Gu­ter Frei­han­del, bö­ser Frei­han­del

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - STIMME DES WESTENS - VON ANT­JE HÖNING

DÜS­SEL­DORF Die deutsch-fran­zö­si­sche Ach­se steht – zu­min­dest was die Po­si­ti­on der Lin­ken an­geht. In sel­te­ner Ein­mü­tig­keit er­klär­ten ges­tern SPD-Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el und Frank­reichs Staats­prä­si­dent François Hol­lan­de die Ver­hand­lun­gen mit den USA um das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP für ge­schei­tert. Hol­lan­de sag­te, die TTIP-Ge­sprä­che könn­ten nicht bis zum Jah­res­en­de ab­ge­schlos­sen wer­den. „Die Ver­hand­lung hat sich fest­ge­fah­ren.“

Zu­vor hat­te Ga­b­ri­el die Ge­sprä­che für ge­schei­tert er­klärt. „Ich glau­be, dass die Ame­ri­ka­ner TTIP ak­tiv be­en­det ha­ben – durch schlich­te Nicht-Be­reit­schaft, auf die Eu­ro­pä­er zu­zu­ge­hen.“In die­sem Jahr sei kei­ne Ei­ni­gung mehr mög­lich, es sei denn, man wol­le sich den Ame­ri­ka­nern un­ter­wer­fen. Zu­gleich lob­te der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter das Han­dels­ab­kom­men zwi­schen der Eu­ro­päi­schen Uni­on und Ka­na­da: Bei Ce­ta han­de­le es sich um ein gu­tes Ab­kom­men und ei­nen „Schutz für ein schlech­tes TTIP“. Gu­ter Han­del, bö­ser Han­del? Und was sind die Fol­gen für Wirt­schaft und Ver­brau­cher? Was brin­gen Frei­han­dels­ab­kom­men? Ziel der Ab­kom­men ist es, die Han­dels­hemm­nis­se zwi­schen Re­gio­nen wei­ter ab­zu­bau­en. Zu Han­dels­hemm­nis­sen zäh­len zum Bei­spiel Ein­fuhr­zöl­le, Zu­las­sungs­ver­fah­ren, un­ter­schied­li­che Nor­men und Stan­dards. Baut man die­se Hür­den ab, kön­nen vor al­lem klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren, die sich nicht Dut­zen­de Ex­per­ten leis­ten kön­nen. Durch TTIP und Ce­ta wür­den 50 Pro­zent des Welt­so­zi­al­pro­dukts mit­ein­an­der ver­bun­den, ein Wirt­schafts­raum für 800 Mil­lio­nen ent­stün­de. Die EU-Kom­mis­si­on geht da­von aus, dass Eu­ro­pas Wirt­schaft durch TTIP mit­tel­fris­tig um 0,5 Pro­zent wächst. Das ist auf den ers­ten Blick nicht üp­pig, wür­de aber für je­de vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie 445 Eu­ro mehr im Jahr be­deu­ten. Zu­dem könn­te ei­ne neue Dy­na­mik bei For­schung und Wachs­tum ent­ste­hen – ein Pfund im glo­ba­len Wett­streit mit Asi­en. Das For­schungs­in- sti­tut Ifo rech­net al­lein in Deutsch­land mit 110.000 neu­en Jobs dank TTIP. Was treibt Ga­b­ri­el? Ga­b­ri­el han­delt bei sei­ner TTIP-Kri­tik nicht als Mi­nis­ter für die Wirt­schaft, son­dern als Chef ei­ner Par­tei im Um­fra­ge­tief. Mit der Ab­leh­nung von TTIP ver­sucht er, bei Um­welt­und Ver­brau­cher­schüt­zern zu punk­ten, die viel Un­heil bei TTIP wit­tern. Sie fürch­ten, dass durch das Ab­kom­men Stan­dards beim Um­welt­schutz, der Le­bens­mit­tel­si­cher­heit und den Ar­beits­be­din­gun­gen sin­ken. Der Ver­band der Ma­schi­nen­bau­er (VDMA) ist em­pört: „Als Wirt­schafts­mi­nis­ter der Ex­port­na­ti­on Deutsch­land steht Sig­mar Ga­b­ri­el in der Pflicht, sich oh­ne Wenn und Aber für den Frei­han­del ein­zu­set­zen“, sag­te VDMA-Chef Thi­lo Brodtmann. „Der Frei­han­del ist zu wich­tig, um ihn nun par­tei­po­li­ti­schen In­ter­es­sen zu op­fern.“ Ge­fähr­det TTIP den Ver­brau­cher­schutz? Kri­ti­ker fürch­ten, dass US-Un­ter­neh­men gen­tech­nisch ver­än­der­te Pro­duk­te nach Eu­ro­pa ein­füh­ren oder um­strit­te­nen Pro­duk­ti­ons- und Kon­ser­vie­rungs­me­tho­den („Chlor­hühn­chen“) ein­set­zen wer­den. Die­se Sor­ge ist un­be­grün­det. Auch wenn man sich auf ge­mein­sa­me Stan­dards in gro­ßen Fra­gen ver­pflich­tet, blei­ben die Staa­ten in an­de­ren Fra­gen au­to­nom. So liegt die Zu­las­sung für Gen-Le­bens­mit­tel in der EU bei der Eu­ro­pean Food Sa­fe­ty Agen­cy. Dar­an soll sich laut Bun­des­re­gie­rung auch mit TTIP nichts än­dern, wie es in ei­nem vom Bun­des­tags­ab­ge­or­den­te Pe­ter Bey­er (CDU) for­mu­lier­ten Po­si­ti­ons­pa­pier für sei­ne Frak­ti­on heißt. „Pro­duk­te, die auf den eu­ro­päi­schen Markt ge­lan­gen, müs­sen wei­ter eu­ro­päi­schen Vor­ga­ben ent­spre­chen.“

Im üb­ri­gen: Bei Fra­gen der Haf­tung kann es für deut­sche Ver­brau­cher nur bes­ser wer­den. Deut­sche Die­sel-Fah­rer wür­den sich freu­en, wenn Volks­wa­gen auch ih­nen 5000 Dol­lar Ent­schä­di­gung zah­len wür­de, wie es in den USA der Fall ist. Auch kön­nen Ame­ri­ka­ne­rin­nen, die Är­ger mit der Ver­hü­tungs­pil­le von Bay­er ha­ben, viel hö­he­re Ver­gleichs­sum­men er­strei­ten als in Deutsch­land. Ge­fähr­det TTIP den Ar­beits­schutz? Die In­ter­na­tio­na­le Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) hat acht Ker­nar­beits­nor­men for­mu­liert. Deutsch­land hat al­le acht Nor­men ra­ti­fi­ziert, die USA da­ge­gen nur ei­ni­ge. Nicht ra­ti­fi­ziert ha­ben die USA zum Bei­spiel die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit und das Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen. Da­bei geht es um Bil­dung von Ge­werk­schaf­ten und Füh­ren von Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Ent­spre­chend sind die deut­schen Ge­werk­schaf­ten alar­miert. „TTIP, wie es jetzt ver­han­delt wird, wird nicht zum Er­folg füh­ren, schon gar nicht bis En­de des Jah­res“, sag­te der Chef des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des, Rei­ner Hoff­mann. Doch zum ei­nen bleibt das Grund­ge­setz (auch Ar­ti­kel 9 Ver­ei­ni­gungs­frei­heit) durch TTIP un­be­rührt. Zum an­de­ren lau­fen die Ver­hand­lun­gen noch – und Deutsch­land drängt dar­auf, dass die USA die üb­ri­gen ILO-Nor­men ra­ti­fi­ziert. War­um gilt Ce­ta als gut und TTIP als schlecht? Ga­b­ri­el macht TTIP auch des­halb schlecht, da­mit ihm sei­ne Par­tei beim Par­tei­kon­vent am 19. Sep­tem­ber we­nigs­tens beim Ab­kom­men mit Ka­na­da folgt. Klar ist, dass TTIP beim The­ma In­ves­ti­ti­ons­schutz tat­säch­lich An­lass zur Kri­tik bie­tet und Ce­ta hier ei­ne bes­se­re Re­ge­lung vor­sieht. Beim In­ves­to­ren­schutz geht es dar­um, Un­ter­neh­men ein Kla­ge­recht ge­gen Staa­ten ein­zu­räu­men, da­mit Fir­men sich ge­gen will­kür­li­che oder dis­kri­mi­nie­ren­de Maß­nah­men schüt­zen kön­nen. Bei Ce­ta wer­den sol­che Kla­gen vor öf­fent­li­chen Han­dels­ge­rich­ten ver­han­delt. Bei TTIP soll es nach dem Wil­len der Ame­ri­ka­ner da­ge­gen ei­ne Art pri­va­te, nicht­öf­fent­li­che Schieds­ge­rich­te ge­ben. Hier kann sich die US-An­walts­in­dus­trie bei bes­ter Be­zah­lung so rich­tig aus­to­ben. Sol­che Schieds­ge­rich­te leh­nen die Eu­ro­pä­er ab, konn­ten sich bis­lang aber nicht durch­set­zen. War­um es­ka­liert der Streit? Ob­wohl TTIP ein sper­ri­ges The­ma ist, ge­hen re­gel­mä­ßig Zehn­tau­sen­de da­ge­gen auf die Stra­ße. Das Miss­trau­en ist groß, auch weil die Re­gie­run­gen un­nö­tig Ge­heim­nis­krä­me­rei be­trie­ben und Miss­trau­en schür­ten. Na­tür­lich legt man bei Ver­hand­lun­gen die Kar­ten nicht früh­zei­tig auf den Tisch – doch es wä­re auch die Auf­ga­be von Ga­b­ri­el ge­we­sen, die Be­völ­ke­rung über den Se­gen von TTIP auf­zu­klä­ren. Zu­mal es auf US-Sei­te nur schwe­rer wer­den kann: We­der Hil­la­ry Cl­in­ton und erst recht nicht Do­nald Trump sind frei­han­dels­lie­bend wie der schei­den­de US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma. Schwe­re Zei­ten für Frei­händ­ler.

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