Der Mann, der Cor­ne­li­us de Greiff ist

Rheinische Post Krefeld - - STADTPOST - VON PE­TRA DIEDERICHS RP-FO­TOS. T. LAMMERTZ

Der Schau­spie­ler Mar­kus Rüh­rer schlüpft in Geh­rock und Ga­ma­schen und ge­winnt als his­to­ri­sche Fi­gur neue Ein­bli­cke.

Die Ga­ma­schen sind kei­ne ein­fa­che An­ge­le­gen­heit. Die klei­nen Ha­ken und Ösen an der Sei­te zu schlie­ßen, die man nicht se­hen kann, er­for­dert Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Dann schlüpft Mar­kus Rüh­rer in den Geh­rock. Die Ver­wand­lung ist per­fekt. Ei­ne gu­te hal­be St­un­de dau­ert es, bis aus dem Schau­spie­ler die his­to­ri­sche Fi­gur Cor­ne­li­us de Greiff ge­wor­den ist.

Frank Baum­gart­ner, Chef­mas­ken­bild­ner am Thea­ter Kre­feld/ Mön­chen­glad­bach hat mit Pin­sel und Schmink­far­ben die Au­gen­brau­en er­grau­en las­sen, die Ge­sichts­zü­ge Rüh­rers an das his­to­ri­sche Vor­bild an­ge­passt, die Wan­gen­par­tie op­tisch leicht hän­gen las­sen. Als Sei­den­fa­bri­kant aus dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert steigt er nun ins Au­to von Fo­to­graf Phi­lip Le­then, um Kre­feld auf ganz neue Wei­se ken­nen­zu­ler­nen.

„Es ist in­ter­es­sant, die Stadt aus so un­ter­schied­li­chen Win­keln zu ent­de­cken“, sagt Rüh­rer. Der Wahl-Es­se­ner kann­te bis­her nur ei­ni­ge Ca­fés und den Weg vom Haupt­bahn­hof über den Ost­wall zum Thea­ter. Hier hat er im Weih­nachts­mär­chen „Jim Knopf und Lu­kas der Lo­ko­mo­tiv­füh­rer“ge­spielt. Und er war der ge­bro­che­ne Deutsch­leh­rer im EinPer­so­nen-Stück „Klamms Krieg“– ei­ne Rol­le, die ihn nicht los­ge­las­sen hat. „Wir ha­ben in Klas­sen­zim­mern ge­spielt, da stehst du un­mit­tel­bar vor den Schü­lern und be­kommst je­de Re­gung mit. Dar­auf zu re­agie­ren, das ist ei­ne Her­aus­for­de­rung.“Nach­dem das Stück, in­sze­niert von Da­ni­el Mi­net­ti, in Kre­feld vom Spiel­plan ver­schwand, hat Rüh­rer das Pro­jekt als frei­er Schau­spie­ler wei­ter­ge­führt.

Das Schauspiel ist sein Me­tier, da­bei ver­dankt er sei­nen Be­ruf ei­gent­lich ei­nem Zu­fall. Es be­gann mit ei­nem Au­to: Ei­gent­lich woll­te Mar­kus Rüh­rer, 1966 in Nürn­berg ge­bo­ren, ir­gend­was mit Eng­lisch ma­chen und hat­te sich für Ang­lis­tik ein­ge­schrie­ben. Doch dann bat ihn ein Kol­le­ge, mit dem er ge­mein­sam sei­nen Zi­vil­dienst ab­sol­vier­te, ihn zu ei­nem Work­shop sei­ner Thea­ter­grup­pe zu be­glei­ten: „Er sag­te, du hast ein Au­to, ich nicht. Und das war ein Glücks­fall“, sagt Rüh­rer. Er war neu­gie­rig, und der jun­ge Re­gis­seur be­ein­druck­te ihn. „Er sprach über Fi­gu­ren­fin­dung, wir ha­ben Ver­trau­ens­übun­gen ge­macht und viel über Kör­per­be­wusst­sein ge­lernt. Al­les, was ei­nem spä­ter an der Schauspiel- schu­le be­geg­net“, er­zählt er. Da­mals hat Rüh­rer Feu­er ge­fan­gen für die Büh­ne. Es war ei­ne kon­kre­te Be­geg­nung mit der Be­rufs­wirk­lich­keit, kei­ne abs­trak­te Theo­rie. „Wir ha­ben ein Stück er­ar­bei­tet, für das wir die Fi­gu­ren selbst ge­schrie­ben und ent­wi­ckelt ha­ben. Das hat­te nichts von Schul­thea­ter. Das hat mich be­geis­tert.“

Rüh­rer stu­dier­te zu­nächst in Er­lan­gen Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und er­ar­bei­tet sich ein Re­per­toire für die Schauspiel-Auf­nah­me­prü­fung. So kam der Fran­ke En­de der 1980er Jah­re an den Rhein, an die Köl­ner Schau­spiel­schu­le „Der Kel­ler“. Es war die rich­ti­ge Ent­schei­dung: „Wenn ich ei­ne Fi­gur spie­le, dann kann ich in die­ser Rol­le tun, was ich sonst nicht ma­chen darf. Gleich­zei­tig ist es span­nend, zu er­ar­bei­ten, was sie mit mir zu tun hat und mich in sie hin­ein­zu­ver­set­zen.“

Sein ers­tes En­ga­ge­ment führ­te Rüh­rer 1991 nach Ru­dol­stadt. In Thü­rin­gen – so kurz nach der Wen­de – war es für ihn nicht ein­fach. „Ei­ne Kol­le­gin aus Hannover und ich wa­ren die ein­zi­gen En­sem­ble­mit­glie­der aus West­deutsch­land. Der Schau­spiel­di­rek­tor stamm­te auch noch aus dem al­ten Sys­tem. Da hat­ten mei­ne Kol­le­gin und ich schnell den Stem­pel als Bes­ser­wes­sis weg. Da­bei hat­ten wir gar nicht die Hal­tung vie­ler, die ge­ra­de die Schau­spiel­schu­le ab­sol­viert ha­ben, dass wir wüss­ten, wie al­les funk­tio­niert. Trotz­dem war da so ei­ne Dis­tanz. Für je­den West-Au­to­händ­ler, der sie übers Ohr ge­hau­en hat, sind wir qua­si in Haf­tung ge­nom­men wor­den.“

Leich­ten An­schluss fand er nicht: „Wenn man sich in der Kan­ti­ne nicht be­wusst zu an­de­ren da­zu­setz­te, dann blieb man al­lein.“In die­ser Zeit spiel­te er auch am Rhei­ni­schen Lan­des­thea­ter Neuss. 1994 wech­sel­te er nach Graz. Er spiel­te in Co­burg, May­en und Mo­ers und hat für das Stadt­thea­ter Gie­ßen das Kin­der­stück „Qu­ietsch die En­te“in­sze­niert. „Es ist span­nend, sich auf neue Wel­ten ein­zu­las­sen“, sagt er. Und das kann so­gar oh­ne Text funk­tio­nie­ren – wie bei de Greiff.

NACH­HER Die Zeit ist um zwei Jahr­hun­der­te zu­rück­ge­dreht. Mar­kus Rüh­rer hat sich in Cor­ne­li­us de Greiff ver­wan­delt.

Mas­ken­bild­ner Frank Baum­gart­ner trägt Far­be auf, um die Kon­tu­ren zu ver­än­dern.

Die Farb­pa­let­te ist groß: Hel­le Tö­ne las­sen Kon­tu­ren her­vor­tre­ten, dunk­le ka­schie­ren.

FO­TOS (4): PED

Baum­gart­ner und Fo­to­graf Phi­lip Le­then (l.) le­gen letz­te Hand an, da­mit al­les sitzt.

Die Pe­rü­cke wird an­ge­passt, die Sei­ten­par­tie noch­mal nach­ge­schnit­ten.

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