Lu­ther und der Nie­der­rhein

Rheinische Post Krefeld - - STADTPOST - VON JENS VOSS

Die Ge­schich­te der Re­for­ma­ti­on am Nie­der­rhein weist Be­son­der­hei­ten auf: Die Un­si­cher­heit, wel­cher Kon­fes­si­on man an­ge­hört, währ­te län­ger als an­ders­wo. Und egal ob ka­tho­lisch oder evan­ge­lisch: Die An­sprü­che an die Pfar­rer sind im Zu­ge der Re­for­ma­ti­on ge­stie­gen – es sind haar­sträu­ben­de Ge­schich­ten über auf­be­geh­ren­de Ge­mein­den über­lie­fert.

Um das Jahr 1690 kam es in Win­ne­ken­donk zu ei­nem denk­wür­di­gen Trink­ge­la­ge: Der schwer be­trun­ke­ne Küs­ter des Or­tes er­litt ei­nen Schlag­an­fall und starb, be­vor ihm die Ster­be­sa­kra­men­te er­teilt wer­den konn­ten – denn auch der zu­stän­di­ge Pfar­rer Fran­zis­kus Bart war so be­trun­ken, dass er da­zu nicht in der La­ge war. Über­lie­fert ist die Ge­schich­te, weil sich die Ge­mein­de bit­ter über ih­ren Pfar­rer be­schwert hat. Es gibt vie­le sol­cher Be­schwer­den. Sie zeu­gen von ei­nem ge­wach- bei Trau­er­fei­ern für Ar­me gar nicht bli­cken.

Nach ei­nem Jahr­hun­dert Re­for­ma­ti­on nah­men im 17. Jahr­hun­dert auch die Ka­tho­li­ken stei­gen­den An­teil an der in­ne­ren Er­neue­rung ih­rer Kir­che. Die Ge­schich­te der Re­for­ma­ti­on am Nie­der­rhein ist in­so­fern in­ter­es­sant, als es län­ger als an­ders­wo ge­dau­ert hat, bis sich kla­res kon­fes­sio­nel­les Be­wusst­sein her­aus­ge­bil­det hat. Die Un­si­cher­heit war lan­ge groß, es hat Jahr­zehn­te ge­dau­ert, bis sich das Ge­fühl, ei­ner je ei­ge­nen Kir­che an­zu­ge­hö­ren, her­aus­bil­de­te.

Die hu­ma­nis­tisch ge­präg­ten Her­zö­ge von Kle­ve woll­ten der Re­for­ma­ti­on mit ge­mä­ßig­ten Re­for­men die Spit­ze ab­bre­chen: Der ka­tho­li­sche Her­zog Wil­helm von Kle­ve (Re­gie­rung von 1539 bis 1592) zum Bei­spiel stell­te es 1540 dem Rat der Stadt We­sel frei, das Abend­mahl in bei­der­lei Gestalt (als Brot und Wein) aus­zu­tei­len. Als Kai­ser Fer­di­nand ihn für die­se Po­li­tik der Dul­dung kri­ti­sier­te, ver­tei­dig­te Wil­helm sie mit dem Hin­weis, er wol­le so dem Täu­fer­tum und an­de­ren ex­tre­men Er­schei­nun­gen der Re­for­ma­ti­on ent­ge­gen­wir­ken.

Die­se Po­li­tik des Aus­gleichs hat sich, aufs Gan­ze ge­se­hen, nicht durch­ge­setzt, und sie war auch nicht im­mer mil­de. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­den här­ter, gif­ti­ger, zu­wei­len: mör­de­ri­scher. Als ers­ter evan­ge­li­scher Mär­ty­rer des Rhein­lan­des ist Adolf Cla­ren­bach (1497 - 1529) in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen. Er ver­trat in We­sel als Kon­rek­tor ei­ner Latein­schu­le re­for­ma­to­ri­sches Ge­dan­ken­gut, woll­te et­wa Hei­li­gen­bil­der aus den Kir­chen ent­fer­nen. Er wur­de da­für vom kle­vi­schen Her­zog Jo­hann III. (1490 - 1539; re­gier­te ab 1521) miss­trau­isch be­ob­ach­tet – bis der Lan­des­herr 1525 die Aus­wei­sung Cla­ren­bachs aus We­sel ver­füg­te.

In Köln wur­de Cla­ren­bach dann ver­haf­tet und als Ket­zer zum To­de ver­ur­teilt; er sei, so das hass­er­füll­te Ur­teil sei­ner Rich­ter „ein räu­di­ges Schaf und ein nach Fäul­nis stin­ken­des Glied der Kir­che, das ab­ge­schnit­ten wer­den“müs­se. 1529 wur­de Cla­ren­bach ver­brannt.

Die Fron­ten ver­lie­fen nicht nur zwi­schen Ka­tho­li­schen und Evan­ge­li­schen – auch in­ner­halb des Pro­tes­tan­tis­mus gab es er­bit­ter­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Lu­the­ra­nern und Re­for­mier­ten. Das zu­nächst eher lu­the­risch ge­präg­te We­sel zum Bei­spiel wur­de seit 1545 zum Ziel von cal­vi­nis­ti­schen Flücht­lin­gen. Im Cal­vi­nis­mus galt ei­ne an­de­re Abend­mahls­theo­lo­gie als in lu­the­ri­schen Ge­mein­den: Wäh­rend Lu­ther die Re­al­prä­senz Chris­ti im Abend­mahl lehr­te, war für Cal­vin wie über­haupt für re­for­mier­te Ge­mein­den das Abend­mahl nur ei­ne Zei­chen­hand­lung, die auf Chris­tus ver­weist. Der Rat der Stadt ver­lang­te schließ­lich 1556 von den Ein­wan­de­rern, die lu­the­ri­sche Lehr­mei­nung zu un­ter­schrei­ben oder die Stadt zu ver­las­sen. Vie­le Flücht­lin­ge ver­wei­ger­ten die Un­ter­schrift und wur­den tat­säch­lich aus­ge­wie­sen. Be­mer­kens­wert ist, dass in die­sem Streit so­wohl Cal­vin als auch Me­lan- chthon mit mo­de­ra­ten Po­si­tio­nen zu ver­mit­teln such­ten – ver­geb­lich.

So wa­ren Glau­bens­fra­gen Staats­an­ge­le­gen­hei­ten, das Kli­ma zwi­schen den Glau­bens­rich­tun­gen wur­de gif­ti­ger. In Kre­feld, das be­kannt­lich zur pro­tes­tan­ti­schen Graf­schaft Mo­ers ge­hör­te und vom re­for­mier­ten La­ger do­mi­niert wur­de, wa­ren Ka­tho­li­ken ge­dul­det. Die heu­ti­ge, ur­sprüng­lich ka­tho­li­sche Al­te Kir­che ging an die Re­for­mier- ten. Die Ka­tho­li­ken durf­ten in der klei­nen Klos­ter­kir­che (die frü­her am Schwa­nen­markt stand) Got­tes­diens­te fei­ern – of­fi­zi­ell aber oh­ne Eucha­ris­tie.

1639 kam es zu ei­ner hef­ti­gen Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen dem ka­tho­li­schen und dem pro­tes­tan­ti­schen Kre­feld: Die Evan­ge­li­schen be­schul­dig­ten die Je­sui­ten, bei of­fe­ner Kir­chen­tü­re die Ein­klei­dung neu­er Or­dens­mit­glie­der ze­le­briert zu ha­ben; dies sei „Schimpf und Schmach“für die „wohl­be­stell­te christ­li­che Kir­che“. Der Lei­ter des Je­sui­ten­kon­vents muss­te 50 Gold­gul­den Stra­fe zah­len. Zur Wahr­heit ge­hört, dass die – in Kre­feld vor­herr­schen­den – Re­for­mier­ten auch die Lu­the­ra­ner un­ter­drück­ten. Of­fi­zi­ell galt die Re­gel: In Kre­feld gab es das Abend­mahl nur bei den Re­for­mier­ten. Das traf die we­ni­gen Lu­the­ra­ner be­son­ders hart: Für sie gab es in der gan­zen Graf­schaft Mo­ers kein ei­ge­nes An­ge­bot – die Ka­tho­li­ken konn­ten, wenn sie nicht heim­lich kom­mu­ni­zie­ren woll­ten, nach Fi­scheln oder Hüls aus­wei­chen; die nächs­te lu­the­ri­sche Ge­mein­de war in Duis­burg.

Ge­ra­de die Ge­schich­te der Lu­the­ra­ner in Kre­feld zeigt, dass sich auch die pro­tes­tan­ti­schen Strö­mun­gen un­ter­ein­an­der spin­ne­feind wa­ren. Lu­thers „Frei­heit ei­nes Chris­ten­men­schen“– sei­ne in­nigs­te und fried­volls­te Schrift – en­de­te fak­tisch bei re­li­giö­sen Dif­fe­ren­zen. Kre­felds Lu­the­ra­ner setz­ten erst 1729 mit Hil­fe des preu­ßi­schen Staa­tes durch, dass sie ei­ne ei­ge­ne Ge­mein­de mit Kir­che sein durf­ten – die 1756 er­bau­te Kir­che stand an der Ecke St.-An­ton-Stra­ße / Lu­the­ri­sche-Kirch-Stra­ße. 1821 en­det die Ge­schich­te der lu­the­ri­schen Ge­mein­de mit der Ver­ei­ni­gung von re­for­mier­ter und lu­the­ri­scher Ge­mein­de zur Unier­ten Kir­che – wie­der­um auf Druck der preu­ßi­schen Re­gie­rung.

Heu­te er­in­nert nur noch die Lu­the­ri­sche-Kirch-Stra­ße an die­ses Ka­pi­tel, das ein trau­ri­ges ist: Ei­nem Jahr­hun­dert frei­er Re­li­gi­ons­aus­übung der Lu­the­ra­ner stan­den rund zwei Jahr­hun­der­te Be­drü­ckung durch die Re­for­mier­ten ge­gen­über. Und es wa­ren nicht die Kon­fes­sio­nen, die die­se Ge­schich­te be­en­de­ten, son­dern der preu­ßi­sche Staat, der die pro­tes­tan­ti­schen La­ger in ein Zeit­al­ter der To­le­ranz zwang.

Über­blickt man die­se Fa­cet­ten der nie­der­rhei­ni­schen Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te, ver­steht man ein­mal mehr: Martin Lu­ther war kein Ver­fech­ter re­li­giö­ser Frei­heit, son­dern ihr Weg­be­rei­ter. Er selbst und die, die sich auf ihn be­rie­fen, mein­ten, wenn sie Frei­heit sag­ten, im­mer nur ih­re ei­ge­ne Recht­gläu­big­keit, die es ge­gen an­de­re durch­zu­hal­ten und durch­zu­set­zen galt.

Das Frei­heits­den­ken, das auch die Frei­heit der an­de­ren will, ist erst die Frucht sä­ku­la­rer Geis­tig­keit und der Auf­klä­rung. Die Kir­chen ha­ben die­se Lek­ti­on ge­lernt. So hat der frü­he­re Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land, Man­fred Kock, ein­mal ge­sagt, die Kir­chen dürf­ten nicht hin­ter die Er­run­gen­schaf­ten der Auf­klä­rung zu­rück­fal­len. Die Frei­heit ei­nes Chris­ten­men­schen meint eben auch die Frei­heit, an­ders oder gar nicht zu glau­ben.

Lu­ther hät­te sei­ne Pro­ble­me mit die­ser Wei­te­rung sei­nes Den­kens ge­habt – er war un­duld­sam bis zum Hass ge­gen­über al­len, die ihm nicht folg­ten (nicht nur ge­gen­über Rom). Man ehrt ihn und sein Er­be dann wirk­lich, wenn man in die­sem Punkt über den Re­for­ma­tor hin­aus­geht. Glau­be und Frei­heit ge­hö­ren zu­sam­men – nur frei ist Glau­be bei sich selbst.

FO­TO: STADT DUIS­BURG FO­TO: VO / STADT KRE­FELD FO­TO: EPD FO­TO: ÖKUM. HEILIGENLEXIKON FO­TOS: EPD/ DPA FO­TO: HANTSCHE

Der kle­vi­sche Her­zog Wil­helm V. (1516-1592, re­gier­te von 1539 bis 1592) ver­folg­te ei­ne li­be­ra­le, re­form­ori­en­tier­te Re­li­gi­ons­po­li­tik, um die Aus­brei­tung pro­tes­tan­ti­schen Ge­dan­ken­gu­tes ein­zu­däm­men. Schat­ten­riss von Jo­hann Hein­rich Nes­sel­rath (1745 ge­bo­ren; von 1776 bis 1818 Pas­tor in Kre­feld). Er war ei­ner der Pas­to­ren der lu­the­ri­schen Ge­mein­de in Kre­feld; un­ter sei­ner Führung wur­de ein ei­ge­nes Ge­s­ang­buch für die Lu­the­ri­schen ein­ge­führt. Die lu­the­ri­sche Ge­mein­de exis­tier­te von 1729 bis 1821.

Die Kar­te zeigt den Nie­der­rhein im Jahr 1825. Martin Lu­ther (1483 - 1546) lös­te am 31. Ok­to­ber 1517 – heu­te vor 500 Jah­ren – mit der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner 95 The­sen ge­gen den Ablass die Re­for­ma­ti­on aus. Adolf Cla­ren­bach (1497 - 1529) wur­de als An­hän­ger der Re­for­ma­ti­on aus We­sel ver­trie­ben – die li­be­ra­le Re­li­gi­ons­po­li­tik der kle­vi­schen Her­zö­ge hat­te auch Gren­zen. In Köln wur­de Cla­ren­bach als Ket­zer ver­brannt. Jo­han­nes Cal­vin (1509 - 1564) und Philipp Me­lan­chthon 1497 - 1560) woll­ten im We­seler Streit zwi­schen lu­the­ri­scher Ge­mein­de und cal­vi­nis­ti­schen Ein­wan­de­rern ver­mit­teln – ver­geb­lich. Der Rat von We­sel stell­te die Ein­wan­de­rer vor die Wahl: Die lu­the­ri­sche Abend­mahls­theo­lo­gie schrift­lich an­er­ken­nen oder Aus­wei­sung!

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.