Ab­grund

Rheinische Post Langenfeld - - UNTERHALTUNG - © 2017 MAREVERLAG, HAM­BURG

Vi­el­leicht wür­de er spä­ter ver­su­chen zu schla­fen, jetzt woll­te er die Prot­ago­nis­ten die­ses Mor­gens noch ein­mal Re­vue pas­sie­ren las­sen, woll­te sich ein­prä­gen, was er ge­se­hen hat­te, weil er nicht wuss­te, ob und wann er noch ein­mal Ver­gleich­ba­res er­le­ben wür­de. Er hat­te das Ge­fühl, dass die Ta­ge wie im Flu­ge ver­gin­gen. Bald wür­de er wie­der in Kiel sein.

Er nahm die Spei­cher­kar­te aus der Ka­me­ra und blick­te, wäh­rend der Com­pu­ter hoch­fuhr, durch das Ka­jü­ten­fens­ter auf Fer­nan­di­nas fast 1500 Me­ter ho­hen La Cum­bre, den ak­tivs­ten Vul­kan des Ar­chi­pels, um des­sen Kra­ter­gip­fel sich de­ko­ra­tiv ei­ni­ge Wol­ken grup­piert hat­ten. Zu­letzt war er im April 2009 aus­ge­bro­chen, oh­ne Vor­war­nung, oh­ne dass die Na­deln der seis­mi­schen Sta­ti­on in Pu­er­to Ayo­ra in den Ta­gen zu­vor auch nur ei­nen Erd­stoß re­gis­triert hät­ten. La Cum­bre war ei­ne schla­fen­de Dä­mo­nin, die je­der­zeit er­wa­chen konn­te. Ir­gend­wo tief un­ter dem schild­för­mi­gen Berg be­fand sich der Hot Spot, dem die­se In­seln und al­les, was dar­auf leb­te, ih­re Exis­tenz ver­dank­ten, ei­ne La­vaquel­le, die seit Jahr­mil­lio­nen nicht ver­sieg­te.

Her­mann wand­te sich dem Mo­ni­tor zu und star­te­te den Film. In die­sen Ge­wäs­sern muss­te man im­mer mit star­ken Strö­mun­gen rech­nen, die ei­nem den schöns­ten Tauch­gang ver­lei­den konn­ten. An man­chen Plät­zen blieb ei­nem nichts an­de­res üb­rig, als sich an ei­nem Fel­sen fest­zu­ha­ken und dar­auf zu war­ten, was die Strö­mung so vor­bei­trei­ben wür­de. Und wenn die äqua­to­ria­le Un­ter­strö­mung mal wie­der ei­nen Schwung fri­schen Tie­fen­was­sers in den Ka­nal zwi­schen Isa­be­la und Fer­nan­di­na drück­te, konn­te das Was­ser emp­find­lich kalt sein. We- gen die­ser kal­ten, koh­len­di­oxid­rei­chen Was­ser­mas­sen aus den Tie­fen des Pa­zi­fiks glaub­ten man­che Wis­sen­schaft­ler, auf Galápa­gos das ver­sau­er­te Meer der Zu­kunft stu­die­ren zu kön­nen. Des­halb wa­ren Lie­ke, Da­vid, Sal­va­to­re und die an­de­ren hier­her­ge­kom­men.

Doch heu­te Mor­gen hat­te nichts der­glei­chen ih­ren Tauch­gang be­ein­träch­tigt, kei­ne tü­cki­schen Strö­mun­gen, kei­ne Käl­te, kei­ne stö­ren­den Ge­dan­ken an das Ster­ben der Koral­len­rif­fe oder die Ver­saue­rung der Ozea­ne. Die düs­te­ren Sze­na­ri­en zur Zu­kunft des Pla­ne­ten schie­nen ein paar Me­ter un­ter der Was­ser­ober­flä­che zu ei­nem Hirn­ge­spinst ka­ta­stro­phen­süch­ti­ger Me­di­en zu schrump­fen. Ob­wohl Her­mann es bes­ser wuss­te, oder zu­min­dest glaub­te, es bes­ser zu wis­sen – wer konn­te bei den hoch­kom­ple­xen Zu­sam­men­hän­gen, um die es hier ging, schon si­cher sein –, er­tapp­te er sich manch­mal bei der Hoff­nung, die For­scher und ih­re Com­pu­ter könn­ten sich ir­ren und all die schreck­li­chen Vor­her­sa­gen zur Ve­rän­de­rung des Welt­kli­mas und de­ren Fol­gen wür­den sich wie das Wald­ster­ben als Un­ter­gangs­fan­ta­sie ei­ni­ger no­to­ri­scher Schwarz­se­her ent­pup­pen.

Sie hat­ten viel ge­se­hen, und Al­ber­to hat­te auf sei­nem Klemm­brett mit dem was­ser­fes­ten Pa­pier ei­ne lan­ge Lis­te von Tier­ar­ten no­tiert, dar­un­ter auch gro­ße wie die Grü­nen Mee­res­schild­krö­ten, die hier sehr häu­fig wa­ren, und ei­ne in Keil­for­ma­ti­on schwim­men­de Schu­le Gol­de­ner Kuh­na­sen­ro­chen. Ein vier Me­ter lan­ger Ham­mer­hai war ge­mäch­lich über ih­ren Köp­fen da­hin­ge­glit­ten. Vi­el­leicht war er auf dem Weg nach Nor­den, um bei den weit ab­ge­le­ge­nen In­seln Dar­win und Wolf auf sei­ne Ver­wandt­schaft zu sto­ßen. Sei­ne Art­ge­nos­sen ver­sam­mel­ten sich dort zu Hun­der­ten, ei­ner der spek­ta­ku­lärs­ten Tauch­plät­ze der Welt, so­fern man die Ner­ven hat­te, durch ei­ne Wol­ke von krei­sen­den Ham­mer­hai­en ab­zu­tau­chen.

Das Tier, das ihm und An­ne hier in der Nä­he so te­le­gen vor die Ka­me­ra ge­schwom­men und der An­lass für die­se Boots­tour ge­we­sen war, hat­te sich nicht bli­cken las­sen, na­tür­lich nicht. Dar­auf zu hof­fen, dass es ih­nen noch ein­mal be­geg­nen wür­de, war so­wie­so ziem­lich na­iv. Man­che Ar­ten, wie die Galápa­gos­haie, wa­ren zwar recht ortstreu, an­de­re leg­ten aber ge­wal­ti­ge Dis­tan­zen zu­rück, und schwim­men muss­ten die gro­ßen Haie im­mer, sonst droh­ten sie zu er­sti­cken. Da­zu ka­men die Sicht­ver­hält­nis­se, die al­les an­de­re als op­ti­mal wa­ren. Ih­re Su­che war al­so ver­mut­lich aus­sichts­los, aber es war ih­re ein­zi­ge Chan­ce. Wenn sie das Rät­sel lö­sen woll­ten, muss­ten sie tau­chen, Aus­schau hal­ten und hof­fen, dass das Tier sich zeig­te. Her­mann war vom bis­he­ri­gen Ver­lauf ih­rer Un­ter­neh­mung je­doch nicht ent­täuscht, im Ge­gen­teil, er konn­te sich kei­ne schö­ne­re Art vor­stel­len, ei­nen Tag zu be­gin­nen, als mit ei­nem sol­chen Aus­flug in die Tie­fe. Wenn es ih­nen nicht ge­lang, den Hai zu fin­den, wür­den sie in je­dem Fall ei­ne Men­ge Spaß ha­ben.

Die Be­deu­tung sei­ner ers­ten Be­geg­nung mit dem Tier war Her­mann zu­nächst gar nicht be­wusst ge­we­sen. Kurz nach ih­rer Rück­kehr in die Sta­ti­on hat­ten An­ne und er be­schlos­sen, sich auf der schat­ti­gen Ter­ras­se des ma­ri­nen La­bors die Vi­deo­auf­nah­men an­zu­se­hen. Sie hat­ten sich in der Tee­kü­che Was­ser heiß ge­macht, die damp­fen­den Tas­sen stan­den vor ih­nen auf dem Tisch, im Ge­sträuch um die Sta­ti­on pieps­ten die Dar­win­fin­ken, un­ten auf der Ram­pe putz­ten zwei Pe­li­ka­ne ihr Ge­fie­der, und an ei­nem schma­len, schat­ti­gen Plätz­chen dräng­ten sich ein Dut­zend Mee­res­le­gua­ne ne­ben- und über­ein­an­der zu­sam­men, um der sich an­kün­di­gen­den Mit­tags­hit­ze zu ent­kom­men, als plötz­lich die Tür zu den Bü­ros auf­ging und Die­ter Grum­me her­aus­trat, der Lei­ter der ma­ri­nen Ab­tei­lung der Charles-Dar­win-Sta­ti­on. In sei­ner Be­glei­tung be­fand sich ein zwei­ter Mann, der ei­nen di­cken, grau me­lier­ten Schnurr­bart trug. Her­mann stutz­te, als er ihn sah, dann strahl­te er über das gan­ze Ge­sicht. „Ich glaub’s ja nicht. Al­ber­to!“„Über­ra­schung!“, po­saun­te Die­ter und trat mit sei­nem Be­glei­ter zu ih­nen an den Tisch.

„Und was für ei­ne“, rief Her­mann. Er kann­te Al­ber­to Lu­en­go Cos­ta aus den spä­ten Neun­zi­ger­jah­ren, als er nach ei­nem star­ken El Ni­ño in meh­re­ren la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern Un­ter­su­chun­gen an Hum­boldt-Kal­ma­ren durch­ge­führt hat­te. Sie wa­ren da­mals gu­te Freun­de ge­wor­den, doch jetzt hat­ten sie sich seit Jah­ren nicht mehr ge­se­hen.

Her­mann stand so­fort auf, um sei­nen Kol­le­gen zu be­grü­ßen, der erst am Vor­tag aus Gua­yaquil an­ge­reist war. Er mach­te ihn mit An­ne be­kannt und stell­te ihn ihr als ei­nen der bes­ten Fisch­ken­ner Süd­ame­ri­kas vor. Die bei­den wa­ren et­wa im sel­ben Al­ter und mus­ter­ten sich in­ter­es­siert. Al­ber­to war noch im­mer ein sehr at­trak­ti­ver Mann, auch wenn er an den Hüf­ten ein we­nig fül­li­ger ge­wor­den war. Das mitt­ler­wei­le an­ge­grau­te Haar stand ihm aus­ge­zeich­net.

(Fort­set­zung folgt)

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