Sto­ner

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - UNTERHALTUNG -

Sich um sie zu küm­mern be­rei­te­te ihm ein Ver­gnü­gen, mit dem er nicht ge­rech­net hat­te. Bis et­wa ein Jahr nach Gra­ce’ Ge­burt blieb Edith teil­wei­se bett­lä­ge­rig, und man fürch­te­te, sie kön­ne auf Dau­er zur In­va­li­din wer­den, ob­wohl der Arzt kei­nen spe­zi­fi­schen Grund da­für fin­den konn­te. Wil­li­am stell­te ei­ne Frau ein, die vor­mit­tags kam und sich um Edith küm­mer­te; au­ßer­dem leg­te er sei­ne Se­mi­na­re so, dass er früh am Nach­mit­tag wie­der zu Hau­se sein konn­te.

Auf die­se Wei­se er­le­dig­te Wil­li­am über ein Jahr lang die Haus­ar­beit und ver­sorg­te zwei hilf­lo­se Men­schen. Vor dem Mor­gen­grau­en stand er auf, be­no­te­te Se­mi­nar­ar­bei­ten, ging sei­ne Vor­le­sun­gen durch, füt­ter­te Gra­ce, und ehe er zur Uni­ver­si­tät eil­te, mach­te er Edith und sich Früh­stück und be­rei­te­te sich ei­nen Lunch vor, den er in der Ak­ten­map­pe mit­nahm. Nach dem Un­ter­richt kehr­te er in die Woh­nung zu­rück, putz­te, feg­te und wisch­te Staub.

Sei­ner Toch­ter war er eher Mut­ter als Va­ter, wech­sel­te ih­re Win­deln und wusch sie, wähl­te ih­re Klei­der aus, die er, falls nö­tig, auch stopf­te, er füt­ter­te Gra­ce, ba­de­te sie und wieg­te sie in den Ar­men, wenn sie Kum­mer hat­te. Hin und wie­der rief Edith in quen­geli­gem Ton nach ih­rem Ba­by, und dann brach­te Wil­li­am die Klei­ne zu ih­rer Mut­ter, die auf­ge­stützt im Bett saß und Gra­ce ei­ni­ge Au­gen­bli­cke lang hielt, so still und un­be­hag­lich, als ge­hör­te das Kind ei­ner Frem­den. Schon bald er­mü­de­te sie und reich­te Wil­li­am mit ei­nem Seuf­zer das Ba­by zu­rück. Von dunk­len Ge­füh­len auf­ge­wühlt, wein­te sie dann ein we­nig, wisch­te sich die Au­gen und wand­te sich an­schlie­ßend von Mann und Kind ab.

So kann­te Gra­ce Sto­ner im ers­ten Jahr ih­res Le­bens nur die Zärt­lich­keit ih­res Va­ters, sei­ne Stim­me und sei­ne Lie­be.

Zu Som­mer­be­ginn des Jah­res 1924 wur­de Archer Slo­a­ne von meh­re­ren Stu­den­ten ge­se­hen, wie er an ei­nem Frei­tag­nach­mit­tag in sein Bü­ro ging. Am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag ent­deck­te ihn der Haus­meis­ter kurz nach dem Mor­gen­grau­en, als er sei­ne Run­de durch die Bü­ros von Jes­se Hall mach­te, um die Pa­pier­kör­be zu lee­ren. Slo­a­ne saß zu­sam­men­ge­sun­ken auf dem Stuhl an sei­nem Schreib­tisch, der Kopf selt­sam schief, die Au­gen of­fen und in schreck­li­chem Blick er­starrt. Der Haus­meis­ter sprach den Pro­fes­sor an und lief gleich dar­auf schrei­end durch die lee­ren Kor­ri­do­re. Ehe man die Lei­che aus dem Bü­ro ent­fer­nen konn­te, kam es zu ei­ni­ger Ver­zö­ge­rung, wes­halb sich be­reits meh­re­re Stu­den­ten auf den Flu­ren her­um­trie­ben, als die selt­sam ge­krümm­te, mit ei­nem La­ken be­deck­te Gestalt auf ei­ner Tra­ge die Trep­pe hin­ab zum war­ten­den Kran­ken­wa­gen ge­bracht wur­de. Spä­ter stell­te man fest, dass Archer Slo­a­ne ir­gend­wann am spä­ten Frei­tag­abend oder frü­hen Sams­tag­mor­gen ei­nes of­fen­kun­dig na­tür­li­chen To­des ge­stor­ben war und folg­lich das gan­ze Wo­che­n­en­de an sei­nem Schreib­tisch ge­ses­sen und end­los vor sich hin ge­starrt ha­ben muss­te. Der Lei­chen­be­schau­er nann­te als of­fi­zi­el­le To­des­ur­sa­che Herz­ver­sa­gen, doch blieb Wil­li­am Sto­ner da­von über­zeugt, dass Slo­a­ne in ei­nem Au­gen­blick der Ver­är­ge­rung und Ver­zweif­lung sein Herz wil­lent­lich zum Ste­hen ge­bracht hat­te, gleich­sam in ei­ner letz­ten stum­men Ges­te der Lie­be und Ver­ach­tung für ei­ne Welt, die ihn so um­fas­send ver­ra­ten hat­te, dass er es nicht län­ger er­tra­gen konn­te.

Bei der Be­er­di­gung ge­hör­te Sto­ner zu den Sarg­trä­gern. Wäh­rend der And­acht konn­te er sich nicht auf die Wor­te des Pries­ters kon­zen­trie­ren; au­ßer­dem wuss­te er, wie be­deu­tungs­los sie wa­ren. Und er dach­te dar­an, wie er Slo­a­ne zum ers­ten Mal im Se­mi­nar­raum ge­se­hen hat­te, dach­te an ih­re frü­hen Ge­sprä­che und an das lang­sa­me Da­hin­sie­chen die­ses Man­nes, der sein ent­fern­ter Freund ge­we­sen war. Spä­ter, als die And­acht vor­über war und er den grau­en Sarg an­hob und half, ihn auf den Lei­chen­wa­gen zu tra­gen, da schien er ihm so leicht zu sein, dass er kaum glau­ben konn­te, es lä­ge über­haupt et­was in der schma­len Kis­te.

Slo­a­ne be­saß kei­ne Fa­mi­lie, so­dass sich nur Kol­le­gen und ei­ni­ge Stadt­leu­te an der schma­len Gru­be ver­sam­mel­ten, um dem Pries­ter ehr­fürch­tig, ver­le­gen oder re­spekt­voll zu lau­schen. Und da kei­ne Fa­mi­lie und nie­mand, der ihn lieb­te, um sein Da­hin­schei­den trau­er­te, war es Sto­ner al­lein, der wein­te, als der Sarg in die Er­de ge­las­sen wur­de, als könn­ten sei­ne Trä­nen die Ein­sam­keit die­ses letz­ten Au­gen­blicks lin­dern. Nur wuss­te er nicht, ob er um sich selbst wein­te, um den Teil sei­ner Ge­schich­te und Ju­gend, der mit dem Sarg in der Er­de ver­sank, oder um die ar­me, dür­re Gestalt, die ein­mal je­ner Mann ge­we­sen war, den er ver­ehrt hat­te.

Gor­don Finch fuhr ihn zu­rück in die Stadt, und sie re­de­ten wäh­rend der Fahrt kaum ein Wort. Erst als sie sich der Stadt nä­her­ten, er­kun­dig­te sich Gor­don nach Edith; Wil­li­am ant­wor­te­te und frag­te nach Ca­ro­li­ne. Gor­don er­wi­der­te et­was, und dann herrsch­te er­neut Schwei­gen. Kurz be­vor sie vor Wil­li­ams Woh­nung hiel­ten, er­griff Gor­don Finch noch ein­mal das Wort.

„Ich weiß nicht. Wäh­rend der And­acht muss­te ich stän­dig an Mas­ters den­ken. An Da­ve, wie er in Frank­reich starb, und an den al­ten Slo­a­ne, wie er da tot zwei Ta­ge an sei­nem Tisch saß; als wä­ren die To­de ver­gleich­bar. Ich ha­be Slo­a­ne nicht be­son­ders gut ge­kannt, den­ke aber, er war ein gu­ter Mann, zu­min­dest ha­be ich das ge­hört. Und jetzt müs­sen wir sei­ne Stel­le neu be­set­zen und ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den für den Fach­be­reich fin­den. Es ist, als dreh­te sich al­les im Kreis, dreh­te und dreh­te sich im­mer wei­ter. Da kommt man schon ins Gr­ü­beln.“

„Ja“, sag­te Wil­li­am und ver­stumm­te dann wie­der. Ei­nen Mo­ment lang aber hat­te er Gor­don Finch sehr gern; und als er aus dem Wa­gen stieg und ihm nach­sah, wie er da­von­fuhr, spür­te er mit ei­nem Mal deut­lich, wie sich ein wei­te­rer Teil von ihm selbst, von sei­ner Ver­gan­gen­heit lang­sam, na­he­zu un­merk­lich in die Dun­kel­heit ent­fern­te.

Zu­sätz­lich zu sei­nen Pflich­ten als stell­ver­tre­ten­der De­kan be­trau­te man Gor­don Finch mit dem In­te­rims­vor­sitz des eng­li­schen Fach­be­reichs, und es ge­hör­te zu sei­nen un­mit­tel­bar an­ste­hen­den Auf­ga­ben, ei­nen Er­satz für Archer Slo­a­ne zu fin­den.

Erst im Ju­li konn­te die An­ge­le­gen­heit ge­re­gelt wer­den. Dann rief Finch je­ne Fa­kul­täts­mit­glie­der zu­sam­men, die über den Som­mer in Co­lum­bia ge­blie­ben wa­ren, um ih­nen mit­zu­tei­len, wer die Stel­le be­kom­men soll­te.

(Fort­set­zung folgt)

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