Jahr­hun­dert­mann des deut­schen Tier­films

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALES - VON O. E. SCHÜTZ

Sei­ne 172 Fern­seh­fil­me „Ex­pe­di­tio­nen ins Tier­reich“wa­ren in Deutsch­land ein Stra­ßen­fe­ger, wur­den in mehr als 140 Län­dern ge­zeigt. Heinz Siel­mann, in Rhe­ydt ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen, schrieb als Na­tur­schüt­zer Film­ge­schich­te. Mor­gen wä­re er 100 Jah­re ge­wor­den.

„Mir läuft es kalt über den Rü­cken, wenn ich se­he, was wir mit der Er­de an­ge­stellt ha­ben“, hat Heinz Siel­mann ge­sagt, kurz vor sei­nem Tod am 6. Ok­to­ber 2006 mit 89 Jah­ren in Mün­chen. „Die Na­tur sen­det SOS!“Er­nüch­tern­de Bi­lanz nach ei­nem Le­ben, das voll und ganz vom Kampf um die Na­tur ge­prägt war. Aber für ihn al­les an­de­re als so er­folg­los, wie man aus sei­nem Zi­tat schlie­ßen mag. Heinz Siel­mann, 1917 in Rhe­ydt ge­bo­ren und hier die ers­ten sie­ben Jah­re auf­ge­wach­sen, hat mit mehr als 200 Fil­men für Ki­no und Fern­se­hen so­wie 123 wis­sen­schaft­li­chen Lehr­fil­men Ge­schich­te ge­schrie­ben.

Le­gen­där sind sei­ne 172 Fol­gen der NDR-Se­rie „Ex­pe­di­tio­nen ins Tier­reich“, die ab 1965 zum Stra­ßen­fe­ger mit Zu­schau­er­quo­ten von bis zu 60 Pro­zent wur­den, zig Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land fas­zi­nier­ten und auch in mehr als 140 Län­dern der Welt ge­zeigt wur­den. Ge­ne­ra­tio­nen sind mit sei­nen „Ex­pe­di­tio­nen ins Tier­reich“auf­ge­wach­sen und ha­ben das Stau­nen ge­lernt über klei­ne Tie­re, die Siel­mann als groß­ar­ti­ge We­sen in ei­nem groß­ar­ti­gen Kos­mos zeig­te.

Am kom­men­den Mitt­woch (7. Ju­ni, 20.15 Uhr) er­in­nert der NDR in ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on an den Pio­nier des Tier­films und en­ga­gier­ten Na­tur­schüt­zer. Da­für be­reis­te die­ser, auch in Zu­sam­men­ar­beit mit re­nom­mier­ten Ver­hal­tens­for­schern, al­le Kon­ti­nen­te der Welt, nahm als Ka­me­ra­mann, Re­gis­seur, Pro­du­zent und Au­tor oft Ge­fah­ren für sein Le­ben in Kauf: Er nahm Fuß­mär­sche durch den Dschun­gel auf sich, ent­kam knapp den An­grif­fen ei­nes Ele­fan­ten­bul­len, ei­nes Fluss­pferds und ei­nes Sil­ber­rü­ckenGo­ril­las. Her­aus ka­men Fil­me über Tie­re, wie es sie noch nicht ge­ge­ben hat­te, mit zum Teil bahn­bre­chen­den Ver­hal­tens­stu­di­en. Be­rühmt sind un­ter an­de­rem sei­ne Fil­me „Herr­scher des Ur­walds“und „Ga­la­pa­gos – Traum­in­seln im Pa­zi­fik“.

Er er­hielt un­zäh­li­ge Aus­zeich­nun­gen: von vier Bun­des­film­prei­sen, ei­nem Gol­de­nen und ei­nem Sil­ber­nen Bä­ren bei den In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len in Berlin bis zum mit 50.000 Eu­ro höchst­do­tier­ten Eh­ren­preis Eu­ro­pas im Rah­men des Deut­schen Um­welt­prei­ses 2005 für sein Le­bens­werk. Da­zu gab es un­ter vie­lem an­de­ren den Bam­bi, die Gol­de­ne Ka­me­ra und in­ter­na­tio­na­le Prei­se bis zur Be­tei­li­gung an ei­ner Os­car-Prä­mie­rung. Und 1977 auch ei­ne Aus­zeich­nung in sei­ner Va­ter­stadt: die Gol­de­ne Blu­me von Rhe­ydt.

„Heinz Siel­mann hat mit sei­nen Fern­seh­fil­men die Na­tur ins Wohn­zim­mer ge­bracht“, sag­te Fritz Brick­wed­de, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Bun­des­stif­tung Um­welt bei der Preis­ver­lei­hung 2005 an den 88-Jäh­ri­gen. Die Fern­seh­mo­de­ra­to­rin Ni­na Ru­ge nann­te 2007 bei ih­rem Ab­schied vom Bild­schirm auf die Fra­ge „Men­schen, die mich tief be­rührt ha­ben“drei Na­men: Ha­rald Juhn­ke, Hil­de­gard Knef und Heinz Siel­mann.

Er gilt, ne­ben Bern­hard Gr­zimek, als „Jahr­hun­dert­mann des deut­schen Tier­films“. Der Wunsch zu die­sem Be­ruf kam schon früh: durch Tier­fil­me, die vor den Haupt­fil­men im Ki­no ge­zeigt wur­den. Zu­nächst zog er in Ost­preu­ßen, wo­hin die Fa­mi­lie 1924 ge­zo­gen war, mit dem Fern­glas sei­nes Va­ters los, um Vö­gel zu be­ob­ach­ten – was zu­las­ten sei­ner Schul­no­ten ging. Als die wie­der bes­ser wur­den, schenk­te sei­ne

„Ex­pe­di­tio­nins Tier­reich“hieß wie die Fil­me auch sein Buch, das Siel­mann 1980 vor­stell­te

Mut­ter ihm den ers­ten Fo­to­ap­pa­rat, der Va­ter zum Abitur die ers­te Film­ka­me­ra.

1938, mit 21 Jah­ren, dreh­te Siel­mann be­reits sei­nen ers­ten Tier­film, noch als Stumm­film: „Vö­gel über Haff und Wie­sen“fand auf An­hieb An­er­ken­nung bei Fach­leu­ten und Pu­bli­kum. Es folg­te der Krieg mit der Ein­be­ru­fung zur Wehr- macht als Aus­bil­der, gleich­zei­ti­gem Stu­di­um der Bio­lo­gie und Zoo­lo­gie in Po­sen und 1944 sei­ner Ver­set­zung an die Ost­front. Doch er hat­te Glück, wur­de nach Kre­ta zum Fil­me­ma­chen ge­schickt. In der Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­deck­ten auch die Bri­ten sein Ta­lent, es gab ers­te Kon­tak­te zum Fern­seh­sen­der BBC. Nach dem Krieg dreh­te Siel­mann als Ka­me­ra­mann in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Na­tur­fil­me. 1949 hat­te sein ers­ter ei­ge­ner Ki­no­film Pre­mie­re: „Lied der Wild­bahn“.

Er leb­te in Mün­chen, oder bes­ser: Er war im­mer mehr für sei­ne Fil­me in der Welt un­ter­wegs. Auch mit sei­ner Frau In­ge, die er im Jahr 1951 hei­ra­te­te. Ein Schick­sals­schlag für die bei­den: 1988 starb ihr Sohn Ste- phan bei ei­nem Un­fall im Rah­men ei­ner Ex­pe­di­ti­on in Ke­nia mit nur 24 Jah­ren.

1994 grün­de­te das Ehe­paar die Heinz-Siel­mann-Stif­tung. Ihr An­lie­gen: durch An­kauf und Pfle­ge von Bio­to­pen Le­bens­räu­me für be­droh­te Ar­ten zu schaf­fen und zu er­hal­ten, da­zu Kin­der und Ju­gend­li­che für den Na­tur­schutz zu be­geis­tern.

FO­TO: HEINZ-SIEL­MANN-STIF­TUNG

Heinz Spiel­mann filmt 1978 auf dem Zug­spitz­mas­siv.

FO­TO: HEINZ-SIEL­MANN-STIF­TUNG

Zu­trau­li­cher Pin­gu­in

Die Eh­rung 1977 (v. r.) : Heinz Siel­mann mit Pe­ter Lo­renz, Ge­schäfts­füh­rer des Bür­ger­ver­eins „Blü­hen­des, schaf­fen­des Rhe­ydt“, und Ober­bür­ger­meis­ter Theo­dor Bol­ze­ni­us.

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