Ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Be­geg­nung

Rheinische Post Moenchengladbach-Land - - LOKALE KULTUR - VON IN­GE SCHNETTLER

„Ge­stran­det“heißt das Werk, das der Glad­ba­cher Cag­das Yük­sel pro­du­ziert hat. Im Haus Zo­ar fei­er­te der Film sei­ne NRW-Pre­mie­re. Die An­nä­he­rung zwi­schen der ge­flüch­te­ten Sa­mi­ra und der Po­li­zis­tin Kat­ha­ri­na ist auf­rüt­telnd.

Sa­mi­ra hat ei­nen Lieb­lings­ort in Mün­chen. Die jun­ge Frau, die aus der sy­ri­schen Stadt Homs ge­flüch­tet ist und in ei­nem Mün­che­ner Über­gangs­heim lebt, ver­bringt viel Zeit am Ufer der Isar. Das to­sen­de Was­ser soll die Ge­räu­sche über­tö­nen, die nicht aus ih­rem Kopf wei­chen wol­len: das Heu­len von Si­re­nen, das Knat­tern von Ma­schi­nen­ge­weh­ren, die gel­len­den Schreie der Men­schen. Es sind die Er­in­ne­run­gen an den Krieg, der sie aus ih­rer Hei­mat­stadt ver­trie­ben hat, und die Ge­räu­sche von der Flucht über das Meer. Als sich vor Sa­mi­ras Un­ter­kunft hass­er­füll­te Na­zis zu­sam­men­rot­ten und ei­ne Grup­pe Flücht­lin­ge an­grei­fen, kreu­zen sich Sa­mi­ras und Kat­ha­ri­nas We­ge.

Kat­ha­ri­na ist ei­ne jun­ge Po­li­zis­tin. Sie mischt sich ge­gen den Rat ih- res Kol­le­gen in die Aus­ein­an­der­set­zung ein und wird selbst zum Op­fer. Sa­mi­ra will der ver­letz­ten Be­am­tin hel­fen – die bei­den Frau­en se­hen sich zum ers­ten Mal. Und es ge­schieht et­was. In der Fol­ge be­geg­nen sie sich im­mer wie­der – auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne. Als Geis­ter? Als Träu­men­de?

Sei­ne gut be­such­te NRW-Pre­mie­re fei­er­te der Film im Ki­no­saal von Haus Zo­ar. Das ist kein Zu­fall: Cag­das Yük­sel, des­sen Un­ter­neh­men „Cock­tail­film“ih­ren Sitz im Co­wor­king-Space CO 21 an der Hin­den­burg­stra­ße hat, hat „Ge­stran­det“pro­du­ziert. Nach dem En­de des Films ste­hen Re­gis­seur Kai Sit­te, Se­ren Sa­hin, der den Kol­le­gen von Kat­ha­ri­na spielt, und Cag­das Yük­sel zur Dis­kus­si­on be­reit. Sie be­rich­ten da­von, wie schwie­rig es war, Flücht­lin­ge zu be­we­gen, an dem Pro­jekt mit­zu­ar­bei­ten.

„Der Film soll­te, das war uns al­len sehr wich­tig, ab­so­lut au­then­tisch wir­ken“, sagt Kai Sit­te. Des­halb wa­ren sie in Flücht­lings­un­ter­künf­ten, führ­ten dort in­ten­si­ve Ge­sprä­che. Sie be­such­ten Erst­auf­nah­me­la­ger, er­leb­ten das Cha­os bei dem bü­ro­kra­ti­schen, aber er­schre­ckend hilf­lo­sen Ver­such, die Flücht­lin­ge ord­nungs­ge­mäß zu re­gis­trie­ren, sie ver­schaff­ten sich Re­qui­si­ten bei der Po­li­zei­ge­werk­schaft.

Nach lan­ger Su­che fan­den sie Le­las Al-Say­ed. Die jun­ge Frau las das Dreh­buch, das Ve­ro­ni­ka Schwarz­mai­er ge­schrie­ben hat, und sag­te: „Das ist doch mein Le­ben.“Die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter ist tat­säch­lich selbst mit ih­ren bei­den Kin­dern von Sy­ri­en nach Deutsch­land ge­flo­hen. Sie fand sich in der Rol­le als Sa­mi­ra so­fort zu­recht. „In ge­wis­ser Wei­se hat sie ihr Trau­ma auf­ge­ar­bei­tet, in­dem sie in dem Film spiel- te“, ist Kai Sit­te über­zeugt. In je­dem Fall ist sie ei­ne über­zeu­gen­de Darstel­le­rin.

Die Ge­schich­te er­zählt von der An­nä­he­rung zwi­schen der Sy­re­rin Sa­mi­ra und der Deut­schen Kat­ha­ri­na. Sie ler­nen, mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren, oh­ne die je­weils an­de­re Spra­che zu ver­ste­hen. Sa­mi­ra ge­währt der jun­gen Po­li­zis­tin Ein­blick in ihr See­len­le­ben. Sie füh­le sich in ih­rer Un­ter­kunft wie auf ei­nem Bahn­hof. „Ich war­te, dass es wei­ter­geht, aber es geht nicht wei­ter.“Sie möch­te weg aus ih­rem kar­gen Zim­mer, weg auch aus Mün­chen, um end­lich wie­der ein ei­gen­stän­di­ges Le­ben füh­ren zu kön­nen.

30 Mi­nu­ten dau­ert die Hand­lung, es sind sehr in­ten­si­ve Mi­nu­ten. Das Leid Sa­mi­ras geht un­ter die Haut, ih­re dunk­len Au­gen wir­ken so ent­setz­lich trau­rig. Trotz ih­rer See­len­qua­len macht sie ein Sel­fie von ih- rem lä­cheln­den Ge­sicht – im Hin­ter­grund die Isar. Sie schickt das Fo­to an die Fa­mi­lie, will sie so be­ru­hi­gen.

Die brül­len­den Na­zis ma­chen Angst. Mit häss­lich ver­zerr­ten Ge­sich­tern schrei­en sie ih­re Pa­ro­len – „Wir wol­len kei­ne Asy­lan­ten­schwei­ne“, „Aus­län­der raus“. Sie prü­geln auf die ge­flüch­te­ten Men­schen ein. Das ist ein Mo­ment, der fast un­er­träg­lich ist. Fas­sungs­los er­le­ben die Zu­schau­er den un­er­mess­li­chen Hass, der den Men­schen ent­ge­gen­schlägt, die un­ter Qua­len und gro­ßen Ge­fah­ren nach Deutsch­land ka­men, um in Frie­den zu le­ben.

„Uns geht es dar­um, die Si­tua­ti­on der ge­flüch­te­ten Men­schen so zu zei­gen, wie sie ist. Wir hof­fen, dass un­ser Film in­ne­hal­ten lässt, dass er mög­li­cher­wei­se ein An­ders­den­ken be­wirkt“, sagt Cag­das Yük­sel. Das soll­te ge­lin­gen.

FO­TO: COCKTAILFILMS

Le­las Al-Say­ed und Re­gi­na Spei­se­der sind Sa­mi­ra, die aus Sy­ri­en nach Deutsch­land ge­flüch­tet ist, und die Po­li­zis­tin Kat­ha­ri­na.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.