel­ler weg zu trans­por­tie­ren. Es kam – na­ment­lich in Oedt – so­gar vor, dass Fa­b­ri­ken die Niers bis vor ih­re To­re ver­leg­ten, was ih­nen das Ta­ges­ge­schäft – sprich die Ent­sor­gung – deut­lich ver­ein­fach­te.

Für die Ku­ra­to­rin war es kei­ne leich­te Auf­ga­be, an Ma­te­ria­li­en über die Niers zu kom­men. „Vie­le, die wir frag­ten, hat­ten nur Bü­cher“, sagt Bar­ba­ra Grod­de. Trotz­dem ist ei­ne er­kleck­li­che An­zahl von Ex­po­na­ten zu­sam­men­ge­kom­men. Da sieht man ne­ben Fo­tos vor al­lem Bil­der hei­mi­scher Ma­ler, die die Niers in all ih­ren bun­ten Er­schei­nungs­for­men zei­gen. In ei­ner Vi­tri­ne ste­hen aus­ge­stopf­te Tie­re, die an oder in der Niers le­ben.

Als be­son­ders gu­te Hil­fe bei der Su­che nach Aus­stel­lungs­stü­cken er­wies der Oed­ter Hei­mat­ver­ein, der be­son­ders zu The­men rund um die Burg Uda bes­tens be­stückt ist.

Auch die Ge­gen­wart spielt in der Ausstellung in der Do­ren­burg ei­ne wich­ti­ge Rol­le, und da ist wie­der der Niers­ver­band im Spiel. Auf knapp zwölf Pro­zent ih­rer 106 Ki­lo­me­ter Län­ge auf deut­schem Ge­biet ist der Fluss heu­te re­na­tu­riert. In den nächs­ten zehn Jah­ren sol­len es, so Mar­git Heinz, 70 Pro­zent wer­den. Und so bleibt die Niers auch heu­te noch, was sie im­mer war – ein Fluss im Wan­del.

Heu­te ist die Niers ein be­kann­tes und be­lieb­tes Nah­er­ho­lungs­ge­biet.

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