De­menz­kran­ke: Zei­t­rei­se per Vi­de­o­bril­le

Rheinische Post Krefeld - - STADTPOST - VON JENS VOSS

Es ist bun­des­weit ein­ma­lig: Die Ger­ia­trie bei Helios in Hüls nutzt mo­der­ne Vi­deo­spiel-Tech­nik, um De­menz­Pa­ti­en­ten ei­ne Zei­t­rei­se zu er­mög­li­chen. Sie se­hen den Ost­wall, wie er in den 60er Jah­ren war – es ist, als stün­de man an der Hal­te­stel­le und schaue dem Trei­ben auf der Stra­ße zu.

Die al­te Da­me hebt den Arm und zeigt nach rechts: „Da war UdU, wo sich die jun­gen Leu­te im­mer ge­trof­fen ha­ben.“Sie sitzt in ei­nem Raum im Hül­ser Helios Cäci­li­en-Ho­s­pi­tal und zeigt ins Nichts, denn das, was sie sieht, sieht nur sie – über ei­ne Vi­de­o­bril­le. Die Frau aber hat das Ge­fühl, mit­ten auf der Halt­stel­le Ost­wall/ Rhein­stra­ße zu ste­hen; wenn sie den Kopf be­wegt, ist es, als schaue sie sich um, als se­he sie ge­ra­de ei­ne be­leb­te Stra­ßen­sze­ne. Mo­der­ne Vi­deo­spiel­tech­nik mit ei­ner so­ge­nann­ten „Vir­tu­al-Rea­li­ty-Tech­no­lo­gy“(Vir­tu­el­le-Rea­li­tät-Tech­no­lo­gie) macht es mög­lich. Die Ger­ia­trie in Hüls nutzt die­se Tech­nik für ein bun­des­weit ein­ma­li­ges Pro­jekt: De­menz­pa­ti­en­ten kön­nen mit Hil­fe der Bril­le in die Ver­gan­gen­heit rei­sen.

Fried­helm Cas­pers, Chef­arzt der Kli­nik für Akut­geria­trie und Früh­re­ha­bi­li­ta­ti­on, hat schon sehr gu­te Er­fah­run­gen mit dem Sys­tem ge- macht: „Bei den meis­ten un­se­rer Patienten ist vor al­lem das Kurz­zeit­und das Ar­beits­ge­dächt­nis be­trof­fen. Das Lang­zeit­ge­dächt­nis kann leich­ter sti­mu­liert wer­den, ge­ra­de durch vi­su­el­le Rei­ze.“Die ers­ten the­ra­peu­ti­sche Er­fol­ge sind viel­ver­spre­chend. „Die Men­schen er­in­nern sich, be­gin­nen zu er­zäh­len, wer­den leb­haft – dre­hen so­gar oh­ne Be­schwer­den den Kopf“, be­rich­tet Cas­pers lä­chelnd. „Wir stel­len fest, dass die Men­schen da­nach lan­ge Zeit ak­ti­ver sind im All­tags­le­ben. Es geht ih­nen sicht­lich bes­ser; sie be­we­gen sich mehr und bau­en Kom­mu­ni­ka­ti­on zu an­de­ren auf.“Das Ge­samt­be­fin­den bes­sert sich, die Be­trof­fe­nen es­sen und trin­ken so­gar wie­der bes­ser.

Die Zei­t­rei­se wird durch mo­der­ne di­gi­ta­le Tech­nik mög­lich. Das his­to­ri­sche Ost­wall-Sze­na­rio ist von der Agen­tur „Wel­ten­we­ber“er­stellt wor- den. Das im Mai ge­grün­de­te Star­t­up-Un­ter­neh­men hat sich dar­auf spe­zia­li­siert, sol­che Sze­na­ri­en zu schaf­fen. Zu­nächst wur­den his­to­ri­sche Fo­tos ge­sam­melt. Die Ge­bäu­de wur­den als 3-D-Mo­del­le iso­liert, dann Stück für Stück di­gi­tal re­kon­stru­iert und in ein Stra­ßen­bild mon­tiert. Letz­ter Schritt: die Be­le­bung der Sze­ne­rie mit Fi­gu­ren, Au­to- und Stra­ßen­ver­kehr. „Vir­tu­el­le Wel­ten sind un­se­re Lei­den­schaft“, sagt Lu­kas Kuh­len­dahl von Wel­ten­we­ber, „wenn wir da­mit et­was Gu­tes tun kön­nen, ist es na­tür­lich um­so bes­ser.“

Das Gan­ze wirkt ver­blüf­fend echt. Wer die Bril­le auf­setzt, steht plötz­lich auf der Hal­te­stel­le Ost­wall/ Rhein­stra­ße der 60er Jah­re. An ei­nem fah­ren Au­tos aus der Zeit vor­bei; ne­ben ei­nem hält ge­ra­de ei­ne Stra­ßen­bahn aus der Zeit, Men­schen ge­hen vor­bei. Dreht man den Kopf, schwenkt auch der Blick über den Ost­wall – es ist ei­ne 360-Gra­dSze­ne­rie. Un­will­kür­lich ver­gleicht man das Ge­se­he­ne mit den Bil­dern von heu­te, un­will­kür­lich zeigt man auf ei­ne Stel­le, wun­dert sich laut, dass dort die Uhr von UdU noch nicht steht – dass man für die an­de­ren im Raum wie die al­te Da­me ins Nichts zeigt, ver­gisst man fast.

Eben das ist der ge­wünsch­te Ef­fekt für die De­menz­pa­ti­en­ten: Sie er­in­nern sich, zei­gen, er­zäh­len, su­chen das Ge­spräch, denn die Bil­der aus der Ver­gan­gen­heit sind noch in ih­rem Kopf. Man kann mit Hil­fe der „Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­le“und ei­nes Zu­satz­ge­rä­tes so­gar auf ei­nen Punkt zei­gen und sich dort­hin bea­men. „Das ma­chen wir mit un­se­ren Patienten aber lie­ber nicht“, sagt Cas­pers lä­chelnd, „sonst be­amt man sich vor ei­ne Stra­ßen­bahn und wird von ihr durch­fah­ren.“

Die Rei­se in die Ver­gan­gen­heit ist die Fort­füh­rung ei­ner be­reits er­prob­ten Stra­te­gie, die in der Ger­ia­trie am Cäci­li­en-Ho­s­pi­tal seit 2011 prak­ti­ziert wird. Es gibt dort ei­nen Er­in­ne­rungs­raum, der im Stil der 50er- und 60er Jah­re ein­ge­rich­tet ist. Die Um­ge­bung hat ähn­lich sti­mu­lie­ren­de Ef­fek­te wie die be­weg­ten Bil­der der Vi­de­o­bril­le. Die Patienten er­in­nern sich, füh­len sich wohl, wer­den ru­hi­ger. All das soll da­zu die­nen, das Wohl­be­fin­den der Men­schen zu stei­gern. „Man schafft Ver­trau­en, Brü­cken in die Ge­gen­wart und Brü­cken un­ter­ein­an­der“, be­rich­tet Cas­pers. Die Bril­len­tech­nik ist im Üb­ri­gen nicht nur für De­menz­pa­ti­en­ten ge­eig­net, son­dern ge­ne­rell für äl­te­re Men­schen, die ihr Ge­dächt­nis sti­mu­lie­ren und trai­nie­ren wol­len. Die Pro­be ges­tern zeig­te: Das Gan­ze macht auch Jün­ge­ren viel Spaß.

RP-FO­TO: T.L.

Oben die his­to­ri­schen Fo­tos, un­ten die Sze­ne­rie, die in der vir­tu­el­len Rea­li­tät dar­aus wur­de und die man mit der Vi­de­o­bril­le er­kun­den kann, als stün­de man auf dem Ost­wall des Jah­res 1960.

RP-FO­TO: T.L.

Chef­arzt Fried­helm Cas­pers mit ei­nem der Ger­ia­trie­pa­ti­en­ten, der ge­ra­de die Vi­de­o­bril­le trägt.

RP-FO­TOS (2): VO

Ein Ar­beits­schritt: Das Ge­bäu­de vom Fo­to wird zu ei­nem 3D-Mo­dell iso­liert.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.