Bund gibt 1,2 Mil­li­ar­den zur Be­kämp­fung von Ghet­tos

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - VORDERSEITE - VON JAN DREBES

So­zia­le Brenn­punk­te in den Städ­ten ge­ra­ten durch die Zu­wan­de­rung zu­sätz­lich un­ter Druck. Meh­re­re Mi­nis­te­ri­en wol­len mit mehr Geld und Zu­sam­men­ar­beit die In­te­gra­ti­on an die­sen Or­ten för­dern.

BER­LIN Die Bun­des­re­gie­rung in­ves­tiert in den kom­men­den vier Jah­ren ins­ge­samt rund 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro in so­zi­al be­nach­tei­lig­te Stadt­tei­le. Das geht aus der „res­sort­über­grei­fen­den Stra­te­gie So­zia­le Stadt“her­vor, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt und die das Bun­des­ka­bi­nett heu­te be­schlie­ßen wird. Durch die För­de­rung et­wa von Sport­ver­ei­nen, Stadt­teil­zen­tren, Mu­sik­un­ter­richt und Sprach­kur­sen soll die Le­bens­qua­li­tät in so­zi­al schwie­ri­gen Be­zir­ken ver­bes­sert wer­den.

Zu­dem ver­spricht sich der Bund da­von an­ge­sichts der Mi­gra­ti­on nach Deutsch­land, die Ent­ste­hung neu­er Ghet­tos mit dem Kon­zept ver­hin­dern zu kön­nen. „Quar­tie­re, die oh­ne­hin er­höh­te so­zia­le In­te­gra­ti­ons­an­for­de­run­gen er­brin­gen, sind häu­fig auch durch ei­nen er­heb­li­chen An­teil von Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten ge­kenn­zeich­net“, heißt es in dem mehr als 80 Sei­ten lan­gen Pa­pier. Die­se Quar­tie­re könn­ten für die Städ­te und Ge­mein­den ei­ne be­deu­ten­de In­te­gra­ti­ons­leis­tung er­brin­gen. Ziel ist es, die ver­schie­de­nen För­der­mit­tel zu bün­deln und die Zu­sam­men­ar­beit der Res­sorts un­ter­ein­an­der und mit den Kom­mu­nen zu ver­bes­sern.

Die För­der­gel­der stam­men aus dem Haus­halt des Bun­des­bau­mi­nis­te­ri­ums. Res­sort­che­fin Bar­ba­ra Hend­ricks (SPD) hat da­für von 2017 bis 2020 jähr­lich 300 Mil­lio­nen Eu­ro vor­ge­se­hen. Die­se 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro flie­ßen fast voll­stän­dig an die ein­zel­nen Bun­des­län­der und sto­cken das be­reits seit 1999 be­ste­hen­de Pro­gramm „So­zia­le Stadt“auf.

Kom­mu­nen, die ein be­stimm­tes Vor­ha­ben för­dern las­sen wol­len, müs­sen ent­spre­chen­des Geld be­an­tra­gen. Dar­un­ter kön­nen ne­ben so­zia­len Pro­jek­ten auch Um­bau­maß­nah­men fal­len, et­wa neue Spiel­plät- ze oder Schul­toi­let­ten. Auch die Her­rich­tung leer­ste­hen­der Ge­bäu­de für Flücht­lin­ge wä­re mit dem Geld mög­lich.

Zu­sätz­lich zu den 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro will das Bau­mi­nis­te­ri­um ei­nen „In­ves­ti­ti­ons­pakt so­zia­le In­te­gra­ti­on im Quar­tier“auf­le­gen, wie aus dem Pa­pier her­vor­geht. Wei­te­re 800 Mil­lio­nen Eu­ro ste­hen da­für in den nächs­ten vier Jah­ren zur Ver­fü­gung, „um bei­spiels­wei­se Ki­tas, Schu­len und Stadt­teil­zen­tren zu Or­ten der In­te­gra­ti­on im Quar­tier aus­zu­bau­en“. Wel­che Kom­mu­nen und Pro­jek­te aber tat­säch­lich Geld be­kom­men, steht noch nicht fest.

Ei­nen ers­ten An­halts­punkt könn­ten die bis­he­ri­gen Stand­or­te des Pro­gramms „Ju­gend stär­ken im Quar­tier“lie­fern. Denn die neue Stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung zielt auch auf ei­nen Aus­bau die­ser Pro­jek­te ab, die in den Zu­stän­dig­keits­be­reich des Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­ums fal­len und Ju­gend­li­che zu­rück in Schu­le und Aus­bil­dung brin­gen sol­len. In mehr als 178 Städ­ten und Ge­mein­den, vie­le da­von in Nord­rhein-West­fa­len, wur­den nach An­ga­ben des Mi­nis­te­ri­ums bis­her rund 13.000 Ju­gend­li­che mit un­ter­schied­li­chen An­ge­bo­ten er­reicht. 60 Pro­zent der be­trof­fe­nen Per­so­nen ha­ben den An­ga­ben zu­fol­ge ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Und 57 Pro­zent der jun­gen Men­schen, die das Pro­gramm be­en­de­ten, wür­den nun wie­der an schu­li­schen An­ge­bo­ten teil­neh­men oder ei­ner be­ruf­li­chen Aus­bil­dung oder Ar­beit nach­ge­hen, teil­te das Res­sort mit.

Ein Blick auf die Zah­len ver­deut­licht, wie wich­tig die Pro­jekt­ar­beit mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen ist. Zwar ist die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit in Deutsch­land so nied­rig wie in kaum ei­nem an­de­ren eu­ro­päi­schen Land. Der Über­gang von der Schu­le in die Aus­bil­dung ge­lingt aber wei­ter­hin nicht gut ge­nug. So bra­chen 2014 rund 47.000 Ju­gend­li­che die Schu­le oh­ne Haupt­schul­ab­schluss ab, fast zwei Mil­lio­nen Men­schen zwi­schen 20 und 34 Jah­ren in Deutsch­land konn­ten in dem­sel­ben Jahr kei­nen Be­rufs­ab­schluss vor­wei­sen. Das be­trifft zu­meist jun­ge Er­wach­se­ne mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Sie ver­las­sen mehr als dop­pelt so häu­fig die Schu­le oh­ne Ab­schluss wie jun­ge Men­schen mit deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit.

Dass sich die La­ge dras­tisch ver­schär­fen könn­te, ist an­ge­sichts der zu­meist jun­gen Flücht­lin­ge im Land nicht un­wahr­schein­lich. Des­halb will die Bun­des­re­gie­rung mit ih­rer neu­en Stra­te­gie vor al­lem dar­auf ab­zie­len, Or­te in so­zia­len Brenn­punk­ten zu „Be­geg­nungs­stät­ten“aus­zu­bau­en. Mit Pro­jek­ten aus an­de­ren Mi­nis­te­ri­en soll so bei­spiels­wei­se ein Nach­bar­schafts­zen­trum, ein Ver­eins­heim oder ei­ne Volks­hoch­schu­le noch deut­lich stär­ker in die In­te­gra­ti­ons­ar­beit ein­ge­bun­den wer­den. Von Ver­bes­se­run­gen im Stadt­teil wür­den aber „nicht nur be­stimm­te Ziel­grup­pen, son­dern al­le in der Nach­bar­schaft le­ben­den Men­schen“pro­fi­tie­ren, heißt es in dem Pa­pier.

Wie ge­nau die Kon­trol­le über die Ver­tei­lung der För­der­gel­der er­fol­gen soll, ist in­des noch nicht be­kannt. Zwar will sich das Bun­des­ka­bi­nett künf­tig re­gel­mä­ßig Be­richt er­stat­ten las­sen über die Wir­kung der Fi­nanz­sprit­zen. An­ge­sichts der Viel­zahl der Pro­jek­te dürf­te ein Über­blick je­doch schwie­rig wer­den. Leit­ar­ti­kel

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