Lam­pen­fie­ber – wenn Mu­si­kern das Herz im Hals pocht

Rheinische Post Krefeld - - Wissen - VON WOLF­RAM GOERTZ

BONN Jascha Hei­fetz galt als der vir­tuo­ses­te al­ler Gei­ger und zu­gleich als kal­ter Fisch – tech­nisch ma­kel­los, im­mer wahn­sin­nig schnell un­ter­wegs, un­nah­bar, un­e­mo­tio­nal. Nie­mand hät­te je ge­glaubt, dass ei­ner wie Hei­fetz un­ter Lam­pen­fie­ber litt. Als er das ein­mal in ei­nem In­ter­view er­klär­te, fie­len sei­ne Fans vom Glau­ben ab. Ja, er ha­be im­mer so ex­trem schnell ge­spielt, da­mit er we­gen sei­ner Ner­vo­si­tät ein­fach nicht mehr schnel­ler wer­den konn­te, teil­te Hei­fetz’ Schü­ler Tho­mas Chris­ti­an ein­mal mit. Was für ei­ne ver­blüf­fen­de und zu­gleich er­schre­cken­de Ar­gu­men­ta­ti­on!

Per­fek­tio­nis­mus ist ein St­a­chel, der durch Leib und See­le ei­nes Mu- si­kers fah­ren kann. Er äu­ßert sich in star­ker Auf­tritts­angst – in Lam­pen­fie­ber. Das Herz schlägt dann bis zum Hals, der Atem rast: Vie­le Mu­si­ker lei­den dar­un­ter.

In Bonn wur­de nun, wie es heißt, die deutsch­land­weit ers­te Lam­pen­fie­ber-Am­bu­lanz für Mu­si­ker ge­grün­det, wie das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum mit­teil­te. Das ist ein leich­ter Eti­ket­ten­schwin­del: Das In­sti­tut für Mu­si­ker­me­di­zin Frei­burg, ge­mein­sam ge­tra­gen von Uni­ver­si­täts­kli­nik und Mu­sik­hoch­schu­le, be­han­delt eben­falls seit lan­gem Mu­si­ker mit Auf­tritts­ängs­ten.

Schät­zungs­wei­se je­der zwei­te Be­rufs­mu­si­ker lei­det un­ter Lam­pen­fie­ber: Dem Sän­ger ver­sagt die Stim­me, der Blä­ser hat ei­nen tro­cke­nen Mund, dem Gei­ger zit­tert die Bo­gen­hand. Über die Jah­re kann das Lam­pen­fie­ber im­mer stär­ker wer­den. Man­che Mu­si­ker grei­fen dann auch zu Al­ko­hol, Dro­gen oder Be­ta-Blo­ckern, die das Herz­ra­sen sen­ken. Die Angst vor dem Auf­tritt kann so groß wer­den, dass sie so­gar Kar­rie­ren zer­stört.

Die Ur­sa­che sei in al­len Fäl­len gleich, er­klärt Déird­re Mah­korn, Ober­ärz­tin an der Bon­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie. Be­rufs­mu­si­ker sei­en „leis­tungs­ori­en­tier­te Per­fek­tio­nis­ten mit ho­hem Ehr­geiz“. „Sie sind mit sich selbst zu streng und ha­dern im Rück­blick über je­den Feh­ler“, meint die Ärz­tin. Es ent­steht ein Teu­fels­kreis: Das Schei­tern wird vor­weg­ge­nom­men, ob­wohl es noch gar nicht pas­siert ist. Da­durch er- höht sich laut Mah­korn die Angst vor dem Auf­tritt.

Die Bon­ner Psy­cho­lo­gen wol­len den Mu­si­kern hel­fen, „die­sen Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen“. Zu­nächst er­stel­len sie ein Per­sön­lich­keits­pro­fil des Be­trof­fe­nen und nut­zen ein in­di­vi­du­el­les Angst-Ta­ge­buch. Hin­zu kom­men Ent­span­nungs­übun­gen, um die Lam­pen­fie­ber­sym­pto­me zu lin­dern. „Je län­ger das Pro­blem be­reits be­stand, des­to län­ger braucht der Be­trof­fe­ne auch, um sein Lam­pen­fie­ber zu kon­trol­lie­ren“, er­klärt der Psy­cho­lo­ge Mar­tin Lands­berg, der in sei­ner Frei­zeit re­gel­mä­ßig Horn spielt.

Lam­pen­fie­ber sei un­ter Mu­si­kern meist ein Ta­bu­the­ma, wis­sen die Bon­ner Ex­per­ten. Der Be­darf sei aber hoch. So zählt die vor kur­zem er­öff­ne­te Lam­pen­fie­ber-Am­bu­lanz be­reits 40 Pa­ti­en­ten. An­ony­mi­tät ist da­bei das höchs­te Ge­bot: Die Ter­mi­ne wer­den mög­lichst so ko­or­di­niert, dass die Be­trof­fe­nen sich nicht zu­fäl­lig vor Ort be­geg­nen.

Ob dies auf Dau­er das rich­ti­ge Re­zept ist? Die ers­te Schritt zur The­ra­pie ei­ner Angs­ter­kran­kung ist ge­wiss das Ein­ge­ständ­nis des Pa­ti­en­ten, dass er be­hand­lungs­be­dürf­tig ist. Aber im Fort­gang die­ser Be­hand­lung wird es auch dar­auf an­kom­men, dass der Mu­si­ker mit sei­ner Angst­stö­rung of­fen­siv um­geht. Zum an­de­ren ist Lam­pen­fie­ber nicht sel­ten ein Fak­tor, der ge­ra­de höchs­te künst­le­ri­sche Qua­li­tät ge­biert. Wie hät­te ein Jascha Hei­fetz ge­spielt, wenn er so cool ge­we­sen wä­re, wie al­le es von ihm glaub­ten?

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