Ge­ber-Kom­mu­nen wol­len Re­vi­si­on

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - NORDRHEIN-WESTFALEN -

Ei­gent­lich soll der „Kom­mu­nal-So­li“die So­li­da­ri­tät un­ter den Kom­mu­nen in NRW stär­ken: Wohl­ha­ben­de­re Städ­te hel­fen den Är­me­ren aus der Fi­nanz-Mi­se­re. In Wahr­heit pas­siert das Ge­gen­teil. Der So­li wird zum kom­mu­na­len Zank­ap­fel.

DÜS­SEL­DORF (RP) Sei­nen Spitz­na­men hat der „Stär­kungs­pakt Stadt­fi­nan­zen“nicht nur in den Me­di­en. Auch das rot-grü­ne NRW-Ka­bi­nett, das die Not­hil­fe für pre­kä­re Kom­mu­nen En­de 2011 durch den Land­tag ge­paukt hat, re­det in­tern nur noch vom „Kom­mu­nal-So­li“. Selbst die Prä­si­den­tin des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes, Ri­car­da Brandts, über­nahm ges­tern die­sen Sprach­ge­brauch: „Der Kom­mu­nal-So­li ist zu­läs­sig“, rutsch­te es ihr et­was sa­lopp her­aus, als sie be­grün­de­te, war­um das ho­he Ge­richt die Kla­ge von über 70 NRW-Kom­mu­nen ge­gen das Ge­setz ab­ge­wie­sen hat. Ers­te Kom­mu­nen ha­ben ges­tern schon an­ge­kün­digt, ge­gen das Ur­teil vor­zu­ge­hen und vor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he zu zie­hen.

Der Be­griff „Kom­mu­nal-So­li“führt in dop­pel­ter Hin­sicht in die Ir­re. Zum ei­nen, weil er ei­nen Ne­ben­as­pekt des Stär­kungs­pak­tes zur Haupt­sa­che er­klärt: Er si­chert den von Über­schul­dung be­droh­ten Kom­mu­nen in NRW bis 2020 rund 5,8 Mil­li­ar­den Eu­ro an Hilfs­gel­dern zu. Das Geld kommt aber im We­sent­li­chen gar nicht von den Kom­mu­nen, son­dern vom Land. Nur et­wa ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Eu­ro müs­sen seit 2014 auch die je­weils fi­nanz­stärks­ten Kom­mu­nen des Lan­des bei­steu­ern. Ge­nau 91 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr, wo­von al­lein Mon­heim und Düs­sel­dorf im ver­gan­ge­nen Jahr 22,6 be­zie­hungs­wei­se 18,9 Mil­lio­nen Eu­ro zu stem­men hat­ten. Zu den Emp­fän­gern ge­hö­ren chro­ni­sche Plei­te-Kan­di­da­ten wie Duis­burg, Ober­hau­sen und Wup­per­tal.

Noch viel mehr führt der Be­griff „Kom­mu­nal-So­li“in die Ir­re, weil er in NRW das Ge­gen­teil von So­li­da­ri­tät er­zeugt hat. Hin­ter den Ku­lis­sen schimp­fen die ein­zah­len­den Städ­te auf die „Neh­mer-Kom­mu­nen“, weil sie de­ren an­geb­li­che Ver­schwen­dungs­sucht jetzt auch noch mit­zah­len müs­sen. „Wir füh­len uns für un­ser gu­tes Wirt­schaf­ten be­straft“, sagt Mon­heims Käm­me­rin Sa­bi­ne Noll. Um­ge­kehrt wer­fen die Emp­fän­ger den miss­ge­laun­ten Ge­bern Ego­is­mus vor, weil sie sich nicht in der Ver­ant­wor­tung für ih­re ei­ge­ne Fi­nanz­mi­se­re se­hen. Stell­ver­tre­tend für die Emp­fän­ger sagt NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD), der als Va­ter des „Kom­mu­nal-So­li“gilt: „Es gibt ein­fach un­ter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen. Man­che Kom­mu­nen ha­ben das Pech, struk­tur­schwach zu sein, und ha­ben zum Bei­spiel ein­fach mehr Ar­beits­lo­se.“

In der Be­grün­dung er­klär­te Brandts, der Stär­kungs­pakt ste­he zwar tat­säch­lich im Kon­flikt mit der ver­fas­sungs­sei­tig zu­ge­si­cher­ten Fi­nanz­ho­heit der Län­der. Dar­auf hat­ten die Klä­ger-Kom­mu­nen, die ei­ne Re­vi­si­on an­ge­kün­digt ha­ben, ih­re Kla­ge auf­ge­baut. Al­ler­dings sei die Not­la­ge et­li­cher Kom­mu­nen in NRW so pre­kär, dass sie oh­ne sol­che Fi­nanz­hil­fen ih­re Selbst­stän­dig­keit kom­plett zu ver­lie­ren droh­ten. Des­halb sei der So­li „aus­nahms­wei­se“eben doch zu­läs­sig, so Brandts, „die fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen für die um­la­ge­pflich­ti­gen Ge­mein­den sind zu­mut­bar“.

Das se­hen die na­tur­ge­mäß an­ders. Et­li­che Kom­mu­nen in NRW sind fi­nan­zi­ell so aus­ge­laugt, dass sie oh­ne­hin nur noch ein­ge­schränkt über ih­re Fi­nan­zen ver­fü­gen dür­fen. Die Kom­mu­ne Hün­xe zum Bei­spiel ist in der Haus­halts­si­che­rung und trotz­dem Ge­ber-Stadt. Genau­so wie die Stadt Rhein­berg. Die Stadt Meer­busch, die wohl jähr­lich zwei Mil­lio­nen Eu­ro zah­len muss, rech­net vor, dass ihr das ein Loch in den Etat reißt. Dag­mar For­mel­la, Käm­me­rin in der Ein­zah­ler-Kom­mu­ne Ha­an: „Uns tut das Ur­teil sehr weh.“Ha­an müs­se so­gar ei­gens Kre­di­te auf­neh­men, um den So­li be­zah­len zu kön­nen. Die Emp­fän­ger-Kom­mu­nen ju­beln je­doch. „Wir be­grü­ßen, dass es nun Rechts­klar­heit in die­sem für Duis­burg sehr wich­ti­gen Hilfs­pro­gramm gibt“, sagt die dor­ti­ge Käm­me­rin Dör­te Die­mert.

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